Corona-Testergebnis ist kein Freifahrtschein: Ärztin bremst Optimismus

Dr. Sema Finke hat am ersten Tag im Testzentrum mitgearbeitet. Viele Familien kamen, weil sie in den Urlaub wollen. Die Ärztin kann das gut verstehen, muss den Optimismus aber bremsen.

Anke Schneider

Lange Schlangen vor dem Testzentrum schon am Mitwoch. Da immer mehr Länder einen negativen Test für Urlaubsreisender verlangen, wird das Angebot an Testzentren jetzt ausgeweitet. - © Andreas Frücht
Lange Schlangen vor dem Testzentrum schon am Mitwoch. Da immer mehr Länder einen negativen Test für Urlaubsreisender verlangen, wird das Angebot an Testzentren jetzt ausgeweitet. (© Andreas Frücht)

Borgholzhausen. „Es war ruhig hier in der Praxis", sagt Sema Finke, Hausärztin am Borgholzhausener Bahnhof. Daher habe sie sich auch auf den Aufruf der kassenärztlichen Vereinigung am Anfang der Woche, im neuen Gütersloher Testzentrum zu helfen, gemeldet. Am Dienstag um 14 Uhr ging das Testzentrum an den Start und Sema Finke war eine Ärztin der ersten Stunde. Dann verkündete Landrat Sven-Georg Adenauer, dass auch Hausärzte symptomlose Menschen testen dürfen. Seitdem ist es mit der Ruhe vorbei.

Von der Schlange nichts mitbekommen

„Der erste Tag im Testzentrum lief recht unkompliziert. Alles war gut vorbereitet", so Sema Finke. In einem Vorzimmer nahmen medizinische Fachangestellte die Daten der Menschen auf, bevor Sema Finke den Rachen- und Nasenabstrich machte. „Von der Schlange, die sich draußen aufbaute, haben wir nichts mitbekommen", so die Ärztin.

Dr. Sema Finke warnt davor zu glauben, dass Testergebnisse eine Lizenz für Urlaubsreisen sind. - © Anke Schneider
Dr. Sema Finke warnt davor zu glauben, dass Testergebnisse eine Lizenz für Urlaubsreisen sind. (© Anke Schneider)

600 Tests seien am ersten Tag mit drei Teams durchgeführt worden. Die Menschen hätten bis zu drei Stunden vor dem Testzentrum gewartet. „Man schafft 40 bis 50 Tests in der Stunde", so Sema Finke weiter. Sechseinhalb Stunden sei sie da gewesen, mitgezählt habe sie nicht. „Dazu war einfach keine Zeit. Wir haben getestet wie am Fließband." Um 17.30 Uhr soll entschieden worden sein, neu Ankommende nach Hause zu schicken. „Da war die Schlange schon so lang, dass es bis 20.30 Uhr gereicht hat." Insgesamt sei die Stimmung der Menschen locker gewesen. Unangenehm sei für sie nur das stundenlange Arbeiten in voller Gummimontur gewesen. „Bei dem Wetter ist das nicht leicht zu ertragen."

„Die meisten Menschen kamen, weil sie glaubten, mit einem negativen Testergebnis in den Urlaub fahren zu können", so Sema Finke. Den Zahn müsse man ihnen aber ziehen. „Die Menschen müssen sich vorher genau nach den Regularien des jeweiligen Bundeslandes erkundigen", warnt sie vor zu viel Optimismus.

Niedersachsen zum Beispiel verlange ein Testergebnis, das bei der Ankunft am Urlaubsort nicht älter als 48 Stunden ist. „Mindesten einen Tag musste man bisher auf das Ergebnis warten", so Sema Finke. Es zeichne sich aber ab, dass die Labore nicht hinterherkommen. Wenn das Testergebnis dann erst am übernächsten Tag kommt, sind die 48 Stunden schon um. „Es ist also kaum zu schaffen, dass zwischen Test (nicht Testergebnis) und Ankunft nicht mehr als 48 Stunden liegen."

Am Mittwoch brach dann der Sturm in der Praxis am Piumer Bahnhof los. „40 Tests haben wir gemacht, gestern noch mal 40", so die Ärztin. In der Praxis werden die Testungen auf einen bestimmten Zeitraum gebündelt, da sich das Team für die Tests jedes Mal einen kompletten Schutzanzug anziehen muss.

Der Andrang ist auch in den Arztpraxen immens

Würde man testen, wie die Leute kommen, wäre man wahrscheinlich den ganzen Tag damit beschäftigt, sich umzuziehen. Jeder Schutzanzug darf nur einmal an- und ausgezogen werden. „Das wird auf die Dauer dann auch teuer."

Am Samstag und Sonntag wird Sema Finke wieder im Testzentrum arbeiten. Über die Nachricht, dass fünf neue derartige Zentren installiert wurden, die schon gestern Abend an den Start gegangen sind, ist sie hoch erfreut. Eines am Berufskolleg Halle, die anderen am Ems-Berufskolleg in Rheda-Wiedenbrück, an der Gesamtschule Verl, am Reinhard-Mohn-Berufskolleg Gütersloh und am Flughafen Gütersloh. „Dann werden die Wege für die Menschen im Nordkreis kürzer und es ballt sich nicht mehr so", sagt sie. 10.000 Tests sollen die Zentren täglich schaffen – ein sportliches Ziel. „Wie ich hörte, werden die Ärzte von der Bundeswehr und verschiedenen Hilfsorganisationen unterstützt." In Halle wird ab heute von 8 bis 22 Uhr getestet.

Für Sema Finke sind die Tests Fluch und Segen zugleich. Gestern habe sie gelesen, dass von 2000 Tests einer positiv war. „Wenn Sie das hochrechnen, kommen wir im Kreis Gütersloh genau auf 50 Positive auf 100.000 Einwohner. Werden mehr als 50 gemeldete Corona-Fälle pro 100.000 Einwohner verzeichnet, müssen Maßnahmen wieder verschärft werden." Andererseits sei der Kreis Gütersloh durch die Massentests gerade dabei, die Dunkelziffer aufzuhellen, was sicherlich auch gut sei. „Wer viel testet, der findet eben auch viel", so Sema Finke weiter.

Sema Finke hofft, dass die Ergebnisse nur wenige Infizierte zeigen und dass der ganze Zauber bald vorbei ist. Dann könnte der „Lockdown-light" wieder zurückgenommen werden und langsam so was wie Normalität zurückkehren. „Die Entwicklung ist so dynamisch, dass alles andere auch passieren kann", sagt sie.

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