Fotografieren in der Kita verboten

Eltern dürfen ihre Kinder nicht mehr ablichten

Uwe Pollmeier

Immer weniger »Spaghettiiiii« und »A-mei-sen-schei-ße«: Viele Kitas wenden ihr Hausrecht an und verbieten Fotoaufnahmen, um das Recht des Kindes am eigenen Bild zu wahren. Die Bilderverbreitung über das Internet hat die Lage verschärft. - © Foto: Irina Schmidt - Fotolia.com
Immer weniger »Spaghettiiiii« und »A-mei-sen-schei-ße«: Viele Kitas wenden ihr Hausrecht an und verbieten Fotoaufnahmen, um das Recht des Kindes am eigenen Bild zu wahren. Die Bilderverbreitung über das Internet hat die Lage verschärft. (© Foto: Irina Schmidt - Fotolia.com)

Halle. Früher reichte noch ein 36er-Farbfilm aus, um die Karibik-Kreuzfahrt auf Fotos zu bannen und ein Diaabend war die multimediale Krönung. Heute kann praktisch jeder Moment für die Ewigkeit festgehalten werden. Eben mal das Handy gezückt und kurz darauf gibt es den Hochzeitstanz oder das Auspusten der Kerzen auf dem Geburtstagskuchen aus jeder erdenklichen Perspektive. Ins Internet hochgeladen können Sekunden später Freunde auf der ganzen Welt die fotografischen Erinnerungen sehen. Die digitalen Fotoberge werden somit immer höher, nur aus der Kindergartenzeit wird es zukünftig kaum noch bildhafte Erinnerungen geben.

„Innerhalb unserer Einrichtungen dürfen Eltern gar nicht mehr fotografieren", sagt Marlene Ens, Kindergartenfachberaterin für den evangelischen Kirchenkreis Halle, der mit 21 Einrichtungen im Nordkreis vertreten ist. Man wolle somit die Persönlichkeitsrechte der Kinder schützen, die insbesondere durch die Verbreitungsmöglichkeit über das Internet stark gefährdet seien. Ein Missbrauch der Daten sei in der heutigen Zeit viel leichter möglich als früher.

Jede Fotoaufnahme muss von den Eltern genehmigt werden

Foto verboten - © Foto: HK
Foto verboten (© Foto: HK)

Früher habe es, so Ens, eine allgemeine Einverständniserklärung gegeben, die die Eltern mit der Unterzeichnung des Betreuungsvertrages unterschrieben haben und die für die nachfolgenden Monate pauschal gültig war. Heute müsse entsprechend eines kürzlich veröffentlichten Leitfadens der Landeskirche jede Veranstaltung einzeln abgefragt werden.

Die meisten Familien empfänden dies, so Ens, nicht als störend. Viele forderten dieses Recht sogar für ihre Kinder ein. Gedämpfte Begeisterung herrscht hingegen bei den Erzieherinnen, für die die strengen Vorsichtsmaßnahmen einen deutlich größeren Verwaltungsaufwand bedeuten.

„Das ist wirklich ein brisantes Thema, das sich in den vergangenen zwei Jahren extrem verschärft hat", sagt Annemone Nocken, Leiterin der katholischen Kindertagesstätte Herz-Jesu. Früher habe man Fotos ausgehängt und für die Eltern Abzüge angefertigt, heute sei so etwas undenkbar. „Wir geben für jede Veranstaltung im Vorfeld eine Einverständniserklärung raus, die von beiden Elternteilen zu unterschreiben ist", sagt Nocken. Dieses Formular werde wegen der Rechtssicherheit bei Beschwerden aufgehoben.

Gesichter anderer Kinder müssen unkenntlich gemacht werden

Ebenso wie auch in den evangelischen Einrichtungen dürfen die Erzieherinnen zwar von den Kindern Fotos machen, aber nur, um die Entwicklung des Kindes aus pädagogischer Sicht zu dokumentieren. „Sind auf diesen Fotos auch andere Kinder zu sehen, müssen wir deren Gesichter unkenntlich machen oder deren Eltern um Einverständnis bitten", erklärt Nocken.

