Viele Schwachstellen: Als Radler hat man in Pium stets ein ungutes Gefühl

Es gibt noch viel zu tun, wenn Pium tatsächlich radlerfreundlich werden will. An manchen Stellen ist es sogar geradezu gefährlich, in Borgholzhausen auf zwei Reifen unterwegs zu sein. Wir haben einige Gefahrenpunkte abgefahren.

Heiko Kaiser

Gefahr an der Kuppe: Am Wichlinghauser Weg kann der geforderte Abstand kaum eingehalten werden. Kurz vor dem Hügel wird es für Radfahrer schwierig, wenn sie wie hier, überholt werden oder Autos mit hoher Geschwindigkeit entgegenkommen. Beim Ausweichen auf den Randstreifen drohen Stürze. - © Heiko Kaiser
Gefahr an der Kuppe: Am Wichlinghauser Weg kann der geforderte Abstand kaum eingehalten werden. Kurz vor dem Hügel wird es für Radfahrer schwierig, wenn sie wie hier, überholt werden oder Autos mit hoher Geschwindigkeit entgegenkommen. Beim Ausweichen auf den Randstreifen drohen Stürze. (© Heiko Kaiser)

Borgholzhausen.Kurz vor der Kuppe müssen sich Radfahrer auf ihr Gehör verlassen. Am besten aber, sie steigen zur Sicherheit ab und schieben das Rad auf dem Seitenstreifen über den Hügel. Denn der Wichlinghauser Weg ist hier schmal, der Gegenverkehr nicht einsehbar. Autos schießen nicht selten mit Geschwindigkeiten von 70 Stundenkilometern und mehr über den Hügel. Beim Ausweichen in der Fahrt auf den abschüssigen Schotterstreifen ist für Radfahrer der Sturz vorprogrammiert.

Es sind neuralgische Punkte wie diese, die Grünen-Sprecher Markus Kemper auf einen Artikel im Haller Kreisblatt hat reagieren lassen. „Auf dem Weg zur Radfahrerstadt Pium gibt es schon gute Ansätze", lautete die Überschrift. Abgesehen von der Beteiligung der Stadtverwaltung an der AOK-Aktion „Mit dem Rad zur Arbeit" und den geplanten Stellplätzen an der Mobilstation am Bahnhof müsse man aber lange nach weiteren Ansätzen suchen, erklärt Kemper. Und fügt hinzu: „Was wir wirklich benötigen, sind mehr sicherer Raum und mehr Rücksicht auf Radfahrer im gemeinsam genutzten Verkehrsraum. Und genau hier ist kein Fortschritt zu erkennen."

„Zustände an der Meller Straße sind eine Katastrophe"

Hier wird es eng. Auf der Sundernstraße kann es für Fußgänger und Radfahrer, wie hier für Sandrina Lupp und Joachim Herrmann, zu kritischen Situationen kommen. - © Heiko Kaiser
Hier wird es eng. Auf der Sundernstraße kann es für Fußgänger und Radfahrer, wie hier für Sandrina Lupp und Joachim Herrmann, zu kritischen Situationen kommen. (© Heiko Kaiser)

Sandrina Lupp und Joachim Herrmann, die bei der kommenden Kommunalwahl für die Grünen antreten wollen, sind viel mit dem Rad in Borgholzhausen unterwegs. Sie kennen die Gefahrenpunkte und Schwachstellen in der „Radfahrerstadt" von morgen. Ein Beispiel ist die Ortsdurchfahrt: „Wir haben hier wiederholt beantragt, beidseitig Rad- und Fußwege zu schaffen", sagt Herrmann. Als Radler habe man dort stets ein ungutes Gefühl. Die Zustände an der Meller Straße nennt er sogar „eine Katastrophe." Denn hier, an der engen Serpentinenstrecke, gibt es weder Fuß- noch Radweg, obwohl viele Menschen aus der Sammelunterkunft dort unterwegs sind.

