Kunst, die entrückt und erfüllt

Haller Bach-Chor besteht musikalische Herausforderung

Christoph Guddorf

Mächtiger Chorgesang: Der Bach-Chor der Johanniskantorei, die Solisten Knut Schoch und Raimund Spogis und das Ensemble Aperto unter Leitung von Martin Rieker. - © Foto: Florian Gontek
Mächtiger Chorgesang: Der Bach-Chor der Johanniskantorei, die Solisten Knut Schoch und Raimund Spogis und das Ensemble Aperto unter Leitung von Martin Rieker. (© Foto: Florian Gontek)

Halle. Den aufführungspraktischen Herausforderungen von Claudio Monteverdis »Marienvesper« haben sich Martin Rieker, das Ensemble Aperto und der Bach-Chor der Johanniskantorei Halle gestellt – und das mit bemerkenswerter Bravour und Hingabe. In der voll besetzten Johanniskirche ertönte die laut Komponist auch „für Kapellen und Fürstengemächer geeignete" Vesper in historisch geadeltem Klanggewand unter anderem mit entsprechenden Oboen, Posaunen, Zinken, Dulcian und Theorbe.

Diese dunkler grundierte Fassung mit breit gefächerter Continuo-Besetzung orientiert sich freilich an den lokalen und weniger an den idealen Gegebenheiten des Markusdomes von Venedig. Dennoch wandern einige Solisten für spezielle Echo-Effekte durch den Chorraum, und die einzelnen Abschnitte des abschließenden Magnificat werden in solistischer statt chorischer Besetzung ausgeführt. Was die instrumentalen wie vokalen Verzierungen anbelangt, beschränken sich Rieker und seine Musiker wie Solisten weitestgehend auf jene unmittelbar textbezogenen Stellen, welche eine virtuosere, bedeutungs- und emotional betontere Stimmung erfordern, etwa wenn im Concerto »Duo Seraphim« Knut Schoch und Julian Podger als Engel ihre Tenor-Stimmen beben lassen, als sie die Herrlichkeit des Herrn und dem himmlischen Zeugnis der Dreieinigkeit ausrufen.

Heftiger Applaus des
begeisterten Publikums

Podger überzeugt vor allem im Concerto »Audi coelum« (hier fungiert Schoch als Echo-Stimme), wo er dem erstmaligen Erscheinen Marias neben den Koloraturen einen innigen und farbreicheren Charakter verleiht. Schoch wiederum gibt etwa dem Concerto »Nigra sum« eine lebendig freie Ambivalenz. Dennoch tritt Raimund Spogis’ Bariton auch vom Stimmsitz her unmittelbarer und klarer an den Hörer heran, wenn er etwa den Psalm 126 »Nisi Dominus« eröffnet und aus ihm die Stimme Christi spricht.

Cornelie Isenbürgers So-pran und Laurie Reviols Alt berühren insbesondere im Duett wie in der Sonata Sopra »Sancta Maria, ora pro nobis«, wo ihre unterschiedlichen Timbres mit einem inständig vereinten Vibrato verschmelzen. Im »Gloria patri« des Magnificat (Schoch und das Echo Podgers) geben sie der trinitarischen Doxologie eine ätherische schwebende Leichtigkeit.

Von schnörkellos stoischer Stringenz ist Clint van der Lindes Altus, der sich geschmeidig in die Ensembles einbettet (zum Beispiel im tenorjubelnden »Et exultavit«), in den Solopartien wie dem »Fecit potentiam« und »Sicut locutus est« des Magnificat jedoch seine ganze Kraft entfaltet. Der auch zehnstimmig noch homogen und wohlartikulierend erscheinende Chor hat seine Glanzpunkte in einem wohlgerundet mächtigen und ausbalanciertem »Nisi Dominus«, in einem strahlenden Lobgesang des »Lauda Jerusalem« und einem überzeugt abschließenden »Sicut erat in principio«.

Ihren instrumentalen Höhepunkt erreicht die Vesper in der »Sonata sopra«, in der das Duett der Violinen sich zu einem kunstvollen Dialog der ansonsten begleitenden Ins-trumente erweitert. Und auch die Ritornelle im Hymnus »Ave maris stella« geraten samt ihrer Ornamentik wunderbar schwebend. Und nach heftigem Applaus lässt dieses in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche Werk den Hörer in einer Mischung aus Entrücktheit und Erfülltheit zurück.

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