Verlust verdreifacht: Gründe für die Talfahrt von Gerry Weber

Martin Krause

In Schieflage geraten: Die Gerry Weber AG schreibt rote Zahlen - nicht zuletzt der heiße Sommer ist daran schuld. - © Foto: Nicole Donath
In Schieflage geraten: Die Gerry Weber AG schreibt rote Zahlen - nicht zuletzt der heiße Sommer ist daran schuld. (© Foto: Nicole Donath)
Sucht die Wende: Firmenchef Ralf Weber. - © Wolfgang Rudolf
Sucht die Wende: Firmenchef Ralf Weber. (© Wolfgang Rudolf)

Halle. Der Markt irrt sich nie, behaupten manche Börsianer. Für die Gerry Weber AG würde es wenig Gutes bedeuten, wenn sie recht hätten. Denn seit mehr als vier Jahren befindet sich der Aktienkurs im Sturzflug. Im Juni hatte selbst die Mitteilung über eine neue Entlassungswelle bei dem Modekonzern, der ab November 150 der noch rund 6.500 Stellen streichen will, die Aktionäre nicht beruhigt - dabei quittieren die Anleger solche Sparmaßnahmen doch sonst oft mit Wohlwollen. Immerhin, nach dem neuen Zwischenbericht gibt es jetzt einen Hoffnungsschimmer: Der Kurs stieg um 5,6 Prozent.

Dabei sind die Zahlen für die ersten neun Monate des Geschäftsjahres 2017/18, das am 31. Oktober endet, wieder mal ernüchternd: Im Vergleich zu dem ohnehin bereits schwachen Vorjahreszeitraum schrumpfte der Umsatz um 7,3 Prozent auf 575,1 (Vorjahr 620,1) Millionen Euro.

Während der sonst eher als lautstark bekannte Großaktionär Gerhard Weber (77) sich seit Monaten öffentlich zurückhält, reagiert Vorstandschef Ralf Weber mit Ankündigungen: "Wir verändern gerade unsere Denk- und Arbeitsweise grundlegend - ohne jegliche Tabus", so der Sohn des Konzerngründers. Wegen der "unbefriedigenden Umsatzentwicklung" werde das Geschäftsmodell "mit Nachdruck" umgestellt. Die Modemacher wollen schneller und flexibler werden und sich noch mehr an den Wünschen der Kundin orientieren. Was das konkret bedeutet, darüber kann nur spekuliert werden.

Sparmaßnahmen bedeuten weiter rote Zahlen

Als ein Grund der Flaute gilt die allgemeine Schwäche des Textilmarktes. Dabei habe der heiße Sommer die Mode-Unlust der Kundinnen noch verstärkt, sagte ein Firmensprecher. Obendrein macht sich auch die Schließung von Läden bemerkbar: So sank die Zahl der Gerry-Weber-Stores von 465 auf 440. Dass die Tochterfirma Hallhuber zugleich die Zahl ihrer Geschäfte von 376 auf 410 erhöhte, konnte die Einbußen nicht wettmachen.

Ein Desaster war die Entwicklung vor allem in den Monaten Mai, Juni und Juli: In diesem dritten Quartal sanken die Erlöse um 11,4 Prozent auf nur noch 170,4 Millionen Euro.

Trotz (oder gerade wegen) der eingeleiteten Sparmaßnahmen rutschte der Konzern noch tiefer in die roten Zahlen: Der Nettoverlust verdreifachte sich auch durch die Kosten der Sanierung in den ersten neun Monaten auf 10,7 (Vorjahr 3,4) Millionen Euro.

Insider sprechen von hoher Verschuldung

Sorgen bereitet den Aktionären und Mitarbeitern inzwischen die finanzielle Lage der Gerry Weber AG: Zwar weist die Bilanz eine stabile Eigenkapitalquote in Höhe von 53 Prozent aus. Aber die kurzfristigen (in der Regel teureren) Verbindlichkeiten haben sich seit Oktober 2017 von 10,8 auf nun 54 Millionen Euro verfünffacht. In der Kasse macht sich zugleich Ebbe breit: Die liquiden Mittel schmelzen seit Jahren dahin. Ende Juli standen nur noch 20 Millionen Euro zur Verfügung, neun Monate zuvor waren es noch mehr als 36 Millionen Euro - und 2014 über 100 Millionen Euro.

Dass die Gerry Weber AG Geld braucht, war schon vermutet worden, als 2016 die für Ausstellungen errichtete Halle 30 in Düsseldorf für 49 Millionen Euro verkauft wurde. Vor wenigen Wochen nun spekulierte das Manager-Magazin, "das angeschlagene Modehaus" müsse "möglicherweise zerlegt werden".

Das Magazin lässt einen Manager zu Wort kommen, der vermutet, die Tochter Hallhuber müsse verkauft und das Filialgeschäft eingestellt werden. Ein drängendes Problem der Gerry Weber AG sei die hohe Verschuldung - denn in den nächsten Jahren würden Obligationen und Bankverbindlichkeiten in Höhe von 187 Millionen Euro fällig.

Es kann so nicht ewig gut gehen

Ein Unternehmenssprecher bestätigte jetzt, dass noch im November 2018 Rückzahlungen in Höhe von 31 Millionen Euro geleistet werden müssen. "Daran wird mit Finanzierungspartnern gearbeitet", sagte er. Auf welche Weise sich der Modekonzern die nötigen Mittel beschaffen will, darüber mochte er nichts sagen.

Viele Wege sind neben einer schlichten Umschuldung denkbar. Der Konzern könnte weitere Firmenteile verkaufen, etwa die Messe-Halle 29 in Düsseldorf oder einzelne Marken (Taifun, Samoon), das als überdimensioniert geltende neue Logistikzentrum oder die Tochter Hallhuber. Möglich auch, dass die Familien Weber (Anteil 33,5 Prozent) und Hardieck (17,4 Prozent) einen Investor ins Haus holen, der bei einer Kapitalerhöhung frisches Geld einbringt.

Klar ist nur, dass die negative Entwicklung schon rein rechnerisch nicht ewig gut gehen kann.

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