Schmale Straße sind die Regel in Borgholzhausens Außenbereichen. - © Joachim Herrmann
Schmale Straße sind die Regel in Borgholzhausens Außenbereichen. (© Joachim Herrmann)

Der Mindestabstand zu Radfahrern, den die Straßenverkehrsordnung seit Februar vorschreibt, ist von Autofahrern an vielen Stellen kaum einzuhalten. Wer am Wichlinghauser Weg beispielsweise zwei Meter Distanz zum Radler schaffen will, muss ins angrenzende Feld ausweichen. Auch in der Ortsdurchfahrt ist ein Überholen bei Einhaltung der Abstandsregel und Gegenverkehr unmöglich, wird aber immer wieder praktiziert. Joachim Hermann schlägt daher vor, hier einen Schutzstreifen zu errichten und gleichzeitig die Geschwindigkeit auf Tempo 30 zu begrenzen. Sandrina Lupp und Joachim Herrmann sehen auch an der Sundernstraße, einer wichtige Verbindung zu den Schulen, die Einrichtung eines Schutzstreifens als „dringliche Angelegenheit". „Denn auch hier wird oft sehr zügig gefahren", hat Herrmann erfahren.

Es muss eine Parkkultur für Radfahrer geschaffen werden

Autofahrer rechnen an vielen Einmündungen nicht mit Radverkehr. - © Joachim Herrmann
Autofahrer rechnen an vielen Einmündungen nicht mit Radverkehr. (© Joachim Herrmann)

Gefordert sind allerdings auch die Borgholzhausener Geschäfte, eine Parkkultur für Radfahrer zu schaffen, die es derzeit noch nicht gibt. Diebstahlsichere Radparkplätze sind nur rudimentär vorhanden. „An der Postenbörse gibt es keinen einzigen", nennt Sandrina Lupp nur ein Beispiel. Ähnliches gilt für den neuen Netto-Markt, der zwar 58 Parkplätze für Pkw, aber nur ganze vier Fahrradanlehnbügel errichtet hat. Auch vor anderen Geschäften fehlen Fahrradparkplätze, an denen Räder sicher angeschlossen werden können. Von überdachten Unterständen dürfen Radfahrer in Pium nur träumen. Sandrina Lupp schlägt daher vor, nicht nur am Bahnhof eine Mobilstation zu errichten, sondern Unterstellmöglichkeiten auch am Ortseingang oder im Bereich des Rathauses zu schaffen.

An einigen Stellen sind die Radweg in einem schlechten Zustand. - © Joachim Herrmann
An einigen Stellen sind die Radweg in einem schlechten Zustand. (© Joachim Herrmann)

Die Mängelliste, die es zu bearbeiten gilt, bevor Pium tatsächlich zur Radfahrerstadt werden kann, ist lang. Hierzu zählt auch die Qualität der Radwege, beispielsweise zwischen Ortseingang und Bahnhof, wo Hinweisschilder vor Schäden im Geh- und Radweg warnen. Einige Gefahrenstellen könnten nach Ansicht der Grünen schnell entschärft werden.

„Tempo 50 für den Wichlinghauser Weg, 30 an der Kuppe" 

„Beispielsweise am Wichlinghauser Weg. Nach dem Ortsausgang gibt es keine gesonderte Geschwindigkeitsbegrenzung. Es gelten hier, abgesehen vom Bereich „Spieker-Hof", die allgemeinen 100 Stundenkilometer", sagt Herrmann und schlägt vor, für die gesamte Strecke Tempo 50 und auf der Kuppe Tempo 30 einzurichten. Natürlich müsse das anschließend auch kontrolliert werden.

„Hier, sehen Sie, nirgendwo sind Fahrradständer zu sehen", sagt Joachim Herrmann bei der abschließenden Fahrt durch die Borgholzhausener Innenstadt. Dann testen er und Sandrina Lupp noch einmal den Wichlinghauser Weg. Kurz vor der Kuppe an einer Stelle ohne Überblick überholt ein Auto die beiden auf ihren Rädern. Wenn jetzt jemand mit Tempo 70 entgegengekommen wäre, hätte ihnen auch das beste Gehör wohl nichts genützt.

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