Immer mehr bemalte Bauwerke: Was steckt hinter dem neuen Trend?

Seit einigen Jahren peppt die Firma Bostik ihre langweiligen Industriefassaden mit farbenfrohen Darstellungen bunter Geckos auf. Doch diesen Erzeugnissen moderner Drucktechnik folgen jetzt Malereien, die Gebäude aller Art zur Leinwand machen.

Andreas Großpietsch

Am Haus der Landfleischerei Goldbecker entstand dieses fröhliche Stelldichein von Schwein und Rind. - © Andreas Großpietsch
Am Haus der Landfleischerei Goldbecker entstand dieses fröhliche Stelldichein von Schwein und Rind. (© Andreas Großpietsch)

Borgholzhausen. Treuherzig blicken Schwein und Rind auf die Passanten auf der Straße Am Uphof herab. An der Bahnhofstraße ist es ein Reh, das halb verdeckt im Gebüsch sitzt. Und am Bahnhof blühen prächtige gelbe Sonnenblumen jetzt das ganze Jahr über. In Borgholzhausen mag man offenbar gegenständliche Bilder auf Bauwerken und lässt sich diese Vorliebe auch etwas kosten. Denn die Experten, die solche Bilder auf meist gut sichtbaren Oberflächen anbringen, lassen sich ihre Arbeit auch gut bezahlen.

In Süddeutschland nennt man diese Kunstform Lüftlmalerei und meist wird sie an Hausfassaden umgesetzt. Das muss nicht jedem Freund der aktuellen Hochkunst gefallen, hat aber seine Anhänger nicht nur südlich des Weißwurst-Äquators.

Im Bereich der Mobilstation verzieren Blumen den Trafokasten. - © Andreas Großpietsch, HK
Im Bereich der Mobilstation verzieren Blumen den Trafokasten. (© Andreas Großpietsch, HK)

Kunst am Bau erlebt in Pium gerade eine neue Blütezeit

Bernd Goldbecker zum Beispiel stammt aus Borgholzhausen, wo er auch heute noch lebt und seine Landfleischerei mit Verkaufsgeschäft in der Stadt betreibt. „Aber ich habe ein halbes Jahr in Bayern gearbeitet und da hat mir diese Art der Malerei gut gefallen", sagt er. Und während es bei vielen Menschen bei dem Traum bleibt, so eine Anregung irgendwann später einmal umzusetzen, so machte der Fleischer jetzt Nägel mit Köpfen.

Er engagierte Andreas Platz vom Unternehmen „Smoe Nova" aus Warendorf, um nach dem Umbau seinem Gebäude am Uphof einen ganz eigenen Stempel aufzudrücken. Früher war dort auch der Markant-Markt beheimatet, doch jetzt ist das Bauwerk von Wohnnutzung und eben der Landfleischerei geprägt.

An der Bahnhofstraße schaut ein Reh die Betrachter an. - © Andreas Großpietsch
An der Bahnhofstraße schaut ein Reh die Betrachter an. (© Andreas Großpietsch)

Und das soll man auch sehen, hatte Bernd Goldbecker sich schon länger überlegt. „Smoe Nova hat im Inneren schon den Kühlraum mit einem Gemälde verziert und vor eigen Tagen dann das Bild auf der Hausfassade fertiggestellt", sagt der Hausherr. Um den stark nachgefragten Künstler zu engagieren, braucht man Geduld.

„Der ist für anderthalb Jahre ausgebucht", weiß Goldbecker. Dafür hat der Künstler, der auch selbst designte Schuhe vertreibt und laut seiner Homepage in sehr vielen Stilrichtungen überzeugende Arbeit abliefern kann, aber ein Bild gezaubert, dass ein genaueres Hinsehen verdient hat.

Kunstgeschichtler sprechen von „Trompe-l’œil"

Es ist geradezu mustergültig gelungen, wenn man die Wikepedia-Definition heranzieht. „Die Lüftlmalerei ist eine volkstümliche Variante des Trompe-l’œil (Scheinmalerei) aus dem Barock und imitiert Architekturelemente" heißt es dort. Weder der Torbogen noch die steinerne Einfassung und schon gar nicht die Blumen sind echt.

Die große Milchkanne am linken Bildrand hat eher wenig mit dem Rindvieh in der Mitte zu tun, sondern verweist auf die Vergangenheit des Gebäudes am Uphof, das auch etliche Jahre eine Molkerei beherbergt hat.

Vielleicht eine Inspriration: Dder Gecko von Bostik. Obwohl der streng genommen kein Gemälde ist. - © Andreas Großpietsch
Vielleicht eine Inspriration: Dder Gecko von Bostik. Obwohl der streng genommen kein Gemälde ist. (© Andreas Großpietsch)

Neben diesem großformatigen Prachtbild gibt es derartige Freiluft-Kunst auch in kleiner Ausführung – und auch die hat ihre Qualitäten. Klaus Schröter hat zum Beispiel bei seinem Outdoorbild an der Bahnhofstraße auf solcherlei Architekturelemente bewusst verzichtet. Die Breitbandinitiative bescherte ihm einen wenig schönen, exponierten Verteilerkasten an seiner Zufahrt.

Diese Art Kunst ist nicht für die Ewigkeit gemacht

Und forderte damit nach kürzester Zeit die Produzenten von weniger ambitioniertem Bildwerk im öffentlichen Raum heraus. Mit Genehmigung der Telekom ließ Klaus Schröter die Münsteraner Lackaffen (so heißt die Firma tatsächlich) ein Reh darauf malen. Inspirieren ließ er sich dabei von den kleinen Technikgebäuden am Bahnhof in Borgholzhausen, die von der Firma innogy zur Leinwand erklärt wurden.

Auch hier waren es die „Lackaffen", die für ein ganz anderes Bild sorgten. Ein scheinbarer Blick ins Innere und dazu prächtige Sonnenblumen bieten jetzt einen interessanten Anblick. Meist respektieren auch die Graffiti-Schmierer die Werke ihrer professionellen Kollegen. Doch für die Ewigkeit ist diese Kunst nicht gemacht: Etwa zehn Jahre lang sollen die Spezialfarben dem UV-Licht standhalten. Dann gibt es Zeit und Platz für neue Ideen.

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