HalleDie Satire: Arme müssen einfach mehr Aktien kaufen

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Der Kaiserschmarrn - © Foto: Heiko Kaiser
Der Kaiserschmarrn (© Foto: Heiko Kaiser)

Endlich gibt es eine Erklärung dafür, warum in Deutschland die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird. Geliefert hat sie Siemens-Chef Joe Kaeser. Auf der Jahreshauptversammlung des Konzerns erklärte er: „Diese Geschichte, dass die Reichen noch reicher werden und alles schrecklich ist – das kann sein. Das passiert im Wesentlichen deshalb, weil viele Arbeitnehmer nicht an der Vermögensbildung durch Aktien teilnehmen ..." Damit liegt der Siemens-Lenker exakt auf einer Linie mit der ehemaligen französischen Königin Marie-Antoinette, die den Armen des Landes riet: „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen."

Unterstützung für Kaeser gibt es vom Deutschen Börsenverein: „Wir haben schon vor Jahren gewarnt, dass Arbeitnehmer einen zu geringen Teil ihrer Einkünfte renditeträchtigen Verwendungen zuführen", sagt Lorenzo Di Vidende und fügt hinzu: „Manche von ihnen legen sogar weniger als null Prozent an. Sie verschulden sich damit immer mehr. Diese Armut ist im wahrsten Sinne des Wortes selbst verschuldet." Der Sprecher des Börsenvereins lobt indes die reichen zehn Prozent der Bevölkerung: „Sie verzichten selbstlos permanent auf möglichen Konsum. Bis zu 90 Prozent ihrer Einkünfte führen Millionäre eisern verschiedenen Fonds zu. Auch Herr Kaeser. Letztlich mussten sie ihren Reichtum mit diesem schmerzvollen Verzicht erkaufen."

Heiko Kaiser - © N. Donath
Heiko Kaiser (© N. Donath)

In Halle sind vor allem die Hilfsorganisationen durch Kaesers Erkenntnis aufgerüttelt worden. „Jahrelang haben wir uns Gedanken darüber gemacht, wie wir der wachsenden Armut Herr werden können. Jetzt endlich hat uns Herr Kaeser die Augen geöffnet", erklärte beispielsweise ein Organisator des Haller Mittagstisches, zu dem jede Woche 100 Bedürftige und arme Menschen ins Martin-Luther-Haus kommen.

Aus der Aussage des Siemens-Chefs, die inzwischen als Kaeser-Theorem Einzug in die Sozialforschung gefunden hat, sollen Konsequenzen gezogen werden. „Wir werden zukünftig nicht nur mittwochs sondern drei Mal wöchentlich ein Essen anbieten. Das Geld, das unsere Gäste so sparen, können sie dann in Aktien anlegen", erklärte ein Sprecher. Gleichzeitig ruft die Tafel in Gütersloh dazu auf, alte, nicht mehr benötigte Wertpapiere und Aktien zu spenden. Zusammen mit den Lebensmitteln sollen sie dann an bedürftige Menschen verteilt werden.

Auch die deutsche Versicherungswirtschaft ist begeistert von den Ideen des Siemens-Chefs: „Wir können den Vorschlag nur unterstützen", sagte Asse Kuranz, Sprecher des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Auch wir sehen unsere Verpflichtung für die Schwächeren der Gesellschaft. Es ist uns stets ein Anliegen, ihnen Wege aus dem Elend aufzuzeigen", erklärte Kuranz. Aus diesem Zweck habe der GDV beschlossen ein neues Produkt zu schaffen. „Wir werden speziell auf Obdachlose zugeschnittene Bausparverträge auf den Markt bringen", sagte der 52-Jährige und fügte hinzu: „Unsere Experten haben berechnet, dass schon mit einer Prämie von 32 Euro pro Monat nach 74 Jahren eine Eigentumswohnung zu finanzieren ist."

Selbst die Gewerkschaften treten nach dem Vorstoß von Joe Kaeser mit ambitionierten Forderungen an die Öffentlichkeit. „Wir verlangen einen Mindestlohn von 16,50 Euro für alle Arbeitslose", sagte ein Sprecher des verdi-Bezirksverbands Nordhesseln.

Die gesetzlichen Krankenkassen haben das Kaeser-Prinzip derweil bereits verinnerlicht. Die AOK Theenhausen Süd etwa kündigt an, ein Marathontraining für Gehbehinderte zu subventionieren. Die Barmer plant indes ein groß angelegtes Gedächtnistraining für Koma-Patienten ins Leben zu rufen.

Derweil geht Kaeser noch einen Schritt weiter. „Wer nicht bereit ist, selbst den Weg in die Aktie zu gehen, der sollte staatlich dazu gezwungen werden." Kaeser schlägt vor, der Staat solle 30 Prozent der Harz-IV-Bezüge nicht auszahlen, sondern zugunsten der Empfänger in einen Fond einzahlen. „Das ist zunächst sicherlich schmerzlich, aber am Ende zahlt es sich für diese Menschen aus", sagt er. Joe sei Dank. Oder doch nur großer Kaese(r)?

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