BorgholzhausenFamilie aus der Ukraine sucht für autistischen Jungen mehr Ruhe und Frieden

Vor vier Wochen flohen Anya und Dimo Gotmanov mit zwei Kindern, der Großmutter und einer kleinen Katze aus der Ukraine. Mitgebracht haben sie auch die Sorge um ihren Sohn Dimo. Er ist Autist und mit der Situation im Wohnheim klar überfordert.

Andreas Großpietsch

Ein schwieriger Fall: Wioleta Tazbir (links) sucht nach einer ruhigeren Wohnung für die Familie Gotmanov. Neben Vater Dima und Mutter Anya gehören der Sohn Dima, sein Bruder Kyril und Großmutter Evgeniya Grishko dazu. Sie sind aus der Ukraine geflohen und im Haus Ravensberg untergekommen, doch besonders für Dima ist die Situation  sehr anstrengend. - © Andreas Großpietsch
Ein schwieriger Fall: Wioleta Tazbir (links) sucht nach einer ruhigeren Wohnung für die Familie Gotmanov. Neben Vater Dima und Mutter Anya gehören der Sohn Dima, sein Bruder Kyril und Großmutter Evgeniya Grishko dazu. Sie sind aus der Ukraine geflohen und im Haus Ravensberg untergekommen, doch besonders für Dima ist die Situation  sehr anstrengend. © Andreas Großpietsch

Borgholzhausen. An der Hand seiner Mutter kommt der fünfjährige Dimo aus dem Haus Ravensberg. Er umklammert einen Tablet-Computer, seine Haare sind kurz geschoren, sein Lächeln wirkt freundlich. Auf den ersten Blick ein Kind wie viele andere, die jetzt durch die Gänge im ehemaligen Pflegeheim wuseln, das zur Notunterkunft für Flüchtlinge aus der Ukraine umfunktioniert wurde.

Doch dann schlägt seine Stimmung aus nicht erkennbaren Gründen um, seine Miene verfinstert sich, er wirkt aufgebracht. Seine Mutter Anya versteht, was er in diesem Augenblick so dringend will, dass alles andere aus seiner Sicht unwichtig erscheint. Sie geht mit ihm die paar Schritte zu dem Auto, mit dem die Familie sich vor etwas mehr als vier Wochen auf den Weg nach Westen gemacht hat.

„Als Vater eines behinderten Kindes durfte Dimo Gotmanov ausreisen"

Ein paar Wintersachen, die noch in den Kofferraum passten, und die kleine Hauskatze waren alles, was sie bei ihrer Flucht mitnehmen konnten. „Als Vater eines behinderten Kindes durfte Dimo Gotmanov ausreisen", erklärt Wioleta Tazbir. Die Borgholzhausenerin, die seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine auf vielfältige Art und Weise hilft, hat sich dieser Familie besonders angenommen.

Und das ist auch sicher gut so, denn durch die Krankheit ihres Sohnes ist derzeit nicht mal ein Mindestmaß an Normalität für die Gotmanovs zu erreichen. Ein Grund ist die Sprache, die ohnehin zu Dimos Problemen gehört. „Er kann nur sehr wenig sprechen. Und er ist immer emotional sehr erregt, wenn er etwas nicht ausdrücken kann", erklärt Wioleta Tazbir.

Ganz sicher gelingt ihm das nicht, wenn er mit einer großen Gruppe von Kindern zusammen ist. Wie zum Beispiel in den ehemaligen Wintergärten im Inneren der Gebäude des Altbaus. Die wurden mit einem einfachen und strapazierfähigen Fußboden ausgestattet und sind jetzt die zentralen Spielbereiche in dem Gebäude.

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Noch ist das ehemalige Altersheim nicht vollständig belegt, aber aktuell haben 74 Menschen dort eine erste Bleibe gefunden. 34 von ihnen sind Kinder, die oft nur mit ihren Müttern, manchmal auch mit der gesamten Familie, aus ihrer Heimat geflohen sind.

„Wir kommen aus Dnipro", sagt Anya Gotmanova. Die 36-Jährige war in der Ukraine als Buchhalterin tätig. Ihr Mann Dimo ist 40 Jahre alt und hat in einer Maschinenfabrik gearbeitet. „Ich kann auch als Fahrer arbeiten", sagt er. Mit einer baldigen Rückkehr in ihre Heimat rechnen sie derzeit nicht – obwohl Dnipro nicht im unmittelbaren Frontbereich des Krieges liegt.

Doch immer wieder schlagen dort Bomben und Raketen ein. „Vor allem der Flughafenbereich ist sehr stark attackiert worden", sagen die Gotmanovs. Irgendwann hielten sie die Situation nicht mehr aus und suchten ihr Heil in der Flucht. Wohl wissend, was sie in der Ukraine zurückgelassen haben. Die Krankheit ihres Sohnes war offiziell anerkannt und die Familie erhielt die nötige Unterstützung.

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Die Eltern des kleinen Dimo sind zuversichtlich, dass sie auch in Deutschland ein ähnliches Angebot bekommen. „Aber zuerst muss die Erkrankung von einem deutschen Arzt offiziell bestätigt werden", sagt Wioleta Tazbier. So lange eine solche Bestätigung nicht vorliegt, kann zum Beispiel auch die Stadt Borgholzhausen keine speziell abgestimmte Behandlung für die Familie Gotmanov anbieten.

Deren Hoffnung ist es jetzt, auf dem Weg über die Öffentlichkeit eine kleine Wohnung finden zu können, in der alle Familienmitglieder zur Ruhe kommen können. Um zum Beispiel Zeit zu finden, an einem Deutschkurs teilnehmen zu können. Bislang verfügt nur ein Familienmitglied über die Chance, die deutsche Sprache zu erlernen.

Dimos ein Jahr älterer Bruder Kyril besucht die erste Klasse der Violenbachschule. Die Augen seiner Mutter strahlen, als sie davon berichtet, wie wohl er sich dort fühlt und wie viel er schon gelernt hat. „Er lernt jeden Tag neue Worte. Jetzt kann er schon auf Deutsch bis 20 zählen", sagt Anya Gotmanova.

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„Kinder funktionieren oft in solchen Fluchtsituationen", sagt Ina Hirch, die Leiterin des Kreisfamilienzentrums. Und das bedeutet keineswegs, dass ihnen die Schrecken des Krieges und die Fluchterfahrung nichts ausmachen würden – im Gegenteil. Die Verdrängung sei vielmehr ein Versuch der Verarbeitung eines traumatischen Geschehens.

„Wir sehen es bei unseren Senioren, wie tief solche Situationen in den Menschen verankert sind", sagt Ina Hirch. Sie verweist dabei auf das bei der Arbeit mit Senioren bekannte Phänomen, dass traumatische Erinnerungen an Krieg und Vertreibung in ihrer Kindheit besonders am Lebensende mit Macht wieder an die Oberfläche des Bewusstseins drängen.

„Die Kinder sind alle hoch belastet". schätzt sie die Lage in den meisten Flüchtlingsfamilien ein. Längst nicht alle zeigen ihre Überlastung so unmittelbar wie der kleine Dimo, der dringend eine Unterkunft brauchte, in der er mehr Frieden finden kann. Wer sich die Vermietung einer Wohnung vorstellen kann, möge sich bei Wioleta Tazbir melden. Sie ist erreichbar unter ` (0 15 20) 3 28 98 04 und hilft mit ihren Sprachkenntnissen bei der Übersetzung.

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