HalleHK-Interview mit André Rieu: „Meine rote Couch darf nicht fehlen“

Olaf Neumann

Ein wahrer Meister: André Rieu kommt auf seiner Tour nach Halle. - © André Rieu Productions
Ein wahrer Meister: André Rieu kommt auf seiner Tour nach Halle. © André Rieu Productions

Halle. André Rieu tritt am 28. April im Gerry Weber Stadion auf. Es gibt noch Karten im Vorverkauf. Im Gespräch verrät der Ausnahme-Geiger, was auf der Bühne verboten ist, was ihn inspiriert und welche Musik seine Söhne in der Pubertät hörten.

Herr Rieu, 2017 spielten Sie mit Ihrem Johann Strauss Orchester in den USA, Chile, Mexiko und England. Nun stehen Deutschland und Österreich auf dem Tourplan. Bringen Sie sich aus jedem Land etwas mit?

André Rieu: Für meine Enkelkinder bringe ich immer Geschenke mit! Ansonsten speichere ich all meine Erfahrungen in meinem Kopf und in meinem Herzen. Wir waren jetzt das vierte oder fünfte Mal in Chile. Ich schaue vorher immer in mein Archiv, damit wir nicht wieder dasselbe spielen. Diesmal hatten wir fünf ausverkaufte Konzerte in Reihe. Die Chilenen sind verrückt nach unserer Musik.

Was darf auf einer Tournee nicht fehlen?

Rieu: Meine rote Couch! Auf Tour haben wir einen Rhythmus: Um halb vier kommen wir im Saal an, um einen Soundcheck zu machen. Anschließend ziehe ich mich zurück und schlafe auf meiner Couch. Ohne sie würde ich nicht auf Tour gehen. Gekauft habe ich sie in Münster. Wir haben alles, was man auf unserer Bühne sieht, viermal. Deswegen habe ich vier Exemplare dieser Couch. Wir nehmen auch immer dieselben deutschen Köche mit auf Tour. Das ist fast wie zuhause.

Was ist auf Ihrer Bühne verboten?

Rieu: Auf meiner Bühne ist es streng verboten, nicht mit hundertprozentigem Einsatz zu spielen. Aber das kommt eigentlich nicht vor. Meine Musiker wissen, dass ich nicht ausstehen kann, wenn jemand nicht mit ganzem Einsatz dabei ist.

Ist es wirklich herauszuhören, ob ein Musiker existenziell bei der Sache ist?

Rieu: Ich höre es raus und sehe es einem Musiker an, ob er etwas nur macht, weil er es machen muss. Es ist sehr wichtig, existenziell bei der Sache zu sein. Denn genau das ist der Grund unseres Erfolges.

Wenn Sie mit Ihrem Orchester spielen, suchen Sie dann nach dem Klang Ihrer Kindheit?

Rieu: Das hängt immer vom Stück ab. Manchmal ist es der Klang meiner Kindheit. Wir studieren unsere Stücke nach einem bestimmten Ablauf ein. Ich spiele nie vom Originalmaterial, denn das bietet zu wenig Spielraum. Ich will immer die Möglichkeit haben, Musik zu ändern und so zu arrangieren, wie ich es im Kopf habe. Das Resultat ist dann wirklich schöne Musik. Darum geht es doch: Man will immer etwas hören, was das Herz berührt. Sie spielen auf einer Stradivari von 1732.

Haben Sie auf Tour jemanden, der sich ausschließlich um dieses wertvolle Instrument kümmert?

Rieu: Ja. Der weltberühmte Cellist Yo-Yo Ma hat sein Stradivari-Cello mal in einem Taxi in New York vergessen. Glücklicherweise war der Taxifahrer so ehrlich, ihm das Instrument zurückzubringen. Unterwegs gibt es viele Momente, in denen ich meine Geige nicht nah bei mir habe. Ich will dann aber nicht, dass sie irgendwo herumliegt. Solch ein Instrument ist nicht nur viel Geld wert, es hat auch einen ideellen und emotionalen Wert. Ich möchte, dass auch die nächste Generation noch auf ihm spielen kann. Ich habe mir diese Stradivari gekauft, aber ich fühle mich mehr als ihr Vater denn als ihr Besitzer. Ein Pianist spielt jedes Konzert auf einem anderen Flügel, aber ein Geiger ist abhängig von seinem Instrument.

