Ein Fläschchen Nagellack war der Startschuss für ihr Geschäftsmodell

Susan Ehmke führt seit elf Jahren den Online-Shop Sprachenwelt 24. Ihr Steckenpferd sind zweisprachige Kinderbücher. Das hat mit Langenscheidt zu tun, mit Reemtsma – und auch mit der Häschenschule.

Heiko Kaiser

Susan Ehmke an ihrem Schreibtisch. - © Heiko Kaiser
Susan Ehmke an ihrem Schreibtisch. (© Heiko Kaiser)

Borgholzhausen. „Online ist nicht immer böse", sagt Susan Ehmke. Ihre Stirn legt sich kurz in Falten, als sie ergänzt: „Ich möchte nicht permanent mit Amazon in einen Topf geworfen werden." Das ist verständlich. Jeder Bioladenbesitzer wäre vermutlich entrüstet, würde ihm eine Aldi-Mentalität nachgesagt.

Keine Frage, Susan Ehmke verdient ihr Geld im Internet – mit Handel, wie Amazon auch. Und dennoch ist beides kaum miteinander zu vergleichen. Denn der Borgholzhausenerin ist es bei weitem nicht egal, mit was sie da handelt. Und ihr Geschäft konnte nur deshalb so erfolgreich werden, weil in ihm ihre Stärken, Interessen und auch Herzensangelegenheiten zum Ausdruck kommen.

Internet-Handel war ihr anfangs hochgradig suspekt

Die heute 50-Jährige erinnert sich noch ganz genau an die ersten Kontakte mit dem Internethandel. „Das war 2003. Damals war es mir hochgradig suspekt. Ich schicke fremden Leuten Geld, und die senden mir die gewünschte Ware. Merkwürdig." Ein Fläschchen Nagellack, bestellt über eBay, war für Susan Ehmke der Eintritt in den Online-Handel. Das Fläschchen kam an und in Susan Ehmke wuchs eine Idee heran: „Das könnte doch ein Geschäftsmodell sein." Heute würde ein solcher Gedanke höchstens lapidares Achselzucken hervorrufen, damals allerdings bedeutete er, einen Schritt auf weithin unbekanntes Terrain zu wagen.

Die Hasenschule ist auch dabei. - © Heiko Kaiser
Die Hasenschule ist auch dabei. (© Heiko Kaiser)

Susan Ehmke, die in Hamburg BWL studiert und anschließend bei Reemtsma im internationalen Vertrieb gearbeitet hatte, war aus privaten Gründen 2003 nach Borgholzhausen gekommen. Die Frage, die sich ihr stellte, war einfach: Womit soll ich im Internet handeln?

"Damit fielen Kühlschränke und Flugzeugträger raus"

Vier Ansprüchen sollte die Ware genügen. „Ich wollte keine hohen Anfangsinvestitionen tätigen, es sollte ein Produkt sein, mit dem ich mich auskenne, es sollte nicht der Mode unterworfen sein und vom Umfang her händelbar", skizziert Susan Ehmke das Anforderungsprofil und ergänzt lachend: „Damit fielen Kühlschränke und Flugzeugträger raus."

Sie entschied sich als, eBay-Internet-Agent für Firmen Produkte nach Frankreich zu verkaufen. Bücher, aber auch andere Waren. Auf Provisionsbasis. Bis zum Jahr 2009. „Dann habe ich mir gedacht, das kannst du doch auch auf eigene Rechnung", erinnert sie sich. Und wieder stellte sich die Frage nach dem Gegenstand des Geschäfts. Schließlich stand der Zufall unterstützend zur Seite. Es war am Langenscheidt-Stand auf der Frankfurter Buchmesse. „Plötzlich habe ich gewusst: Das ist es", erinnert sich Susan Ehmke. Hier sah sie zwei Leidenschaften vereint: Bücher und Fremdsprachen. Spontan stellte sie sich vor und erklärte, sie wolle für das Unternehmen Bücher im Internet verkaufen. „Ich war mir sicher, dass ich mit einem müden Lächeln nach Hause geschickt werden würde", sagt Susan Ehmke. Doch schon kurze Zeit erhielt sie die erste Langenscheidt-Lieferung.

5.000 Bücher im Jahr

Daraus wurde mehr und mehr. Etwa 5.000 Bücher im Jahr bringt sie inzwischen vom Haus an der Osnabrücker Straße auf den Weg. „Die meisten verpacke und versende ich selbst", sagt Susan Ehmke und ergänzt: „Ich kenne jedes Produkt, das ich anbiete."

Muss sie auch, um sich online von der großen Konkurrenz abzuheben. Mit individuellen und detaillierten Beschreibungen, die über die Standardtexte der Verlage weit hinausgehen. Und mit der Konzentration auf eine Nische. „Ich biete alles zum Thema Fremdsprachen an", erklärt die Firmenchefin. Sprachführer und Lexika von Amerikanisch bis Ungarisch, Lernbücher für die Schule, Reiseführer und Kochbücher.

Zweisprachige Kinderbücher verkauft sie am allerliebsten

„Mein Steckenpferd aber sind zweisprachige Kinderbücher. Sie drehen sich um alles, was Kinder bewegt", verrät Susan Ehmke. Da ist beispielsweise die Traummischerin, die sich bei der Arbeit vermischt und daher einen Alptraum fabriziert hat, da ist die kleine Ameise, die ein Geschwisterchen bekommt oder Bär Flo, für den ein Besuch beim Zahnarzt ansteht. Alle Titel sind jeweils in zwei Sprachen verfasst: Deutsch und Türkisch, Deutsch und Arabisch, Deutsch und Russisch sowie viele andere Kombinationen. Sogar tigrinisch ist dabei, eine Sprache, die in Äthiopien und Eritrea gesprochen wird.

„So können beispielsweise die Großeltern ihren Enkeln ein Buch in Türkisch vorlesen und am nächsten Tag hören die Kinder die selbe Geschichte auf Deutsch", erklärt Susan Ehmke. Lächelnd blättert sie durch eines dieser Bücher – die Hasenschule, ein Klassiker. Diesmal allerdings in lateinisch-deutscher Ausgabe.

„Das macht doch Spaß, so etwas zu verkaufen", sagt Susan Ehmke. Genau hier liegt der Unterschied. Susan Ehmke fühlt sich eben verbunden mit den Produkten, die sie anbietet. „Ich könnte niemals Spiele für die „Xbox" verkaufen", sagt sie und schüttelt sich vor Lachen. Undenkbar, lachhaft. Denn es hätte nichts mit ihr zu tun.

"Online ist nicht immer böse"

So ist Susan Ehmke eine erfolgreiche Online-Händlerin geworden. Beim eBay-Händler Award, um den sich etwa 800 Teilnehmer beworben hatten, kam sie unter die besten 20. Ihre Erfahrungen würde sie gerne mit Online-Anbietern aus der Region teilen. Ein Netzwerk errichten. „Denn es sind viele, die auch in dieser Gegend im Online-Handel unterwegs sind." Davon ist Susan Ehmke überzeugt. Sie alle zahlen, anders als Amazon, ihre Gewerbesteuer vor Ort. Und sie alle werden vermutlich sagen: „Online ist nicht immer böse."

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