Auf Fotos gebannte Erinnerungen an die Freunde aus der Kita werden somit immer seltener. Hoffnungsschimmer am bildarmen Horizont ist und bleibt somit der Kindergartenfotograf, der seit gefühlten 50 Jahren in die Einrichtungen kommt und Fotomappen anfertigt.

Die Tendenz werde, so Nocken, halt immer extremer und anfangs habe es auch viel Unverständnis bei einigen Eltern gegeben. Man habe Gespräche geführt und dadurch sei das Verständnis für die strengen Regeln bei vielen immer mehr gewachsen.

„Wir gehen längst nicht mehr so locker damit um wie früher"

Kommentar

Zu viel Schutz stellt das Kind ins Abseits

Uwe Pollmeier

Wer um die 40 Jahre alt ist und noch lebt, dürfte aus Sicht heutiger Eltern ein Wunder sein. Wir saßen ohne Gurt und Airbag im Auto, spielten stundenlang weit weg und telefonisch unerreichbar im Wald, hätten jede WC-Reiniger-Flasche problemlos öffnen können und futterten Schnee.
Und manchmal landeten wir auf Fotos von Kita-Karnevalsfeiern, Ausflügen und Geburtstagspartys, bei denen übrigens Papierservietten angezündet und brennend Richtung asbesthaltiger Zimmerdecke gejagt wurden. Die Pädophilen haben davon vermutlich wenig mitbekommen. Ihr Trieb entwickelt sich wohl eh unabhängig von fröhlichen Kinderfotos und sie suchen sich ihre Opfer eher spontan auf der Straße oder in der Verwandtschaft aus.
Die Angst um das eigene Kind ist verständlich, aber sie sollte im Rahmen bleiben. Der Verzicht auf fotografische Kitaerinnerungen ist ein zu hoher Preis. Er ist nicht aus Erfahrungen aus Straftaten entstanden, sondern von übervorsichtigen Eltern eingefordert worden. Vielleicht gehören einige von ihnen sogar zu denen, die bei Facebook ihr Mittagessen posten, trotz eines Gelben Scheins Fotos vom Freizeitparkbesuch veröffentlichen oder potenziellen Einbrechern mitteilen, dass sie gerade auf Mallorca sind.
Der Schutz des eigenen Kindes sollte, damit hier kein Missverständnis entsteht, vorrangig sein und kein dem Nachwuchs zugefügter Schaden ist zu entschuldigen. Aber die Überfürsorglichen – neudeutsch Helikoptereltern – sollten zur Landung ansetzen.

Ähnlich sieht die Lage in den Einrichtungen der Arbeiterwohlfahrt (AWO) aus. „Fotografieren ist bei uns ein ganz sensibles Thema", sagt Anja Schmidt, Leiterin der AWO-Kita Hesseln. Man habe sich bezüglich der Thematik von einem Rechtsanwalt beraten lassen. „Die Eltern wissen, dass wir mit diesen Daten sensibel umgehen. Wir gehen längst nicht mehr so locker damit um wie früher", sagt Schmidt.

Noch nicht ganz so strenge Richtlinien herrschen offenbar in den städtischen Kindertagesstätten. „Wir sind derzeit noch auf der Suche nach dem richtigen Weg", sagt Anja Holle, Leiterin der integrativen Tagesstätte in Künsebeck. Man hole sich das einmalige Einverständnis der Eltern ein und auch die Eltern selbst dürfen auf internen Festen ihre Kinder fotografieren. „Wir verteilen allerdings keine Abzüge an die Eltern. Das haben wir noch nie gemacht", sagt Holle. Die Lage werde sich aber sicher noch verschärfen, so Holle. „Bilder im Internet verschwinden halt nie. Eine Zeitung wirft man irgendwann weg und dann ist das Foto vergessen", sagt Holle.

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