Warum?

Rieu: Weil wirklich jede Geige anders ist. Hinsichtlich Mensur, Maßen, Klang, Form. Manchmal unterscheiden sich zwei Geigen nur durch ein kleines Geräusch und das irritiert einen. Eine Geige ist so persönlich wie eine Stimme.

Hat Ihre Stradivari Launen wie eine Diva?

Rieu: Absolut. Sie besteht aus Jahrhunderte altem Holz. Mal spielt man sie in einem kalten, mal in einem warmen, feuchten oder trockenen Raum. Darauf reagiert nicht nur die Geige, sondern auch der Bogen. Dazu kommt noch, wie man sich gerade fühlt. Sind die Finger locker? Ist man ausgeruht? Alles wirkt zusammen und dabei kommt ein herrliches Gefühl heraus. Die Stradivari erklingt auch auf Ihrem neuesten Album »Amore«.

Was war Ihnen bei dieser Platte besonders wichtig?

Rieu: Wenn man sich die Platte anhört, soll man sagen können: Mein Herz war gerührt! Das ist für mich das wichtigste, was ich mit Musik vermitteln will. Wenn ich mit meinem Orchester ins Studio gehe, um eine neue CD aufzunehmen, haben wir immer eine ganze Liste von Stücken im Kopf. Aber es finden nur 16 oder 17 den Weg auf eine Platte. Am ersten Tag im Studio bin ich immer total nervös. Das ist, als bekäme man ein Baby. Und dann fangen wir an, das Baby zu gestalten. Wenn die einzelnen Stücke ins Herz gehen, habe ich meine Arbeit richtig gemacht. Ich will, dass jedes Stück nicht nur schön und perfekt ist, sondern ein Diamant.

Sind Sie als Musiker eigentlich sehr geräuschempfindlich?

Rieu: Ja, das ist wahr. Wir haben kürzlich bei der Televizier Ring Gala in Amsterdam die Eröffnungsmusik gespielt. Nachher gab es eine Party, aber ich verstehe nicht, warum da immer so viel Lärm sein muss. Schrecklich! Wenn ich hier zuhause mit meinen Mitarbeitern im Büro sitze, bin ich der erste, der sagt: „Hey, der Computer da muss aus! Er macht mir zu viel Lärm". Ich mag die totale Stille, weil sie die Gesundheit fördert.

War es Ihnen wichtig, Ihr musikalisches Wissen an Ihre Söhne Marc und Pierre weiterzugeben?

Rieu: Ich kann nicht sagen, dass ich das unbedingt wollte. Wenn sie mich gebeten hätten, ihnen alles zu zeigen, hätte ich es natürlich sofort gemacht. Aber das war nicht der Fall. Ich habe beiden Geigenunterricht gegeben, aber sie hatten darauf nicht unglaublich viel Lust. Also sagte ich ihnen, sie dürften gern machen, was sie wollen. Das haben sie dann auch getan.

Haben Ihre Söhne in der Pubertät gegen Sie rebelliert und Ihr Haus mit lautem Techno, Heavy Metal oder Hip Hop beschallt?

Rieu: Das haben sie natürlich. Einer meiner Söhne hatte von einem Tag auf den anderen knallweiße Haare. Das hat er natürlich gemacht, um uns zu schocken. Aber es stand ihm sogar gut! Meine Söhne durften zuhause auch andere Musik hören, mein Vater hingegen erlaubte nur Klassik. Die Rolling Stones und die Beatles kamen bei uns nicht rein.

Was haben Sie sich für Ihre Tournee überlegt?

Rieu: Man darf sich freuen auf einen unvergesslichen Abend. Mit viel Spaß, Tränen, Tanz und Gesang. Normalerweise schaut man bei einem klassischen Konzert vorher ins Programm, welches Orchester, welcher Dirigent und welche Solisten auftreten. In meinem Fall aber wissen die Leute nur, André kommt mit seinem Orchester. Ja, da müssen wir hin!

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