Kraftwerk auf dem Dach: Firma Speckmann bereitet sich auf die Zukunft vor

Mit ihrer Servicewerkstatt setzten die Gebrüder Speckmann bislang ausschließlich auf Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Doch das ändert sich gerade grundlegend. Eine kleine, fast unscheinbare Säule auf dem Parkplatz markiert den Aufbruch in neue Zeiten.

Andreas Großpietsch

Lars Speckmann an der neuen Zapfsäule, mit der das Unternehmen am Bahnhof wieder zur Tankstelle wird – jetzt allerdings für elektrischen Strom. Einen guten Teil davon stellt die Gebrüder Speckmann GmbH inzwischen selbst her. - © Andreas Großpietsch
Lars Speckmann an der neuen Zapfsäule, mit der das Unternehmen am Bahnhof wieder zur Tankstelle wird – jetzt allerdings für elektrischen Strom. Einen guten Teil davon stellt die Gebrüder Speckmann GmbH inzwischen selbst her. (© Andreas Großpietsch)

Borgholzhausen. Es dauert nur noch bis zum Jahr 2026, dann wird das Unternehmen am Bahnhof auf 100 Jahre Firmengeschichte zurückblicken können. Immer ging es dabei um Mobilität – und das muss sich auch in Zukunft nicht ändern. Doch einen Neubeginn wagen Lars und Ulf Speckmann trotzdem. Er kommt allerdings ganz leise daher.

Seit gut einem Jahr haben sie ein Kraftwerk auf dem Dach ihres Büro- und Werkstattgebäudes. Genau 99,45 KW Peak Leistung hat die Anlage. „Es wäre sogar noch mehr Platz auf dem Dach, aber über 100 KW gelten andere Regeln", hat sich Speckmann, der übrigens mit dem Bürgermeister weder verwandt noch verschwägert ist, intensiv in die neue Materie eingearbeitet.

Das Kraftwerk auf dem Dach produziert viel mehr Strom, als die Firma aktuell verbraucht. Doch das ändert sich. - © Lars Speckmann
Das Kraftwerk auf dem Dach produziert viel mehr Strom, als die Firma aktuell verbraucht. Doch das ändert sich. (© Lars Speckmann)

Das erste Elektroauto wird schon bald in Dienst genommen

Den Ausschlag dafür gab übrigens eine eher kleinere Investition, die wohl die meisten Hausbesitzer schon getätigt haben: „Wir haben die herkömmliche Beleuchtung durch LED ersetzt. Und ich habe gestaunt, wie viel Einsparung damit möglich ist", schildert der Unternehmer den Moment, in dem er anfing, einig grundlegende Überlegungen zu treffen. „Autos mit Verbrennungsmotor wird es sicher noch eine ganze Zeit geben. Insgesamt wird das Autofahren anders, als wir es jetzt kennen", ist er überzeugt.

Natürlich sind auch Lars Speckmann die Einschränkungen elektrisch betriebener Fahrzeuge bewusst, aber die sprunghafte Entwicklung dieser Antriebsform begeistert ihn. „Wir haben einen ID 3 bestellt, den wir zunächst als Leihfahrzeug nutzen", sagt er. Wenn das Auto eines Kunden etwa länger in der Werkstatt bleiben muss, sind die Ersatzwagen gefragt.

Und mit einem davon können die Kunden demnächst das elektrische Fahren ausprobieren. Es gibt aber auch noch weitere Aspekte, die dafür sprechen. Ganz allgemein lebt ein Unternehmen, das sich als Servicepartner für Autofahrer betrachtet, von seiner Kompetenz. Das erfordert regelmäßige Investitionen in neue Werkstattausrüstung ebenso wie Fortbildungen. Und in Zukunft werden auch Besitzer von teilweise oder ganz mit Strom betriebenen Fahrzeugen die Dienste der Werkstatt am Bahnhof anfordern – das Segment ist auf Wachstumskurs.

Die Ladesäule soll den selbst erzeugten Strom stärker nutzen

Rund 20.000 Euro investieren die Speckmanns in die neue Technik. „Doch aus Gesprächen mit Kollegen weiß ich, dass an anderen Orten noch deutlich mehr Geld aufgebracht werden muss", sagt Speckmann. Denn die Zapfsäule zu errichten, ist die eine Anforderung. Mindestens ebenso wichtig ist ein leistungsstarker Anschluss ans Stromnetz – der bislang für Werkstätten nicht nötig war.

Gut 9.000 Kilowattstunden Strom verbraucht das Unternehmen im Jahr. Also nur etwa doppelt so viel wie zwei nicht ganz sparsame Haushalte. Doch mit der Anschaffung der Photovoltaikanlage auf dem Dach reichte die alte Verkabelung bei weitem nicht mehr. „Wir haben rund 45.000 Kilowattstunden ans Netz abgeben. Und 12,7 Prozent des von uns erzeugten Stroms verbraucht", zeigt der Unternehmer die Zahlen auf einem kleinen Tablet.

Die Anfänge am Bahnhof lagen in einer BP-Tankstelle mit Werkstatt – hier ein Bild aus den 50er Jahren. - © Firma Speckmann
Die Anfänge am Bahnhof lagen in einer BP-Tankstelle mit Werkstatt – hier ein Bild aus den 50er Jahren. (© Firma Speckmann)

Das Gerät gehört zum Gesamtpaket der Haller Firma Geoplex, die für den Bau des Solarkraftwerks auf dem Dach verantwortlich ist. Künftig wird der Eigenverbrauch steigen, erwartet Speckmann. Denn die Ladesäule auf dem Parkplatz soll natürlich nicht nur den Firmenwagen versorgen. Noch in diesem Jahr soll sie von dem VW-Tochterunternehmen ELI, das für die Computertechnik im Hintergrund sorgt, für den allgemeinen Gebrauch freigeschaltet werden.

Bezahlt wird vom Kunden mit einer Tank- oder Kreditkarte. ELI sorgt für die Abrechnung und überweist dann einen Anteil an die Firma Speckmann. „Dann greift eins ins andere", hofft Lars Speckmann auf eine Entwicklung, die zumindest die Kosten wieder hereinholt. Wie sich die Mobilität der Zukunft entwickeln wird, weiß natürlich auch er nicht. Aber dem Unternehmen ist es jetzt schon fast 100 Jahre gelungen, sich dem Wandel anzupassen.

In Puncto Ladesäulendichte in Pium ist bundesweit ganz weit vorn

Das versuchen die Stadt Borgholzhausen und ihr Energieversorger innogy Westenergie aktuell im Rahmen der Initiative „ePium" nur einen Steinwurf weit entfernt. Zur Ausstattung der im Bau befindlichen Mobilitätstation gehören weitere Ladesäulen und unter anderem deshalb musste auch der Transformator verstärkt werden. Die leistungsfähigeren Leitungen zur Firma Speckmann zu verlegen war das keine ganz große Sache.

Durch die Investition wächst das Netz öffentlich zugänglicher Ladepunkte um zwei weiter Möglichkeiten, freut sich Ralf Vieweg, der Allgemeine Vertreter des Bürgermeisters. Borgholzhausens Angebot an Ladesäulen ist nicht nur regional weit herausragend, sondern im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße auch bundesweit recht einsam an der Spitze.

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