Eine Woche ohne Müll: Öl im Mund, Mehl auf dem Kopf

Melanie Wigger

Holzzahnbürste, Roggenmehl und Olivenöl: Melanie Wigger testet Hausmittel. - © Andreas Frücht
Holzzahnbürste, Roggenmehl und Olivenöl: Melanie Wigger testet Hausmittel. (© Andreas Frücht)

Altkreis Halle. Ich nehme einen großen Schluck aus der Fritteuse – so fühlt es sich zumindest an, als ich versuche meine Plastikzahnbürste aus dem Badezimmer zu verbanden. Sogar die Zahnpasta aus der Tube spare ich mir durch das Ölziehen, einer ayurvedischen Methode zur Mundpflege. Gewöhnungsbedürftig! Das Pflanzenöl wird dabei mehrere Minuten im Mund verteilt und anschließend ausgespuckt. Leinöl wird empfohlen – ich finde nur Olivenöl im Küchenschrank. Auch das macht die Zähne glatt und glänzend, zurück bleibt ein wirklich unangenehmer Geschmack und ein leichtes Brennen im Rachen. Nie wieder!

Mein Ass im Ärmel: eine kompostierbare Zahnbürste mit Holzgriff und (leider) Schweineborsten. Die habe ich mir nicht etwa doppelt und dreifach verpackt von einem Berliner Bio-Lable zuschicken lassen, sondern in der Region gekauft. In einem kleinen Laden in Bad Rothenfelde stehen die Zahnbürsten zwischen Besen, Spül- und Haarbürsten. Hergestellt in Deutschland – ein Teil davon stammt sogar aus Versmolder Heimarbeit, erklärt Jutta Redecker, mit der ich mich im Bürstenhaus verabredet habe.

Zahnbürste mit Schweineborsten

1986 übernahmen sie und ihr Mann das seit 1935 bestehende Familienunternehmen und krempelten die Produktion um. „Nur noch biologische Materialien, heimische Hölzer und Naturhaare", sagt Redecker. „Wir kommen aus der Bio-Szene und das sieht man nicht nur an den Produkten." Selbst die edelsten Bürsten bekommen keine Schmuckverpackung. Kataloge werden auf Umweltschutzpapier gedruckt. Ein Schredder recycelt alte Kartons zu Füllmaterial für den Versand.

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Um Fahrtwege zu verkürzen, arbeite der Betrieb nach Möglichkeit mit Unternehmen aus der Umgebung zusammen, erklärt Redecker. Aus dem Raster fallen jedoch die Rohstofflieferanten in China. „Hierzulande wurden den Schweinen die Borsten weggezüchtet." Sie hätten viel experimentiert, sagt Redecker, aber für viele Bürsten hätten Schweineborsten die ideale Härte.

Plastikfrei: Jutta Redecker zeigt die Holzzahnbürste. - © Melanie Wigger
Plastikfrei: Jutta Redecker zeigt die Holzzahnbürste. (© Melanie Wigger)

Das gilt auch für meine Zahnbürste. Hier wären Pflanzenfasern fatal, erklärt Redecker: „Die rauen Fasern würden das Zahnfleisch aufreißen."Also überwinde ich meinen zugegeben übertriebenen Ekel – schließlich wurden die Borsten gereinigt – und obendrein werden auf diese Weise Schlachtabfälle verwertet. Zuhause angekommen teste ich meine Errungenschaft: Beste Freunde werden die klobige Bürste mit Holzgeschmack und ich nicht, aber im Vergleich zum Ölziehen ist es eine echte Alternative, an die ich mich gewöhnen könnte.

Nicht jeder kann auf Shampoo komplett verzichten

Um noch mehr Müllsünden aus dem Bad zu verbannen, treffe ich mich mit einer weiteren Versmolderin , die im Job auf Wunsch ihrer Kunden oft zu Chemikalien greifen muss. „Aber am liebsten würde ich das alles aus dem Sortiment werfen", gesteht Jolanda de Brito, als sie mir Tipps für meinen Versuch gibt. Die Friseurin bevorzugt privat und im Salon Naturprodukte. Chemiekeulen ersetzt sie durch Selbstangerührtes oder lässt sie einfach weg.

Auch »No Poo « (kurz für »No Shampoo«) hat sie getestet. „Aber nicht jeder ist dafür geschaffen, auf Shampoos zu verzichten", sagt sie aus leidvoller Erfahrung. Ihr Haar sei durch das zunehmende Fett so schwer geworden, dass ihr Kopf davon schmerzte. „Doch ich kenne Kunden, bei denen klappt das wunderbar. Es ist eine super Pflege." Da die ersten Tage oder Wochen ohne Shampoo optisch grenzwertig sind, verschiebe ich diesen Versuch lieber auf den nächsten Urlaub und teste stattdessen Roggenmehl. Wenn es schnell gehen muss, ersetzt das Mehl auch Trockenshampoos, sagt de Brito. „Aber man muss es täglich ausbürsten, sonst schimmelt es."

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Noch hat keiner die Nase gerümpft

Bei mir wird das Mehl zum Shampoo, indem ich einen Esslöffel mit etwas Wasser vermenge. Im ersten Anlauf wird die Mischung zu flüssig. Die Sauerei ist vorprogrammiert. Beim zweiten Mal gelingt mir die Teigpaste. Ich verteile sie unter der Dusche in meinen Haaren. Wider Erwarten verstopft nicht einmal der Abfluss – allerdings muss ich später ein paar Reste aus der Wanne wischen. Später lese ich, dass manche auch das Duschbad mit dieser Paste ersetzen. Ich selbst habe ich mich für ein Stück Seife der Versmolder Schülerfirma »Bienengold« entschieden.

Aber zurück zur entscheidenden Frage: Wie ist das Mehlshampoo? Noch hat kein Kollege die Nase gerümpft. Die Haare fühlen sich merkwürdig an, sehen aber gut aus, obwohl ich sogar auf Haarkur verzichtet habe. Warum habe ich jahrelang so viel Geld für Pflegeprodukte ausgegeben?

Welche Hausmittel haben Sie getestet? Ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen. Schreiben Sie mir eine Mail.

Info
Hausmittel für Wäsche, Zähne und Haare

Waschmittel, Shampoo und Zahnpasta lassen sich auch selbst anrühren. Jolanda de Brito vom Verein »Erde in Balance Gütersloh« verrät wie:

Zwei Hände voll Rosskastanien ersetzen das Waschmittel. Diese werden klein gehackt für ein paar Stunden in Wasser eingelegt. Die Flüssigkeit einfach in das Waschmittelfach der Maschine gießen.

Alternativ lässt sich die Wäsche mit einer Mischung aus 100 Gramm Natron, 100 Gramm geriebener Kernseife, etwas Zitronensäure und Himalaya-Salz waschen. Bei dunkler Wäsche empfiehlt de Brito, noch ein paar Efeublätter hinzuzufügen.

Aus Kokosnussöl, Kurkuma und Xylit mischt de Brito Zahnpasta. Noch einfacher geht’s mit Pflanzenöl: Das wird mindestens fünf Minuten durch den Mund gespült und ausgespuckt (besser nicht in den Abfluss).

Das Mehl-Shampoo ist wie im Selbstversuch beschrieben einfach umzusetzen. Aber es geht auch ohne Mittelchen. Die Friseurin empfiehlt, die Haare 15 Minuten mit einer Wildschweinborstenbürste auszubürsten, um das Fett zu verteilen. Das Auswaschen dauert ohne Fettlöser noch einmal genauso lang. Anfangs sei es unangenehm, nach zwei Wochen überwindet das Haar diese Durststrecke.

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