Polizist von Eltern angezeigt

»Wischer« gegen Sechsjährigen bringt Beamten in Not

Herbert Gontek

Ort des Geschehens: Die Polizeiwache in Halle. - © Foto: Andreas Großpietsch
Ort des Geschehens: Die Polizeiwache in Halle. (© Foto: Andreas Großpietsch)

Halle. Ein sechsjähriges Kindergartenkind hat durch eine Alarmauslösung in der Arrestzelle der Haller Polizei buchstäblich einen Großalarm hinter den Kulissen ausgelöst. Als Folge dieses vorher untersagten Tuns soll der begleitende 55-jährige Polizeibeamte den Jungen lautstark angesprochen und mit einem „leichten Wischer“ am Kopf berührt haben. Später erstatteten die Eltern Strafantrag. Die Polizei bedauert diesen Vorfall ausdrücklich.

Die »Orange Kids« aus dem Gerry-Weber-Kindergarten besuchten schon am vergangenen Donnerstag die Polizeiwache in Halle. Auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern verzichtete die Polizei nach eigener Darstellung auf eine Veröffentlichung des Vorfalls. Nach Recherchen unserer Zeitung gab die Polizei gestern aber auch ihre Stellung dazu ab.

Die Besichtigung der Haller Polizeiwache durch Kindergarten- und Grundschulkinder gehört zum Standardgeschäft der polizeilichen Öffentlichkeitsarbeit. Der eingesetzte Beamte hat in den vergangenen Jahren über 100 dieser Führungen gemacht. So war es auch am vergangenen Donnerstag um kurz nach 11 Uhr. 17 Kinder in Begleitung von zwei Erzieherinnen und einer Mutter kamen zur Besichtigung der Polizeiwache. In zwei Gruppen geteilt, jeweils von einem Polizisten geführt, begann die Hausbesichtigung.

Nach Darstellung der Polizei hatte der sechsjährige Junge unbemerkt von den Erzieherinnen einen Alarmknopf gedrückt. Genau das soll vorher ausdrücklich untersagt worden sein. In der Folge soll der Beamte lauter geworden sein und den Jungen mit einem Wisch an die Schädeldecke berührt haben. Zeugen gibt es für diesen Zwischenfall aber nicht. Der Polizeibeamte entschuldigte sich nach Angaben der Behörde kurz danach bei dem Jungen. Über den Vorfall sollen auch die Erzieherin und die begleitende Mutter informiert worden sein. Die Führung wurde fortgesetzt.

Vater erstattet Strafanzeige

Kommentar

Notruf ohne Not gibt Ärger

VON HERBERT GONTEK

Ich bin 63 und verstehe vielleicht deshalb nicht, warum der Polizist jetzt straf- und dienstrechtliche Ermittlungen ertragen muss. Nach fast 40 Dienstjahren, in denen er sich nichts hat zu Schulden kommen lassen und hunderte von Kindergartengruppen begleitet hat, sieht er sich nun dem Vorwurf ausgesetzt, einen sechsjährigen Jungen „körperlich attackiert“ zu haben. Wie kräftig er dem Jungen über die Haare gestrichen hat, wird offenbleiben. Fakt ist, dass er den Kindern eindringlich verboten hatte, den Notknopf zu drücken, der Junge dieses Verbot missachtete und der Beamte sein Missfallen nicht nur verbal zum Ausdruck gebracht hat. Wenn er das Kind tatsächlich berührt haben sollte, war das sicherlich ein Fehler, für den er sich entschuldigt hat. Dass er sich allerdings einer Anzeige wegen Körperverletzung ausgesetzt sieht und in dem Elternbrief davon die Rede ist, dass man „sehr schockiert“ und die Situation „dramatisch“ sei, lässt vermuten, dass es hier offenbar an der Verhältnismäßigkeit mangelt, den Fall mit der gebotenen Sachlichkeit aufzuarbeiten.

Nachdem die Kindergartenleitung den Vater informiert habe, erstattete er am Nachmittag eine Strafanzeige gegen den Polizeibeamten wegen Körperverletzung im Amt. Erst bei der Anzeigenerstattung sei der Sachverhalt im Haus der Polizeibehörde bekannt geworden, heißt es in der Presseerklärung der Polizei.

„Das Verhalten des Polizeibeamten ist völlig inakzeptabel und in keiner Weise zu entschuldigen“, sagt der Leitende Polizeidirektor Karsten Fehring. „Wir als Polizei im Kreis Gütersloh dulden ein solches Verhalten nicht und werden mit aller Konsequenz dagegen vorgehen. Es wird bereits strafrechtlich und dienstrechtlich gegen den Beamten ermittelt. Zudem haben wir bei den Eltern des Kindes sowie der Kindergartenleitung das Gespräch gesucht, um auf dieser persönlichen Ebene unser Bedauern auszudrücken und uns für den Vorfall zu entschuldigen“, erklärt Fehring weiter.

In einem Rundbrief der Kindergartenleitung der Gerry-Weber-Kita »Kids World« schreibt Frauke Ruwisch unter anderem: „Für alle Beteiligten ist dieses eine äußerst schwere Situation. Es ist dramatisch, ja, trotzdem möchte ich durch diese Information verhindern, dass der Vorfall übermäßig aufgebauscht wird und Gerüchte oder unüberlegte Beschuldigungen in Umlauf gebracht werden. ... Es gibt leider keine Garantie, die solche Vorfälle verhindern wird, aber wir können uns alle sensibilisieren und achtsam mit uns selbst und unseren Mitmenschen umgehen, besonders mit unseren Kindern.“

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