Kein Glasfasernetz für den Haller Ratsherren

Weil ein Mitarbeiter eines Telekommunikationsunternehmens unterstellt, dass Frank Winter bereits schnelles Internet habe, bleibt dieser unwiderruflich auf seiner Kupferleitung sitzen

Uwe Pollmeier

Frank Winter, Wöstenweg 3, möchte schnelles Internet haben
Seine Schwägerin, Wöstenweg 1, wird es bekommen. Er aber nicht, da er es angeblich schon längst hat. - © Uwe Pollmeier
Frank Winter, Wöstenweg 3, möchte schnelles Internet haben
Seine Schwägerin, Wöstenweg 1, wird es bekommen. Er aber nicht, da er es angeblich schon längst hat. (© Uwe Pollmeier)

Halle-Bokel. Ganz Halle soll schnelle Internetleitungen bekommen. Ganz Halle? Nein. Am Wöstenweg 3 am Rande von Bokel leistet eine unbeugsame Kupferdrahtleitung dem modernen Glasfasereindringling Widerstand. Sie führt zum Haus von Frank Winter, wo sie in ihrem betagten Zustand dafür sorgt, dass das Telefon alle zwei Wochen ausfällt und das Internet mit bestenfalls drei Megabit pro Sekunde (Mbit/s) statt der vertraglich versprochenen Maximalgeschwindigkeit von 16 Mbit durch die Leitungen schleicht.

„Videostreaming klappt nur einigermaßen, wenn ganz Bokel abgeschaltet ist", sagt der Ratsherr der Grünen. Üblich ist eher eine ruckelige Bildfolge in Daumenkinoqualität. Bald wird alles besser werden, schließlich hat er ja als Ratsmitglied selbst dafür mitgesorgt, dass in Halle Millionengelder investiert werden, um alle Haushalte mit schnellem Internet zu versorgen. Im Klartext bedeutet dies mindestens 30 Mbit bis in den letzten Winkel, egal ob in Kölkebeck oder Eggeberg .

Als der Grünen-Politiker aber vor wenigen Wochen seine Adresse mit denen auf der Internetseite der Stadt abglich, um zu sehen, ob sein Anschluss auch wirklich dazugehört, ist er überrascht und geschockt zugleich. „Es ist ja nicht so, dass der ganze Wöstenweg nicht angeschlossen wird. Alle erhalten Glasfaser, nur wir nicht", sagt der Lehrer der Waldorfschule in Gütersloh. 1, 4, 7, 8, 10 – nur die Hausnummer 3 fehlt in der Aufzählung.

Eine Nachfrage bei der Telekom führte im Laufe der Wochen zu mehreren Antworten, von denen jedoch keine so lukrativ war, dass Winter sie sich hätte aussuchen wollen. Zunächst sagte man ihm, dass er bereits schnelles Internet habe, danach erklärt man ihm, dass die Telekom gar kein schnelles Internet in seinem Bereich plane und letztlich verwies man darauf, dass doch die Stadt Halle den Ausbau übernehme und er sich dort melden könne.

Eine einzige falsche Behauptung versperrt den weiteren Weg

Genau an dieser Stelle wird jedoch aus der umständlichen und nach Zeitaufwand klingende Geschichte eine wahre Odyssee, aus der Winter nur als Verlierer hervorgehen kann. Und das, obwohl ihn keine Schuld trifft und alle Seiten ihm zustimmen.

Fakt ist, dass in einem von der Stadt Halle im Vorfeld beauftragten Markterkundungsverfahren, in dem sich potenzielle Breitbandnetzbetreiber zur Situation äußern, festgestellt worden war, dass der Wöstenweg 3 bereits vom jetzigen Anbieter mit schnellem Internet versorgt werde oder dieses zumindest in Kürze bereitgestellt werden würde. Eine Feststellung, die mittlerweile auch zurückgenommen wurde, was man Winter mündlich bestätigte. Allerdings ist mit dieser einmal getätigten Falschmeldung zugleich verbunden, dass ein anderer Netzbetreiber, wie hier die hallewestfalen.net GmbH, automatisch gesperrt ist.

Eine falsche Feststellung, die somit offenbar dazu führt, dass Winter wohl niemals in den Genuss des Glasfaserkabels kommen wird. Schließlich hat die hallewestfalen.net GmbH keine Möglichkeit, Winter ans Glasfaserkabel anzuschließen. Würde sie es tun, müsste sie mit der Streichung der Fördergelder in Millionenhöhe rechnen.

Sprecher der Telekom konnte sich zum "komplexen" Fall noch nicht äußern

„Ich komme mir vor wie ein Verurteilter, von dem Kläger und Gericht wissen, dass das Urteil falsch ist", sagt Winter. Zusätzlich zu dem ganzen Wirrwarr kommt die kuriose Tatsache, dass das Haus von Winters Schwägerin ebenfalls an der kleinen Stichstraße am Anfang des Wöstenwegs liegt und dass dieses Haus Glasfaserkabel bekomme. „Und 30 Meter weiter darf es nicht hin. Dabei würde ich es ja notfalls selber verbuddeln", sagt Winter.

Wer übrigens Pächter des Haller Glasfasernetzes wird, will die Verwaltung in rund acht Wochen bekanntgeben. Nicht auszuschließen ist, dass es die Telekom ist. „Da bin ich dann aber gespannt", sagt Winter. Wäre es so, müsste sie aus betriebswirtschaftlichen Gründen ihre eigenen Prinzipien über Bord werfen oder aber Winters antike Kupferdrahtleitung mit Exklusivnutzungsrecht parallel zu den modernen Glasfasersträngen hegen und pflegen.

Die Telekom äußerte sich gestern noch nicht zu dem Fall. Er sei, so teilte ein Sprecher mit, zu komplex, um ihn innerhalb von vier Stunden aufarbeiten zu können.

Copyright © Haller Kreisblatt 2018
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

1 Kommentar

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.