Interview zum Reformationsjubiläum: „Die alte Kirche stand mit dem Rücken zur Wand“

Kerstin Spieker

Hier stehe ich, ich kann nicht anders: Dr. Rolf Westheider unterstützt die Haltung Luthers auch heute noch aus voller Überzeugung. - © Foto: Nicole Donath
Hier stehe ich, ich kann nicht anders: Dr. Rolf Westheider unterstützt die Haltung Luthers auch heute noch aus voller Überzeugung. (© Foto: Nicole Donath)

Altkreis Halle. 500 Jahre ist es her, dass Martin Luther seine berühmten Thesen anschlug. Doch was bedeutete für den Altkreis Halle? Wie erreichte seine Botschaft die Menschen hier und wie veränderten sie das Leben? Der Historiker Dr. Rolf Westheider gibt Antworten.

Wir feiern in diesem Jahr den Thesenanschlag Luthers vor 500 Jahren. Internet und Fernsehen gab es damals noch nicht. Wie also erreichten Luthers Gedanken den Altkreis Halle, der ja damals zur Grafschaft Ravensberg gehörte? Und wen erreichten sie?

Dr. Rolf Westheider: In erster Linie waren es die Augustinermönche, Luthers Ordensbrüder, die seine Schriften hierzulande verbreiteten. Dies geschah von den größeren Städten Osnabrück, Herford, Bielefeld und Lippstadt aus, in denen die reformatorischen Ideen ja auch schon früher Fuß gefasst hatten als hier auf dem platten Land. Erwähnen möchte ich Gerhard Hecker, ein Lehrer Luthers aus Erfurt, der ab 1521 in Osnabrück predigte und zwischenzeitlich zu einem glühenden Anhänger seines früheren Schülers geworden war. Philipp Melanchthon unterhielt Kontakte zu den hiesigen Reformatoren, etwa zu Hermann Hamelmann, der ab 1554 an der Neustädter Marienkirche in Bielefeld predigte. Schließlich bediente sich Luther des damals modernen Mediums der Flugschriften. Ob die aber im Ravensberger Land angelangt sind, vermag ich nicht zu sagen.

Hinsichtlich der Verbreitung des lutherischen Gedankenguts hing zu damaliger Zeit ja offenbar vieles vom jeweiligen Landesherren ab. Wie würden Sie die Haltung des in der Grafschaft Ravensberg regierenden Herzogs von Jülich-Kleve-Berg skizzieren?

Westheider: Im 16. Jahrhundert residierten unsere damaligen Landesherren in Düsseldorf. Sie umgaben sich mit Gelehrten und Politikern, die allesamt vom Humanismus eines Erasmus von Rotterdam geprägt waren. Dieser humanistische Ansatz führte zu dem Versuch, einen Mittelweg zwischen der alten Kirche und den reformatorischen Herausforderungen Luthers zu beschreiten. Diese via media war bis zum Ende des Jahrhunderts durchaus erfolgreich.

Aber es war kein theologischer, sondern eher ein ordnungspolitischer Ansatz, um konfessionelle Polemik zu unterbinden und damit Unruhen zu vermeiden. Dieses Anliegen steckte auch hinter der mit einigem propagandistischen Aufwand inszenierten Visitation von 1533, die in der Grafschaft Ravensberg in 23 Gemeinden von drei herzöglichen Räten durchgeführt wurde. Ihr Zustandekommen ist auch dem Umstand geschuldet, dass die Grafschaft Ravensberg kirchlich in die Bistümer Minden, Osnabrück und Paderborn aufgespalten war. Der Landesherr machte sich also anheischig, die kirchlichen Verhältnisse regeln zu wollen: Die alte Kirche stand mit dem Rücken zur Wand.

Welche Folgen hatte das für die Verbreitung lutherischer Ansätze in den Kirchen des Altkreises?

