Förderprogramm Produktionsschule NRW steht vor dem Aus

Heiko Kaiser

Bald im Job: Marcel Brune (links) hofft auf eine Anstellung. Darauf haben ihn Anleiter Frank Flethe und Geschäftsführerin Jennifer Schmidt vom Ravensberger Jugendbildungshaus vorbereitet. - © Heiko Kaiser
Bald im Job: Marcel Brune (links) hofft auf eine Anstellung. Darauf haben ihn Anleiter Frank Flethe und Geschäftsführerin Jennifer Schmidt vom Ravensberger Jugendbildungshaus vorbereitet. (© Heiko Kaiser)

Halle. „Das ist so, als wenn man in einem Buch immer wieder die gleiche Seite liest." Es klingt beinahe philosophisch, wenn Marcel Brune von seinem Leben spricht. Dem Leben, bevor er das Angebot der Produktionsschule in Anspruch genommen hat. Das vor drei Jahren initiierte Programm fällt dem Rotstift der schwarz-gelben Landesregierung zum Opfer und lässt Menschen wie Marcel Brune allein.

Das Förderprogramm Produktionsschule.NRW war 2015 für Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren ausgeschrieben worden. „Überwiegend handelt es sich dabei um junge Männer", sagt Jennifer Schmidt, Geschäftsführerin des Maßnahmenträgers Ravensberger Jugendbildungshaus ( RaJubi ). Junge Männer, die aus unterschiedlichen Gründen den Sprung auf den Arbeitsmarkt verpasst haben. Schulabbruch, häusliche und persönliche Schwierigkeiten, Schulden oder Drogen türmen sich für sie zu einem unüberwindlichen Hindernis auf dem Weg in ein geregeltes Leben.

Erfahrung der Selbstwirksamkeit

Im Rahmen der Maßnahme wurden diese jungen Menschen nicht nur mit verschiedenen handwerklichen Fähigkeiten vertraut gemacht, sie lernten vor allem eine Lern- und Arbeitshaltung zu entwickeln, die sie erst zur Durchführung weiterer Schritte im Rahmen der Berufsbildungsförderung oder zur Aufnahme einer Ausbildung oder sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit ertüchtigte. Zusammen mit ihren Anleitern führten sie dabei reale Aufträge aus. „Wir haben zum Beispiel eine Treppe verfliest und verfugt, Pflasterarbeiten durchgeführt, einen Sichtschutz für Mülltonnen gebaut oder Vogelkästen produziert", nennt Marcel Brune nur einige Beispiele.

„Die Teilnehmer erfahren so Wertschätzung, etwas geschafft zu haben. Sie können selbst gestalten und fühlen sich angenommen", sagt Jennifer Schmidt. Dieses Erleben der Selbstwirksamkeit ist für viele schließlich der entscheidende Antrieb, um dem Teufelskreis aus persönlichen Defiziten, Versagen und Kritik zu entfliehen.

Über 100 junge Menschen haben seit 2015 die Produktionsschule des RaJubi besucht. Die Einschätzung von NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann, das Projekt sei gescheitert, kann Jennifer Schmidt nicht teilen. „Über 80 Prozent unserer Teilnehmer konnten anschließend in andere Fördermaßnahmen wechseln, haben eine Ausbildung, einen sozialversicherungspflichtigen Job oder einen Mini-Job aufgenommen", sagt sie und fügt hinzu: „Alle Beteiligten, die Maßnahmeträger, die Jobcenter, die Arbeitsämter sowie die Jugendämter sehen den Bedarf. Doch es gibt kein Geld aus Düsseldorf."

"Das geht am eigentlichen Bedarf vorbei"

Das stattdessen aufgelegte Projekt »Werkstattjahr« richtet sich nur an die 15- bis 19-Jährigen. „Alle wissen, das geht am eigentlichen Bedarf vorbei", sagt Jennifer Schmidt. Denn den haben vor allem die Über-19-Jährigen. Doch die fallen raus. Im Ravensberger Jugendbildungshaus sind davon ab September 30 junge Menschen betroffen.

„Hier haben sie gelernt, mit praktischer Arbeit, Kopf und Körper miteinander zu verbinden", sagt Anleiter Frank Flethe . Brune, der seit März an der Maßnahme teilnimmt, hat jedenfalls davon profitiert. „Ich habe demnächst ein Vorstellungsgespräch bei einem Garten- und Landschaftsbauunternehmen. Der Chef hat mich bei einem der Aufträge arbeiten gesehen und gesagt, ich könne mich bei ihm vorstellen", erzählt er. So kann der 22-Jährige demnächst eine neue Seite seines Lebensbuches aufschlagen.

Kommentar: Nicht nur mit dem Hintern denken

Offensichtlich denkt diese Landesregierung am besten mit dem Hintern. Mit jener Region eben, wo das Portmonee sitzt. Anders ist die Entscheidung, entgegen der eindringlichen Mahnung der Wohlfahrtsverbände die Produktionsschulen abzuschaffen, nicht zu verstehen. Sechs Millionen Euro will Arbeits- und Sozialminister Karl-Josef Laumann pro Jahr einsparen. Und spart dabei an der falschen Stelle.

Die Begründung ist fadenscheinig. „60 Prozent der Teilnehmer brechen die Maßnahme ab", sagt der Minister. Also lassen wir doch auch die restlichen 40 Prozent durch das Sieb fallen, lautet offensichtlich die für daraus folgende logische Konsequenz. Das sind etwa 1.100 junge Menschen pro Jahr. Dass er damit perspektivlose Jugendliche und Schulabbrecher in eine Karriere als Langzeitarbeitslose schickt, scheint er angesichts des Sparpotenzials in Kauf zu nehmen. Das ist auch aus rechnerischer Sicht zu kurz gedacht. Denn sollte auch nur jeder zehnte Teilnehmer an Produktionsschulen einen sozialversicherungspflichtigen Job bekommen, hätten sich die Ausgaben schnell amortisiert.

Produktionsschulen sind darüber hinaus Lebensschulen. Engagierte Mitarbeiter bringen dabei jungen Menschen auf manchmal sehr beschwerlichem Wege bei, pünktlich, ausdauernd, zuverlässig und ehrlich zu sein. Selbstverständlichkeiten, die aber für dieses Klientel alles andere als selbstverständlich sind. Sie verschaffen ihnen Erfolgserlebnisse und wecken damit für viele erstmals das Gefühl, einen Wert für die Gesellschaft zu haben. Das sind elementare Verhaltensweisen und wichtige Korrekturen an verkorksten Lebensbiografien. Sie bereiten den Weg in den Beruf vor, legen Grundlagen. Ihr Wert ist zunächst nicht in Cent und Euro messbar. Und so zählen sie eben nicht, für die, die so kurzfristig wie diese Landesregierung und dabei vor allem mit dem Hintern denken.

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