BorgholzhausenZäune, Chemie und Plastik: Sichert das die Zukunft des Waldes?

Auf 7,5 Hektar Neuaufforstungsfläche werden 40.000 Setzlinge gepflanzt. Ohne die Abwehr von Rehen und Hasen wird daraus kein Wald.

Andreas Großpietsch

Zäune im Wald schützen die jungen Pflanzen. - © Andreas Großpietsch
Zäune im Wald schützen die jungen Pflanzen. © Andreas Großpietsch

Borgholzhausen. „Wir hatten gehofft, dass sie dem Angriff der Käfer widerstehen würden", sagt Gabi Lindemann und zeigt auf eine Gruppe von Baumstubben. Die Schnittfläche ist noch hell, die Bäume sind erst vor wenigen Wochen gefällt worden. Es war der letzte Akt in dem Drama, das sich an diesem Teuto-Hang unweit des Windrades auf dem Hollandskopf ereignet hat. Trockenheit und Borkenkäfer haben dem kompletten Fichtenbestand ein unrühmliches Ende bereitet. Jetzt beginnt der Neuanfang.

Doch das Bild, das sich hier bietet, entspricht so gar nicht der romantischen Bedeutung des Wortes Wald. Viele der neu angepflanzten Flächen wirken überwiegend kahl. Die Baumsetzlinge sehen aus wie kurze, dünne Äste, die in den Boden gesteckt wurden, und fallen erst beim genauen Hinschauen auf.

Auch mit einem motorbetriebenen Borgerät bleibt das Pflanzen von Tausenden Bäumen im Gelände eine schwere Arbeit. Stubben und Äste der geschlagenen Bäume werden zu langen Wällen aufgeschichtet. In 30 Jahren sind diese Flächen als Wege nutzbar. - © Andreas Großpietsch
Auch mit einem motorbetriebenen Borgerät bleibt das Pflanzen von Tausenden Bäumen im Gelände eine schwere Arbeit. Stubben und Äste der geschlagenen Bäume werden zu langen Wällen aufgeschichtet. In 30 Jahren sind diese Flächen als Wege nutzbar. (© Andreas Großpietsch)
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Das wird sich ändern, wenn der Frühling an Kraft gewinnt und aus den Triebspitzen Blätter und Nadeln wachsen. Doch ohne ein ganzes Arsenal unterschiedlicher Abwehrwaffen würden auf solchen Flächen weder Speierling noch Europäische Lärche, weder Wildbirne noch Stieleiche die schwierigen ersten Jahre überleben. Bei einer Fläche, die dem Kreis Gütersloh gehört, setzt man auf einen zwei Meter hohen Drahtzaun, der Rehe abhalten soll.

Im unteren Bereich sind die Abstände schmaler, um auch kleinere Tiere abzuwehren. „Das ist typisch für Hasen", sagt Gabi Lindemann und zeigt einen etwa 50 Zentimeter großen Steckling auf einer nicht eingezäunten Fläche, der einfach in der Mitte durchgebissen wurde. Und auf den Kahlschlagflächen fühlen sich die Bewohner des offenen Landes relativ wohl. Ihre Zahl steigt, wurde jüngst vermeldet. Das gilt offenbar auch für die ärgsten natürlichen Feinde von jungen Bäumen: die Rehe.

Das ehemals scheue Waldtier ist zum Massenphänomen geworden: Naturschützer sprechen schon mal spöttisch von „unseren Antilopen" und meinen damit die Herden von Rehen, die von den Jägern gehegt werden. Bald beginnen wieder die grundsätzlich sehr lobenswerten Drohneneinsätze zur Rettung von Rehkitzen vor dem Tod in den Mähwerken der großen landwirtschaftlichen Maschinen.

Schutzmaßnahmen verursachen hohe Kosten

Die Erfolgszahlen der Kitzretter stimmen allerdings nachdenklich: Wenn auf einer einzigen Wiesenfläche bis zu 20 Kitze geborgen werden – wie groß ist dann die Population dieser Tiere insgesamt? Waldbesitzer und Waldexperten kennen die genauen Zahlen auch nicht – aber die Tendenz. „Es sind einfach zu viele", sagt Gabi Lindemann.

Die blaue Plastikhülse schützt vor Verbiss. - © Andreas Großpietsch
Die blaue Plastikhülse schützt vor Verbiss. (© Andreas Großpietsch)

Zu viele jedenfalls, „um mittels Naturverjüngung oder ohne teure und aufwendige Forstschutzmaßnahmen einen klimastabilen Laub-Nadelmischwald auf Kahlflächen zu initiieren", sagt Gabi Lindemann. Außer den teuren Zäunen kann man derzeit auch andere Abwehrstrategien gut im Teuto oberhalb des Berghauser Weges betrachten. Wie die auffällig kornblumenblauen Plastikclips an den Spitzen neu gepflanzter Bäume.

Sie tragen die schöne Bezeichnung „Triebspitzenverbissschutz", reichen aber allein nicht aus. Viele Setzlinge sind zusätzlich mit einer Schutzfarbe versehen, die den Rehböcken das sogenannte Fegen verleidet. Im Frühjahr wachsen deren Gehörne nach und sie messen ihre Kräfte gern mit den fingerdicken Setzlingen. Der Sieger des Kampfes steht von vorn herein fest – wenn es keinen Schutz für die Bäume gibt.

Eine andere Bedrohung der frisch gepflanzten Bäume ist noch unauffälliger: die Schermaus. Die großen wühlmausartigen Nager werden ebenfalls von kahlen Flächen angezogen und lieben alles, was sich unter der Oberfläche findet. „Man fasst einen Steckling und der lässt sich leicht herausziehen, weil er keine Wurzeln mehr hat", beschreibt Gabi Lindemann das Schadbild. Das dürfte auch manchem Gartenbesitzer bekannt vorkommen. Dort sind dann allerdings meist Verwandte der Schermäuse am Werk gewesen.

Die Bedrohungen für frisch gepflanzte Bäume sind zahlreich und bestätigen die Grundsätze, die von der Försterin früher in „ihrem" Revier beherzigt wurden. Gabi Lindemann argumentierte immer gegen Kahlschläge. Sie war für die behutsame Entnahme von Einzelbäumen, die noch einen sehr willkommenen kostensparenden Nebeneffekt hat.

Denn wo wieder Licht auf den Waldboden fiel, zeigten sich rasch Keimlinge, die entstandene Lücken wieder füllten. Auch heute sieht man Stellen, an denen diese Naturverjüngung einsetzt. Doch auch sie müssen oft geschützt werden gegen ihre zahlreichen tierischen Nutznießer. Zäune gehören deshalb noch für etliche Jahre zum Bild des neuen Waldes.

Der Biss eines Hasen fällte diesen Setzling. - © Andreas Großpietsch
Der Biss eines Hasen fällte diesen Setzling. (© Andreas Großpietsch)

Die großflächigen Neuanpflanzungen machen viel Arbeit, die Schutzmaßnahmen verursachen hohe Kosten für die Waldbesitzer. Eine Alternative gibt es für Gabi Lindemann nicht, denn die Kahlschlagflächen müssen rasch wieder begrünt werden, sagt sie. Warum sie dagegen ist, Flächen einfach sich selbst zu überlassen, wird Inhalt der dritten Folge unserer kleiner Serie sein.

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