Westheider: Spätestens mit dem Regierungsantritt des geisteskranken Herzogs Johann Wilhelms 1592 wurde der Einfluss aus Düsseldorf geringer, um letztlich gänzlich auszubleiben. Die Gemeinden konnten frei über ihren künftigen Weg entscheiden. Der Gottesdienst hatte sich schon seit längerer Zeit verändert, so war das Abendmahl in beiderlei Gestalt allgemein üblich geworden. Luthers Lieder wurden gesungen; der Übergang vollzog sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten nach und nach. Als letzte Gemeinde vollzog Versmold mit dem Austritt Pfarrer Gerhard Tittmanns aus der katholischen Kirche 1590 den Übergang zum Luthertum. Aber bedenken Sie, seit 1517 waren immerhin 73 Jahre vergangen! Erstmals 1612 versammelten sich die lutherischen Pfarrer auf einer Synode in Bielefeld. Aber erst 1672 wurden die faktischen Verhältnisse rechtlich bestätigt.

Was bekamen davon die einfachen Bauern in den kleinen Städten und Dörfern mit? War die Entscheidung, ob er am Sonntag einer Messe nach katholischem oder einer nach lutherischem Muster folgen würde, überhaupt eine, die der einzelne Gläubige für sich treffen konnte?

Westheider: Wie es scheint, waren die Landbewohner mit den Mischformen der katholischen Messe und des lutherischen Wortgottesdienstes, die die via media ermöglichte, zufrieden.Vor allem, weil ihnen zum Abendmahl nun auch der Kelch gereicht wurde. Dennoch wird viel Unsicherheit und Orientierungslosigkeit damit einhergegangen sein. Aber wie so oft fehlt uns auch hier die Stimme des Volkes. Eigentlich konnte es nur besser werden, denn zur Zeit Luthers lag vieles im Argen, das hatte die Visitation von 1533 ans Licht gebracht. Der Lebenswandel vieler Pfarrer war keineswegs vorbildlich, ihre Ausbildung schlecht, ordentlich abgehaltene Messen waren die Ausnahme, alles drehte sich nur um die Pfründen, also um den Handel mit dem Seelenheil. Da konnte man an der Geistlichkeit schon ziemlich verzweifeln.

Welchen Grad der Auseinandersetzungen erlebten die Gläubigen bis zum endgültigen Übertritt zum neuen Bekenntnis um 1600 in den Gemeinden des Altkreises?

Westheider: Bis 1600 scheint es relativ ruhig zugegangen zu sein. Das Kalkül des Landesherren, mit seinen Kirchenordnungen von 1532 und 1533 die Ruhe im Land aufrecht zu erhalten, schien aufgegangen zu sein, jedoch um den Preis, dass die lutherische Reformation nicht voran kam. Daher ja auch die deutliche Verspätung gegenüber anderen Ländern im Reich. Die größte Unruhe gab es wohl in Borgholzhausen, wo in Johannes Sandhagen ausnahmsweise früh, schon 1535, ein lutherischer Prediger auftrat. Erst im Zuge der Gegenreformation im 17. Jahrhundert nahmen die Spannungen an Schärfe zu. 1624 wurden alle evangelischen Kirchenbedienstete in Borgholzhausen verjagt, an der Spitze Pastor Gabriel Sandhagen. Erst 1647, als die Grafschaft Ravensberg unter die alleinige Herrschaft des Kurfürstentums Brandenburg kam, gab es wieder eindeutig grünes Licht für das Luthertum.

Wie stark war der trennende Charakter der unterschiedlichen Bekenntnisse in den persönlichen Lebensbereichen der Menschen? Konnte untereinander geheiratet werden?

Westheider: Je länger sich die Bi-Konfessionalität entwickelte, desto stärker wurden die Differenzen wahrgenommen, desto größer wurden dann auch die Abgrenzungen. Da, wo sich katholische Elemente halten konnten, wie in Versmold aufgrund der Nachbarschaft zum Münsterland, kann wohl angenommen werden, dass man bei Taufen und Eheschließungen mindestens bis zum Ende des 17. Jahrhunderts nicht so genau auf das Bekenntnis geschaut hat.

