Alte Briefe eines Auswanderers zeigen, dass das Phänomen Trump nicht neu ist

„Alles schon mal dagewesen“, sagt Historiker Rolf Westheider zu den beunruhigenden Nachrichten aus Amerika. Er liefert einige historische Betrachtungen zum Sturm auf das Kapitol – gestützt auf den Brief eines Auswanderers vom 11. Januar 1877.

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Borgholzhausen. Die Wahl des 23. Präsidenten der USA fand am 7. November 1876 statt. Es war die in ihrem Ausgang bis dahin knappste und umstrittenste in der Geschichte des Landes. Der Kandidat der Republikaner, Rutherford B. Hayes, gewann mit einer Wahlmännerstimme Mehrheit vor dem Demokraten Samuel J. Tilden, obwohl Tilden insgesamt mehr Stimmen bekam. Beide Seiten beschuldigten einander der Wahlmanipulation.

Die Republikaner beschuldigten die Demokraten, durch Bildung paramilitärischer Einheiten und Einschüchterung Unterstützer der Republikaner von der Wahl abgehalten zu haben. Gleichzeitig beschuldigten die Demokraten die Republikaner, in den drei umstrittensten Südstaaten Florida, South Carolina und Louisiana demokratische Wählerstimmen unterschlagen zu haben. Dort kontrollierten die Republikaner die Auszählung der Stimmen.

1877 war die Angst vor dem Ausbruch einer Revolution sehr groß

Vor der Wahl war man fest davon ausgegangen, dass der Süden für Tilden stimmen würde. Die mit Republikanern besetzten Wahlkommissionen aber erklärten Hayes zum Sieger. Da man mit den Bestimmungen der Verfassung nicht weiterkam, wurde eine paritätisch besetzte 15-köpfige Wahlkommission gebildet, die verschiedene Kompromisse aushandelte und erst am 2. März 1877 Hayes auch in den umstrittenen Südstaaten zum Wahlsieger erklärte. Zwei Tage später wurde dieser zum Präsidenten vereidigt.

Von der ursprünglich aus Borgholzhausen stammenden Familie Schäperkötter waren seit 1860 einige Angehörige in die USA ausgewandert. Am 11. Januar 1877 schrieb Wilhelm Schäperkötter aus St. Louis an seinen Vater in Werther. Es ging um die Frage, ob sein 22-jähriger Bruder Hermann in die USA nachfolgen sollte, wovon Wilhelm abriet. – Der folgende Auszug aus dem langen Brief beschäftigt sich mit der Lage nach der damaligen Präsidentschaftswahl:

„Hier sind viele Arbeiter arbeitslos und können nicht einmal so viel verdienen, als sie zum Lebensunterhalt gebrauchen und ein jeder Arbeiter ist hier jetzt froh, wenn er seinen Lebensunterhalt fristen kann. So sieht es hier jetzt in Amerika aus und Gott allein weiß, wann es besser werden wird. Denn seit der Präsidentenwahl ist hier das ganze Land in Aufregung und es ist hier nichts Unmögliches, wenn wieder eine Revolution ausbricht, welches von vielen befürchtet wird.

Beide Seiten werfen sich die Manipulation der Wahlen vor

Die Sache verhält sich hier nämlich so: wir haben hierzulande zwei Parteien, die einen nennen sich Republikaner und die anderen Demokraten. Eine jede Partei stellt einen Kandidaten für den Präsidenten auf und am Wahltage tut ein jeder der Bürger hier einen Stimmzettel wählen, für wen er will, entweder wählt er einen demokratischen Stimmzettel oder einen republikanischen.

Auch ist ein jeder Bürger in ein Registerbuch eingeschrieben, damit er nicht zweimal stimmen kann, oder vielleicht gar nicht stimmberechtigt ist. Denn gerade dies ist es, was unserer Regierung so viel zu tun macht, denn eine jede Partei hat am Wahltage Schwindel betrieben, indem sie nicht einen jeden hat frei nach seinem Willen lassen, sondern ihn durch Drohungen bewogen hat, gegen sein Prinzip zu stimmen. Und das nicht allein, sondern sie haben mit den Stimmzetteln doppelt gezählt oder sie fortgeschmissen. Jetzt kannst du dir einen Begriff machen von unseren Beamten, welche doch geschworene Leute sind und dir einen Begriff machen, wie viel hier noch um einen Eid gegeben wird.

Alles trachtet hier nach Reichtum und Ehre und es ist ihnen einerlei, wie sie dazu gelangen, ehrlich oder unehrlich. Und wer hier nur Geldgenug hat, der kann tun, was er will", schreibt ein sehr frustriert klingender Wilhelm Schäperkötter.

„Verschwörungsbehauptungen fallen nie aus heiterem Himmel, sie haben immer eine historische Vorlage. Auch wenn die schon 144 Jahre alt ist" ,sagt Rolf Westheider am Schluss seiner Darstellung über die innenpolitischen Probleme Amerikas Anfang des Jahres 1877 nach der Präsidentschaftswahl. So unerhört das gewaltsame Eindringen des Mobs in das Parlament auch war: die Auseinandersetzung wurden offenbar früher genau so hart wie heute geführt, zeigt der Blick in die Geschichte.

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