NS-Geschichte neu erzählt: Katja Kosubek über Frauen in der NSDAP

Heiko Kaiser

Biogramme als Meilenstein der Biografie: Mit ihrer Doktorarbeit hat Katja Kosubek einen großen Beitrag zur Klärung der Frage geliefert, warum die NSDAP in Deutschland so erfolgreich war. - © Heiko Kaiser, HK
Biogramme als Meilenstein der Biografie: Mit ihrer Doktorarbeit hat Katja Kosubek einen großen Beitrag zur Klärung der Frage geliefert, warum die NSDAP in Deutschland so erfolgreich war. (© Heiko Kaiser, HK)

Halle. Katja Kosubek erinnert sich noch genau an den Moment im Jahr 1998, als der Schleier zur Vergangenheit zerriss: „Ich saß auf der Drachenwiese oberhalb von Halle und öffnete den Umschlag, der gerade von der Stanford-University gekommen war." Fünf Erzählungen, in altdeutscher Sütterlin-Schrift verfasst, fand die Haller Historikerin darin. Geschrieben waren sie von Frauen, die im Sommer 1934 an einem Schreibwettbewerb teilgenommen hatten. »Warum ich vor 1933 in die NSDAP eingetreten bin« lautete das Thema.

Es ist der Traum einer jeden Historikerin, plötzlich auf unbearbeitete historische Quellen zu stoßen, unverfälschte Zeugnisse vergangener Zeiten in den Händen zu halten. Ähnlich wie ein zufälliger Dachbodenfund oder, wie Katja Kosubek es formuliert, „eine Flaschenpost aus dem Jahr 1934" kamen diese Dokumente zu ihr. „Mir ist ein Schauer über den Rücken gelaufen", erinnert sie sich an diesen Moment.

Als junge Studentin waren der heute 46-Jährigen einzelne Zitate der sogenannten »Alten Kämpferinnen« in einem Buch begegnet. Ihr Gedanke: „Was für spannende Lebensberichte müssen das sein." Katja Kosubek forschte nach, fand heraus, dass die Erzählungen im Rahmen eines Schreibwettbewerbs vom amerikanischen Soziologen Theodore Abel initiiert worden waren. 400 Mark Gewinn lobte er damals dafür aus. Die NSDAP unterstützte das Vorhaben.

»Die Zeit« und »Die Welt« widmeten sich in großen Rezensionen dem Werk

683 Zusendungen gingen ein. Abel aber berücksichtigte nur die der Männer. Die Biogramme der Frauen erschienen ihm aufgrund des männlich determinierten NS-Apparates nicht interessant. Ein Glück für Katja Kosubek, die die vernachlässigten Unterlagen in Stanford anforderte.

Eine neue Identität: Mit ihrem Engagement für die NSDAP fanden viele Frauen jene Anerkennung, die si zuvor vermisst hatten. - © Foto: Landesarchiv Berlin
Eine neue Identität: Mit ihrem Engagement für die NSDAP fanden viele Frauen jene Anerkennung, die si zuvor vermisst hatten. (© Foto: Landesarchiv Berlin)

Auf Grundlage der ersten fünf Erzählungen verfasste sie anschließend ihre Magisterarbeit und veröffentlichte nun auf Basis der noch verfügbaren 36 Frauenerzählungen ihre Dissertation. »Genauso konsequent sozialistisch wie national« lautet der Titel des Buches.

Die 608 Seiten der Doktorarbeit sind sofort nach ihrem Erscheinen auf große Resonanz in der Fachwelt gestoßen. »Die Zeit« und »Die Welt« widmeten sich in großen Rezensionen dem Werk. Der Tenor: Katja Kosubeks Buch könnte ein neues Kapitel der Geschichtsschreibung über den Beginn des Nationalsozialismus aufschlagen – und zwar ein weibliches Kapitel.

Es beschreibt Frauen, „die mit Herz und Seele Nationalsozialistinnen waren", sagt Katja Kosubek. Frauen, die in dieser Bewegung eine neue Identität fanden, weil sie gebraucht und anerkannt wurden. Frauen, die Uniformen und Hakenkreuzfahnen nähten, bei Demonstrationen Waffen in ihren Kleidern versteckten und am Rande von blutigen Auseinandersetzungen als Sanitäterinnen zu Seite standen. Frauen, deren Biografien, aus dem Auge der objektiven Leserin betrachtet, ein Engagement für die NSDAP nachvollziehbar, ja oft sogar sinnvoll erscheinen lässt.

Objektiv, das will Katja Kosubek sein. „Ich wollte verstehen, warum die Frauen mitgemacht haben, ohne zu be- oder zu verurteilen", sagt sie. Und so nimmt sie die Leser mit in eine Welt, in der diese Erzählerinnen noch nichts wissen von den Nürnberger Rassegesetzen, nichts vom zweiten Weltkrieg. In eine Zeit, als sie völlig offen und unbefangen ohne das nach 1945 auferlegte Tabu über ihre nationalsozialistische Überzeugung und ihr Engagement berichten und dabei vom Ideal einer großen Volksgemeinschaft schwärmen. „Das macht die Quellen so kostbar", sagt die Hallerin.

Zu sagen, so etwas darf nicht mehr passieren, reicht nicht aus

Es reiche nicht aus zu sagen: „So etwas darf nie wieder passieren!", sagt Katja Kosubek und fügt hinzu, man müsse vielmehr fragen: „Wie ist es denn passiert?" Genau das tut die Haller Historikerin, indem sie den Erzählungen zuhört, indem sie Einzelschicksale betrachtet, indem sie individualisiert statt zu pauschalisieren.

Der Soziologe Abel hat übrigens noch ein zweites Preisausschreiben durchgeführt. 3000 Einsendungen soll es aus Deutschland gegeben haben. Diese Unterlagen sind bis heute verschwunden. Vielleicht finden sie sich ja irgendwann auf irgendeinem Dachboden.

Am heutigen Donnerstag sendet der Deutschlandfunk ab 20.10 Uhr einen Beitrag über das Buch von Katja Kosubek. Am Dienstag, 12. September, gibt es ab 20 Uhr eine Lesung in der Remise. Frauen, die heute im Alter der damaligen Schreiberinnen sind, werden aus den Berichten vortragen.

Das Buch ist im Wallstein-Verlag in der Reihe »Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte« erschienen und kostet 42 Euro. Es ist in der Haller Stadtbücherei auszuleihen.

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