BorgholzhausenWie umgehen mit dem Bauland-Boom? Zwei Redakteure - zwei Meinungen

Mit einem Punktekatalog will die Stadt für Gerechtigkeit beim Verkauf ihrer wenigen eigenen Baugrundstücke sorgen. Die Absicht ist gut, aber die Umsetzung ruft auch Kritiker auf den Plan.

Andreas Großpietsch

Auch wenn das Baugebiet Enkefeld dreimal so groß wäre, bliebe mutmaßlich kein Bauplatz frei. Die rasante Nachfragesteigerung nach Bauland kam auch für Experten überraschend und ist längst kein auf Borgholzhausen beschränktes Problem. Die Politik sucht nach Lösungsmöglichkeiten. Foto: Andreas Großpietsch - © Andreas Großpietsch
Auch wenn das Baugebiet Enkefeld dreimal so groß wäre, bliebe mutmaßlich kein Bauplatz frei. Die rasante Nachfragesteigerung nach Bauland kam auch für Experten überraschend und ist längst kein auf Borgholzhausen beschränktes Problem. Die Politik sucht nach Lösungsmöglichkeiten. Foto: Andreas Großpietsch © Andreas Großpietsch

Borgholzhausen. Als das Pro und Contra des Baugebiets Enkefeld vor wenigen Jahren diskutiert wurde, gab es auch Befürchtungen, dass die Stadt auf ihren Bauplätzen sitzen bleiben könnte. Inzwischen hat sich die Lage verändert: Für zehn Grundstücke in Borgholzhausen gibt es 150 ernsthafte Bewerbungen. Einmal wurde das Thema bereits im Planungsausschuss intensiv diskutiert. Doch die Politik stellte die Entscheidung über den Kriterienkatalog noch einmal nach hinten, um nachzudenken.

Allerdings nicht um das Ob, sondern um Details, die zu noch mehr Gerechtigkeit führen können – oder sollen, je nach Standpunkt. Inzwischen geht die Entwicklung auf dem Baumarkt weiter: Die steigende Nachfrage akzeptiert rapide steigende Baukosten und selbst die früher als wenig attraktiv geltende Nutzung eines Grundstücks mit Hilfe eines Erbpachtvertrags wird heute für viele Menschen akzeptabel. Diese Entwicklung ist nicht lokal, sondern im ganzen Land zu beobachten.

PRO von Andreas Großpietsch

Gerechtigkeit ist gut - neue Konzepte sind besser

HK-Redakteur Andreas Großpietsch - © Nicole Donath
HK-Redakteur Andreas Großpietsch (© Nicole Donath)

Viel Kritik musste sich der Grüne Anton Hofreiter gefallen lassen, nachdem er angeblich die Abschaffung des Einfamilienhauses gefordert hatte. Vertreter der konkurrierenden Parteien verteidigten vollmundig das angeblich naturgegebene Recht auf die eigenen vier Wände mit dem Garten drumherum.

Obwohl sie natürlich auch wissen, dass Deutschland nicht groß genug ist, um allen Einwohnern die Verwirklichung dieses Lebenstraums zu ermöglichen. Selbst horrende Hauspreise führen nicht zu sinkender Nachfrage. „Der Markt" fragt aber weder nach Kinderwunsch noch Ehrenamt, sondern schlicht danach, wer am meisten zahlt. Einer Stadt wie Borgholzhausen steht es gut an, mit ihren Möglichkeiten ein kleines Gegengewicht zu schaffen. Über die Kriterien kann man viel diskutieren.

Der Mangel an Fläche ist auf allen Gebieten spürbar geworden. Die Landwirtschaft beklagt zu Recht die stete Reduzierung ihres Anteils an Grund und Boden, der Umweltschutz mit ebenso gutem Grund die schrumpfenden Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Die Industrie sieht ihre Wachstumsmöglichkeiten gefährdet und die normalen Bürger erkennen, dass sich nicht alle Träume vom Glück auf dem eigenen Grundstück verwirklichen lassen.

Mindestens ebenso viel zu diskutieren gibt es aber über die sozialen Fragen. Hausbesitzer gehören plötzlich zu den deutlich wohlhabenden Menschen. Das ist nicht ihrem Können geschuldet, sondern schlicht der Tatsache, dass die Immobilienpreise fast jedes Jahr zweistellig steigen. Neu in den Klub aufgenommen wird nur, wer entweder kräftig erbt oder besonders viel verdient.

Nötig sind neue Konzepte für Mehrfamilienhäuser, die näher am Einfamilienhaus sind als an der schlichten Dreizimmerwohnung. Und trotzdem mehr Menschen auf weniger Fläche schön, aber vor allem auch billiger wohnen lassen als in der lassischen Einfamilienhaussiedlung. Solche Ansätze zu verwirklichen ist viel schwieriger, als die immer gleiche Siedlungsform ins Unendliche zu kopieren. Aber offenbar das Gebot der Stunde.

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CONTRA von Dennis Bleck

Ist das schon Diskriminierung?

HK-Redakteur Dennis Bleck - © Nicole Donath
HK-Redakteur Dennis Bleck (© Nicole Donath)

Zugegeben: Bauland ist knapp. Und dass es in jeder Kommune im Altkreis viel zu viele Bewerber für zu wenige Bauplätze gibt, ist auch kein Geheimnis. Dass die Stadt Borgholzhausen jetzt also versucht, eine Lösung für dieses Problem zu finden, ist grundsätzlich richtig. Anhand eines Punktesystems will sie in Zukunft über die Vergabe entscheiden. Wer schon in Borgholzhausen lebt, ist klar im Vorteil. Auch kleine Kinder bringen viele Pluspunkte ein. Und wer sich ehrenamtlich engagiert, wird ebenso belohnt. Wer aber einfach nur gerne in Pium wohnen möchte, weil ihm der Ort so gefällt, er vielleicht Freunde dort hat oder irgendwo in der direkten Nachbarschaft arbeitet, ist praktisch chancenlos. Ist das wirklich gerecht oder schon diskriminierend?

Klar, die Gemeinden haben vor allem die eigene Bevölkerung im Blick. Sie wollen jungen Bürgern die Möglichkeit geben, im Heimatort zu bauen. Das ist nachvollziehbar. Wenn aber Kriterien wie „Kinder" auf eine Vergabe von Bauplätzen Einfluss haben, ist das moralisch fragwürdig. Paare, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden, sind ebenso im Nachteil wie solche, die vielleicht medizinisch bedingt gar keine bekommen können. Während Bewerber also auf Wohnsitz, Ehrenamt und mit Abstrichen auch beim Arbeitsplatz direkten Einfluss haben, ist Kinderlosigkeit nicht Jedermanns freie Entscheidung.Vor allem diesen Faktor sollte der Rat bei der weiteren Ausdifferenzierung des Punktesystems im Blick behalten.

Vielleicht sollten die Politiker auch noch einmal ganz grundsätzlich darüber diskutieren, ob die von ihnen herbeigeführte Lösung wirklich so transparent und geeignet ist, wie sie diese empfinden. Ob sie verwaltungsrechtlich abgesichert ist, falls Interessenten mit Klagen gegen das Vergabemodell vorgehen wollen.

Unpopulär, aber die sicher fairste Lösung wäre es, die zehn Bauplätze unter den 150 Bewerbern einfach zu verlosen. Auf diese Weise hat ein Jeder dieselbe Chance – unabhängig von irgendwelchen Kriterien, die für Außenstehende mal mehr, mal weniger gerecht erscheinen.

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