Kriminalhauptkommissar Ralf Östermann: „Der Fall Graf war immer wieder Thema“

Nicole Donath

Hartnäckig: Kriminalhauptkommissar Ralf Östermann setzt noch immer alles daran, den Mörder von Nelli Graf zu finden. - © Nicole Donath
Hartnäckig: Kriminalhauptkommissar Ralf Östermann setzt noch immer alles daran, den Mörder von Nelli Graf zu finden. (© Nicole Donath)

Halle. Ralf Östermann leitete die Mordkommission »Ahorn«, die 2012 den Mörder von Nelli Graf gesucht hat. Heute bereitet der Kriminalhauptkommissar den ungelösten Fall für die neue Datenbank »Cold Cases« auf.

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Lesen Sie hier den Bericht "Mord an Nelli Graf wird neu untersucht".


Herr Östermann, die Mordkommission »Ahorn« hatte nach dem Verschwinden von Nelli Graf im Oktober 2011 und dem Leichenfund im Februar 2012 etwa neun Monate nahezu rund um die Uhr ermittelt. Wie viele Unterlagen sind dabei zusammengekommen?

RALF ÖSTERMANN: Ich weiß es nicht ganz genau, aber es sind mindestens 120 Ordner – also keine Handakten, sondern prall gefüllte Aktenordner. Genau diese Akten holen Sie jetzt wieder hervor, um sie für die neue Datenbank »Cold Cases« des Landeskriminalamtes aufzubereiten.

Was ist mit den Unterlagen geschehen, seitdem die Ermittlungen im Sommer 2012 bis auf Weiteres eingestellt wurden?

ÖSTERMANN: Das Prozedere ist immer ähnlich: Meistens verbleiben sie dann erst noch zwei Jahre in den Schränken unserer Büros. Danach kommen sie ins Archiv. Und dort hole ich sie gerade wieder hervor.

Alle Ordner?

ÖSTERMANN: Ja, halt nach und nach. Allerdings fasse ich dabei nicht jede Spurenakte an, sondern konzentriere mich auf die Hauptakten und scanne die Dokumente ein. Das hört sich aufwendig an, geht aber verhältnismäßig zügig, weil wir Hochleistungsscanner haben, die stapelweise Papier aufnehmen. In einem Rutsch können 50 Blätter verarbeitet werden, so dass die rund 1300 Seiten im Fall Nelli Graf in zwei bis drei Tagen erfasst sein dürften.

Es sind fast sechs Jahre vergangen, ehe die Akten nun wieder auf Ihrem Schreibtisch liegen. Wie präsent ist Ihnen der Fall noch?

ÖSTERMANN: Der Mord an Nelli Graf war zwischendurch immer wieder Thema unter den Kollegen. Zu unterschiedlichsten Anlässen haben wir immer mal wieder gemeinsam überlegt, ob wir damals vielleicht etwas übersehen haben. Ob uns, ob nun von Zeugen oder Verdächtigen, Details anders dargestellt wurden, als sie tatsächlich Realität waren – und das nicht mal aus böser Absicht. Aber allein aufgrund unterschiedlicher Wahrnehmungen kann es zu unterschiedlichen Aussagen kommen, die die Polizei unter Umständen auf eine falsche Spur führen. Und obwohl ich mich nach der langen Zeit nicht mehr an jedes Detail erinnern konnte: Wenn ich jetzt in den Akten lese, kommt fast alles wieder zurück.

Nun waren im Fall Graf schon damals Profiler des LKA an den Ermittlungen beteiligt. Was können die jetzt noch leisten?

ÖSTERMANN: Auch wenn die Kollegen aus Düsseldorf ebenso wie wir im Rahmen unserer Möglichkeiten damals alles getan haben, um den Täter zu fassen, macht diese neue Datenerhebung Sinn. Allein die digitalisierte Gesamtschau auf die insgesamt 900 Fälle in NRW eröffnet den Ermittlern neue Möglichkeiten. Spurenvergleiche. Die Vorgehensweisen der Täter. Und nicht zuletzt die Einschätzung neuer Kollegen, die automatisch einen anderen Blick auf den Fall haben, gerade weil sie eben nicht so tief in die Materie eingedrungen waren.

Also ist beim Einpflegen der 50 Fälle, die das Polizeipräsidium nach Düsseldorf meldet, höchste Sorgfalt geboten ...

ÖSTERMANN: Unbedingt. Denn jede Datenbank ist eben nur so gut, wie sie bestückt wird. Allein mit dem Scannen ist es aber kaum getan.

Was müssen Sie noch erledigen, damit die Kollegen aus Düsseldorf einen ungeklärten Mordfall erfolgversprechend neu untersuchen können?

ÖSTERMANN: Ich muss einen Meldebogen ausfüllen und einen Kurzsachverhalt verfassen, also den Ablauf der Ereignisse schildern. Das Aktenzeichen und die zuständige Staatsanwaltschaft müssen genannt sowie Opfer, Opferverhalten und dessen Aussehen beschrieben werden. Und ich liste alle Spuren auf, die wir in dem jeweiligen Fall gesammelt haben: DNA-Spuren ebenso wie Fingerabdrücke. Später geht es an die intensive Prüfung und die detaillierten Schilderungen.

Wahrscheinlich ist die Frage überflüssig – aber dennoch: Akzeptiert man an einem bestimmten Punkt, dass man den Täter nicht fassen konnte, oder wie sehr wurmt es Sie, dass der Mörder der 46-Jährigen heute noch frei herumläuft?

ÖSTERMANN: Es wurmt mich total! Übrigens genauso wie alle übrigen Kollegen, die damals Teil der Mordkommission »Ahorn« waren. Deshalb hoffe ich auch, dass wir mit dem Abstand und der Möglichkeit, Gedanken noch einmal neu zu ordnen oder verschiedene Details neu zu bewerten, jetzt den entscheidenden Schritt vorankommen und den Täter doch noch überführen.

Gibt es dennoch etwas, von dem Sie in dem Zusammenhang nach wie vor überzeugt sind?

ÖSTERMANN: Allein mit Blick auf den Leichenfundort in Kölkebeck bin ich mir bis heute sicher, dass der Täter Ortskenntnisse hatte. Ansonsten bitten wir auch sechs Jahre später noch immer darum, uns Hinweise, die damals verschwiegen wurden, oder Aspekte, die jemandem im Nachhinein noch eingefallen sind, zu nennen.

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