Wie stark war der Einfluss der konfessionellen Unterschiede im weiteren Verlauf der Geschichte auf das Zusammenleben der Menschen, wenn wir etwa auf die Gemeinden im Altkreis Halle schauen? Gibt es in der konfessionellen Zugehörigkeit begründete Entwicklungen, deren Wirkung wir noch heute spüren?

Westheider: In der Grafschaft Ravensberg erfuhr die Reformation mit dem Pietismus eines August Hermann Francke aus Halle an der Saale eine Fortsetzung, die die Gräben zum Katholizismus eher noch vertiefte. Der inneren konfessionellen Homogenität stehen die scharfen Konfessionsgrenzen nach außen gegenüber. Bis auf die katholischen Inseln des ländlichen Adels blieb der Kreis Halle in Westfalen bis 1945 so gut wie rein protestantisch. Gleichwohl wurde er im 19. Jahrhundert fast durchweg von katholischen Landräten regiert, die eben diesem ländlichen Adel entstammten. Das war politisch so gewollt, führte aber zu Dauerkonflikten.

Die Luther-Statue: 500 Jahre nach dem Thesenanschlag wird der Reformation sogar mit einem eigenen Feiertag gedacht. - © Foto: OTFW
Die Luther-Statue: 500 Jahre nach dem Thesenanschlag wird der Reformation sogar mit einem eigenen Feiertag gedacht. (© Foto: OTFW)

Besser lief es auf örtlicher Ebene, wo die wenigen Katholiken unter den politischen und wirtschaftlichen Eliten überrepräsentiert waren, sich durch ihre Erfolge aber bewährten. Ansonsten mied man sich tunlichst, verspottete sich gegenseitig als „kattolske Braken"oder „lutherske Bücke". Die andere Konfession, das war eine andere Welt. Die Grenze zwischen den Herzen war tief und sollte auch gar nicht überwunden werden. Gemischtkonfessionelle Ehen? Um Gottes Willen! Diese über Generationen vertieften und kultivierten Abneigungen führten zu mentalen Imprägnierungen, die bis in die Gegenwart hinein wirken und ökumenische Errungenschaften immer wieder auf die Probe stellen. Konflikte, für die es keine politische Erklärung gibt, liegen zumeist darin begründet.

Vor allem, wenn es um Arbeit und Wirtschaft geht, sind die Auswirkungen der Reformation bis heute spürbar. Die enthaltsame und kontrollierte Lebensführung eines Mönches war für Protestanten nun auch außerhalb der Klöster geboten. Müßiggang war bei dieser Einstellung nur zur Erholung für den nächsten Arbeitsschritt vorgesehen. Es galt, die begrenzte Zeit auf Erden möglichst produktiv zu verbringen. Fleiß, Pünktlichkeit, Sachlichkeit – diese Eigenschaften, die besonders den frommen Protestanten wichtig waren, hielten Einzug in die „preußischen Tugenden" und sind später Zuschreibungen geworden, von denen die Produktkennzeichnung »Made in Germany« noch heute profitiert.

Ist es also historisch gerechtfertigt, dass wir den heutigen Reformationstag in ganz Deutschland als einen Feiertag begehen?

Westheider: Aber sicher doch! 72 Prozent der Deutschen wünschen sich, dass dies auch so bleiben möge. Auf allen Ebenen lassen sich die christlichen Kirchen zurückdrängen oder reduzieren sich selbst, oft ohne Not. Wohin soll das führen? Allein schon wegen des unsäglichen Halloween-Spektakels ist der Reformationstag als Feiertag ein großer Segen. Daran sieht man übrigens, wie ein unsinniger Klamauk schnell zu einer gesellschaftlichen Normalität werden kann. Schaut man sich mal die Biografien der damaligen Reformatoren auch hier bei uns auf dem Lande an, so waren es allesamt lebendige Widersprüche, die sich an dem menschengemachten Elend der Welt abgearbeitet haben. Mehr denn je ist eine solche Haltung heute wieder gefragt, von Laien wie Profis in allen christlichen Kirchen und Glaubensgemeinschaften. – „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!" Einer solchen Haltung kann man nicht so leicht ausweichen. Dafür kann es gar nicht genug Feiertage geben.

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