Werkvertragsarbeiter packt aus: Katastrophale Wohn- und Arbeitsverhältnisse

Vladas Ciziunas kommt Ende April nach Borgholzhausen, um für die Firma SCS zu arbeiten. Für ihn sind die Zustände unerträglich – er schmeißt seinen Job hin. Jetzt ist er obdachlos.

Anke Schneider

Vladas Ciziunas und Ergün Evren sitzen auf der Terrasse am Bistro Liban und überlegen, wie die ausweglose Situation bewältigt werden kann. - © Anke Schneider, HK
Vladas Ciziunas und Ergün Evren sitzen auf der Terrasse am Bistro Liban und überlegen, wie die ausweglose Situation bewältigt werden kann. (© Anke Schneider, HK)

Borgholzhausen. Vladas Ciziunas arbeitete einige Jahre in Irland, um seine Familie zu versorgen. Im Februar flog er zurück nach Litauen, weil sein Vater an Krebs gestorben war. Dann kam Corona. „Als ich wieder zurück mach Irland wollte, schloss eine Grenze nach der anderen", erzählt er.

Im Internet schaute der 46-Jährige nach, wo es Arbeit für ihn geben könnte. „Deutschland schien als einziges Land noch offene Grenzen zu haben", hat er recherchiert. Er bewarb sich bei der Zeitarbeitsfirmen Supply Chain Solutions (SCS) in Pium und wurde angenommen.

Pro Tag  habe er nur fünf Minuten Pause gehabt

Am 26. April kam er in Hamburg im Hafen an und wurde dort über die Quarantäneregeln aufgeklärt. „Ich sollte mein Zimmer, in dem ich wohnen werde, nicht verlassen", erzählt Vladas Ciziunas. „Ich sollte nicht zur Arbeit und sollte auch nicht einkaufen gehen", sagt er.

In Borgholzhausen in der Unterkunft an der Meller Straße angekommen, hatte der Litauer den Eindruck, dass die Vorschriften hier nicht gelten. „Gleich am nächsten Tag sind wir mit der Mitarbeiterin der Personalverwaltung in die Stadt gegangen, haben uns beim Rathaus angemeldet und bei der Bank ein Konto eröffnet." Schon am 28. April habe er dann seine Arbeit in Melle aufgenommen.

Etwa drei Wochen hat Vladas Ciziunas durchgehalten – dann hat er hingeschmissen. Er berichtet von Vierbettzimmern, in denen die Arbeiter wohnen. „Einer kommt um 21 Uhr nach Hause, der andere um Mitternacht und ich muss um 3 Uhr aufstehen", sagt er. Immer wieder sei er zwischendurch wach geworden. Und dann habe er zehn bis 14 Stunden arbeiten müssen, obwohl im Arbeitsvertrag acht Stunden aufgeführt gewesen seien. Pro Tag habe er nur fünf Minuten Pause gehabt. „Das reichte genau für eine Zigarette", so Vladas Ciziunas. Das sei nicht durchzuhalten gewesen. „Ich bin doch kein Tier", so der 46-Jährige.

Der Litauer berichtet von Vierbettzimmern und Essensklau

Der Litauer berichtet außerdem von Diebstählen von Lebensmittel aus den Kühlschränken. Dagegen habe er nichts unternehmen können. „Ich war ja den ganzen Tag nicht da." Am vergangenen Samstag habe er sich entschlossen, die Arbeit zu kündigen, was er am Montag auch tat. Dienstag bekam er nach eigenen Angaben 100 Euro in die Hand gedrückt und musste die Unterkunft verlassen. Das restliche Geld gebe es erst am 15. Juni aufs Konto, sei ihm gesagt worden.

Ratlos begab er sich mit seinen drei Taschen in die Stadt, um die Polizei um Rat zu fragen. Die Polizeistation fand er nicht und sprach den Piumer Ergün Evren auf der Straße an. Da das Polizeibüro in Pium nicht besetzt war, fuhren die beiden Männer nach Halle. Dort telefonierte einer der Beamten mit dem Ordnungsamt in Pium. Das wiederum setzte sich mit der Firma SCS in Verbindung.

Über Pfingsten lebt er in der Obdachlosenunterkunft

Die Folge war, dass er eine weitere Nacht in der Unterkunft bleiben durfte, Mittwoch weitere 150 Euro ausgezahlt bekam, aber erneut gehen musste. Ergün Evren bracht den Litauer daraufhin auf eigene Kosten in einer Pension unter, wo er bis Freitag bleiben konnte. „Ich bin fassungslos, dass dieser Mann hier nirgendwo Hilfe bekommen hat ", erzählt der Piumer. „Das ist der Grund, warum ich den Fall Vladas Ciziunas zu meinem Problem gemacht habe", sagt er.

Eine Anfrage des Haller Kreisblatts am Freitag beim Ordnungsamt brachte einen kleinen Erfolg: Über Pfingsten darf der Mann in der städtischen Obdachlosenunterkunft bleiben. Vladas Ciziunas hofft, eine neue Arbeit und ein Zimmer zu finden, um in Pium bleiben zu können. Er weiß jedoch um die Kühnheit dieses Gedankens und bereitet sich auf seine Rückreise vor, die aufgrund der geschlossenen Grenze zu Polen nur per Schiff möglich ist. „Das Ticket kostet etwa 250 Euro, die ich momentan nicht habe", sagt er.

Vladas Ciziunas ist froh, auf Ergün Evren gestoßen zu sein. „Ich weiß nicht, was ich ohne ihn gemacht hätte", sagt er.

Unternehmen weist die Vorwürfe zurück

Uwe Alschner, Pressesprecher von SCS, weist die Anschuldigungen zurück: „SCS unterstützt alle notwendigen Bemühungen zur Eindämmung des Coronavirus", sagt er. „Es gibt in den Unterkünften keine Vierbettzimmer", so Alschner weiter. Die Empfehlungen zum Schutz vor Ansteckung in Sammelunterkünften des Gesundheitsministeriums des Landes NRW würden ernst genommen und gewissenhaft befolgt.

„Richtig ist, dass das Wohnrecht in den Unterkünften an den Arbeitsvertrag gekoppelt ist", erklärt Alschner. „Beschäftigte, die ihr Arbeitsverhältnis mit uns kündigen, verlieren auch ihren Anspruch auf Unterbringung. Persönliche Härten versuchen wir zu vermeiden. Ausscheidende Mitarbeiter werden auch länger untergebracht." In diesem Fall sei man jedoch gezwungen gewesen, das Hausrecht auszuüben, da er mehrfach gegen die Hausordnung und gegen Coronaregeln verstoßen habe."

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