Realschulerinnerungen: Zwischen Erdkunde und Erbsensuppe

Uwe Pollmeier

Großes Privatarchiv: Elfriede Nikoleizig, geborene Kahmann, hat die Realschule, die damals noch Mittelschule hieß, von 1944 bis 1951 besucht. Ihre alten Schulhefte hat sie bis heute fein säuberlich in einem Koffer aufbewahrt. - © Uwe Pollmeier
Großes Privatarchiv: Elfriede Nikoleizig, geborene Kahmann, hat die Realschule, die damals noch Mittelschule hieß, von 1944 bis 1951 besucht. Ihre alten Schulhefte hat sie bis heute fein säuberlich in einem Koffer aufbewahrt. (© Uwe Pollmeier)

Halle. Elfriede Nikoleizig war eine gute Schülerin. Weil sie es wollte und weil sie es musste. Denn nur bei guten Noten konnten sich ihre Eltern von der Zahlung des Schulgelds in den Nachkriegsjahren befreien lassen. Dennoch musste sie ein Jahr länger zur Schule gehen. Schuld war der Zweite Weltkrieg, der den Schulbetrieb an der Haller Mittelschule von Februar 1945 bis Januar 1946 stilllegte.

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„Es war eine schöne Zeit, aber auch nicht ganz einfach", erinnert sich Nikoleizig mit verständlich gemischten Gefühlen. Im Sommer 1944 am Vorläufer der späteren Realschule eingeschult, musste sie gleich zu Beginn ihrer Schulzeit wegen Fliegeralarms so manche Unterrichtsstunde im Luftschutzkeller verbringen.

Ihre Klasse kannten alle nur als Luisen-Klasse. „Die nannten wir alle so, weil unsere Klassenlehrerin Luise Scharfenberg hieß", erklärt Nikoleizig, die damals noch Kahmann hieß. In ihrer Klasse gab es 29 Schüler und es ging natürlich deutlich strenger zu als im heutigen Schulalltag. „Wir mussten öfters mal ein oder zwei Stunden nachsitzen", erinnert sich die 85-Jährige, die heute noch in ihrem Elternhaus in Gartnisch lebt.

Streiche der Jungs wecken ihr Interesse

„Wir Mädchen waren die Braven, aber die Jungs hatten öfters mal was ausgeheckt", sagt Nikoleizig. Die Jungs seinen mutig, aber zuweilen auch frech gewesen. Schaltete ein Lehrer im Unterricht mal den Filmprojektor ein, so ärgerten sie ihn gerne damit, dass sie den Stecker des Geräts immer wieder aus der Steckdose zogen. Zumindest einer von ihnen hat bei ihr aber einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Mitschüler Manfred sollte später der Mann werden, mit dem sie bis zu dessen Tod am 1. Mai 2007 fast 52 Jahre lang verheiratet war.

Erinnerungen: Elfriede Nikoleizig hat ihre alten Schulhefte behalten. Sie kennt auch noch alle Daten der wichtigsten Ereignisse. - © Uwe Pollmeier
Erinnerungen: Elfriede Nikoleizig hat ihre alten Schulhefte behalten. Sie kennt auch noch alle Daten der wichtigsten Ereignisse. (© Uwe Pollmeier)

„Näher kamen wir uns aber erst nach der Schulzeit. Bei einem Klassentreffen bei Schmedtmann am 6. Dezember 1952, als beide bei einem Tanzspiel als Sieger hervorgingen. Warum es nicht schon eher zwischen den Mitschülern gefunkt hat, kann Elfriede Nikoleizig ganz plausibel erklären: „Ich hatte ja damals noch einen anderen Freund. Den musste ich erst einmal loswerden", sagt die 85-Jährige.

In der Schule lief es ganz gut, allerdings hatte sie anfangs oft Alpträume, weil sie immer sehr viel lernen musste. Gerne machte sie dies in den Bereichen Singen, Zeichnen und Kurzschrift, gar keinen Gefallen hatte sie hingegen an Erdkunde. „Das interessierte mich nicht. Hinter Bielefeld war mir ohnehin alles fremd, weiter war ich noch nie gekommen. Es war mir daher auch egal, was dort los ist", sagt Nikoleizig.

Zum Heizen musste jeder selbst Briketts mitbringen

Gut erinnern kann sich die Hallerin auch an die Schulspeisungen in der Nachkriegszeit. „Wir mussten alle einen alten Topf oder eine Dose mitbringen und bekamen dann Erbsen- oder Milchsuppe." Geliefert wurde das Essen per Auto in einem großen Fass.

Zudem gab es kaum Heizmaterial, so dass es im Winter in den Klassenräumen oft sehr kalt war. „Wir mussten selber Briketts zum Heizen mitbringen. Manchmal durften wir auch in der Kantine des Landratsamts oder bei Storck unsere Schulstunde abhalten", erinnert sich Nikoleizig. Manchmal hab es dort sogar ein Eis gegeben.

Sieben Jahre nach der Einschulung endete schließlich Nikoleizigs Zeit an der Schule, die damals noch direkt neben der katholischen Kirche stand. Ein Mitschüler hatte sich für den Moment der Zeugnisübergabe noch einen besonderen Streich einfallen lassen. „Ich darf das sicher erzählen. Die Person ist ja schon tot", sagt Nikoleizig. Einen Namen werde sie dennoch nicht nennen.

20 Klassentreffen zwischen 1951 und 2009

„Er hatte vorher eine sehr echt aussehende Kopie eines Zeugnisses angefertigt", erzählt Nikoleizig. Dieses Duplikat tauschte er nach der Übergabe des Abschlusszeugnisses mit Hilfe eines Mitschülers sekundenschnell und ohne dass es jemand bemerkte aus. Nun die Kopie in den Händen zerriss er diese und alle glaubten, es sei sein Originalzeugnis. „Das gab richtig Ärger", erinnert sich Nikoleizig.

Gerne erinnert sich sie auch an die insgesamt 20 Klassentreffen zwischen 1951 und 2009. Zu jeder Klassenfeier wurden Gedichte oder Lieder vorgetragen. Die Texte waren meistens doch eher lehrerfeindlich, so dass man auf die Einladung von Pädagogen anfangs gänzlich verzichtete. „Später haben wir dann aber doch mal einige eingeladen", sagt Nikoleizig.

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