BorgholzhausenGerichtssaal platzt aus allen Nähten: Zwangsversteigerung verschoben

Ein ratloser Rechtspfleger, enttäuschte Interessenten und ein Bürgermeister, der sich noch lange in Geduld fassen muss, sind das Ergebnis eines Zwangsversteigerungstermines im Haller Amtsgericht. Der Termin platzt, weil zu viele Menschen kommen.

Anke Schneider

Seit fast 14 Jahren rottet das Gebäude, das einst als Kornspeicher diente, vor sich hin. Nun soll es zwangsversteigert werden. Wenn Corona nicht wäre, hätte das mit Sicherheit geklappt. Aber der Termin im Haller Amtsgericht platzte. Der Saal war wegen Überfüllung geschlossen. - © Anke Schneider, HK
Seit fast 14 Jahren rottet das Gebäude, das einst als Kornspeicher diente, vor sich hin. Nun soll es zwangsversteigert werden. Wenn Corona nicht wäre, hätte das mit Sicherheit geklappt. Aber der Termin im Haller Amtsgericht platzte. Der Saal war wegen Überfüllung geschlossen. © Anke Schneider, HK

Halle/Borgholzhausen. Wer gestern Morgen am Amtsgericht vorbeikam, konnte den Eindruck bekommen, dort gebe es etwas umsonst. Auf den ersten Blick war das auch so, denn versteigert wurde ein Grundstück samt Gebäude mit einem Verkehrswert von einem Euro. Auf den zweiten Blick jedoch ist das Anwesen – es handelt sich um den Kornspeicher der alten Mühle am Borgholzhausener Bahnhof – alles andere als ein Schnäppchen. Der baufällige Klotz müsste abgerissen werden, was um die 70.000 Euro kostet. Umgerechnet auf die Grundstücksgröße von 829 Quadratmeter erwirbt der Käufer ein Grundstück zu einem Quadratmeterpreis von rund 85 Euro. „Und das bei einem Grundstückspreis von 40 Euro den Quadratmeter laut Bodenrichtwertkarte", sagt Bürgermeister Dirk Speckmann.

Einige Interessenten machten bereits vor der Tür kehrt

Trotz dieser unattraktiven Aussichten gab es einen regelrechten Ansturm auf den Saal im Erdgeschoss des Haller Amtsgerichtes. „Ich habe 26 Personen im Gerichtssaal gezählt", sagte Rechtspfleger Dirk Pautz, der die Versteigerung durchführen wollte. Da abzusehen war, dass der Termin platzen würde, haben weitere Interessenten bereits vor der Eingangstür kehrt gemacht. „Wir dürfen laut Corona-Schutzverordnung nicht mehr als zehn Personen in den Gerichtssaal lassen", erklärte Dirk Pautz. Da man nach Erreichen der Personenzahl die Tür nicht einfach zumachen könne, müsse der Termin abgesagt werden. „Jeder Interessierte muss laut Gesetz die Möglichkeit haben, an der Versteigerung teilzunehmen und im Saal anwesend zu sein."

Unter den Bietern war auch Dirk Speckmann. „Ich habe den Auftrag, den Speicher zu kaufen und vom Rat dafür auch ein Budget bekommen", sagt Piums Bürgermeister. „Wir werden das aber nur kaufen, um Schlimmeres zu verhindern", so Speckmann weiter. Es seien einige „Glücksritter" unterwegs, die sich mit dem Gebäude nicht auseinandergesetzt hätten und lediglich den Kaufpreis sähen. Es gebe aufgrund der Lage an der Bahnhofskreuzung aber einige rechtliche Stolpersteine, die man kennen müsse, sagt der Bürgermeister. So habe das Grundstück, dass sich im Wesentlichen auf das Gebäude begrenze, keine eigene Zufahrt. „Die besteht bisher über ein Wegerecht des Nachbarn."

Im Gerichtssaal tat Speckmann kund, dass die Stadt aufgrund einer Vorverkaufssatzung für das Bahnhofsumfeld ein Vorkaufsrecht habe. Er bat die Anwesenden, die ein echtes Interesse an dem Speicher haben, sich mit der Stadt in Verbindung zu setzen. So könnten die Ideen der Käufer und die baurechtliche Besonderheiten der Immobilie besprochen werden. „Wir wünschen uns eine positive, städtebauliche Gesamtlösung, die das Bahnhofsumfeld aufwertet", so Speckmann. Mit einbezogen werden sollte dabei auch das Grundstück, dass den alten Speicher umgibt. Es ist etwa 2.200 Quadratmeter groß und unbebaut. „Es hat bereits erste Kontakte mit dem Grundstückseigentümer gegeben, der ebenfalls an einer guten gemeinschaftlichen Lösung interessiert ist", so Speckmann.

„Wir müssen ja auch die Sicherheit der Mitwirkenden und Teilnehmer gewährleisten"

Bevor jedoch geplant werden kann, muss der Speicher erst einmal an den Mann oder die Frau gebracht werden. Wie geht es also nun weiter? „Wenn ich das nur wüsste", sagt Dirk Pautz und überlegt, ein Angebot der Gemeinde Steinhagen anzunehmen, den Gemeindesaal zu nutzen. Bei einer Anzahl von 30 und mehr Bietern wäre aber auch der zu klein. Und so bringt der Rechtspfleger die Bielefelder Stadthalle ins Spiel, in der es bereits ähnliche Termine gegeben hat. Die wäre auf jeden Fall groß genug.

Für das Gericht bedeutet eine Verlegung des Termins in ein öffentliches Gebäude wie die Stadthalle Bielefeld jedoch einen gewaltigen Auswand. „Wir müssen ja auch die Sicherheit der Mitwirkenden und Teilnehmer gewährleisten", so Pautz. In öffentlichen Gebäude gebe es in der Regel keine Schleuse, in der Besucher überprüft werden können. „Vielleicht ist es unter diesen Umständen auch besser, den Fortgang der Pandemie erst einmal abzuwarten."

In Kürze wird der Speicher also auf keinen Fall unter den Hammer kommen, und alle Interessenten müssen sich wahrscheinlich noch einige Monate in Geduld üben.

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