Tod von Evelyn W.: Gefängnis ist keine Option für die Beschuldigte

Bluttat von Borgholzhausen vor dem Landgericht: Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Beschuldigte schwer erkrankt ist. Sie strebt eine dauerhafte Unterbringung an

Andreas Großpietsch

Prozessauftakt - © Andreas Großpietsch
Prozessauftakt (© Andreas Großpietsch)

Bielefeld/Borgholzhausen. In dieser Woche wird die Angeklagte Heike M. 54 Jahre alt. Und wenn es nach dem Willen der Staatsanwaltschaft geht, wird sie nicht nur diesen Geburtstag, sondern noch viele weitere in sicherem Gewahrsam verbringen. „Frau M. ist für die Allgemeinheit gefährlich. Weitere schwere Straftaten sind von ihr zu erwarten", sagt Staatsanwalt Veit Walter. Deshalb strebt er die dauerhafte Unterbringung der Borgholzhausenerin in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Doch damit das Gericht diese Entscheidung treffen kann, muss ihr die Straftat gegen das Leben der 86-jährigen Evelyn W., die am 8. Juni dieses Jahres tot in ihrer Wohnung aufgefunden wurde, in aller nötigen Klarheit nachgewiesen werden.

Ein Geständnis wäre da sicherlich hilfreich – doch dazu sieht die Beschuldigte sich nicht in der Lage. Im Gegenteil. Durch ihren Rechtsbeistand Bernhard Menne ließ sie erklären, dass sie die Tat nicht begangen habe. Das allerdings geschah auf Antrag der Beschuldigten unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ebenso ließ sie ihren Verteidiger darauf dringen, dass der Bericht über eine psychiatrische Behandlung im Rahmen der Untersuchungshaft nichtöffentlich verlesen wurde.

Auch die Staatsanwaltschaft stimmte den jeweiligen Anträgen zu, um die Persönlichkeitsrechte der Beschuldigten zu wahren. So fielen die Angaben zur Person ebenfalls betont spärlich aus: Heike M. ist deutsche Staatsbürgerin, in Dessau geboren und aufgewachsen und hat zwei berufliche Qualifikationen erworben. Sie ist zum einen Facharbeiterin für Rinderzucht und zum anderen Facharbeiterin für Textilreinigung.

Die Beschuldigte geriet rasch in den Fokus der Ermittler

Gerade diese Qualifikation könnte nach dem ersten Teil der Beweisaufnahme noch einige Bedeutung erlangen. Denn offenbar war der Verdacht der ermittelnden Polizeibeamten schon recht früh auf die Person gefallen, die das Geschehen offiziell gemeldet hatte.Bereits am Sonntag wurden Wohnung und Kellerräume der Beschuldigten untersucht. Etliche mögliche Beweisstücke wurden dabei gesichert. Darunter befanden sich Kleidungsstücke und Schuhe, aber auch ein Wischmopp. Alle Gegenstände waren allerdings kurz zuvor gründlich gereinigt worden.

Heike M. informierte die Behörden am Samstagmorgen, dass zum einen eine rote Flüssigkeit unter der Türschwelle von Evelyn W. durchsickere. Und dass die 86-Jährige auf Klingeln und Klopfen nicht geantwortet habe.

Daraufhin wurde die in solchen Fällen übliche Vorgehensweise in Gang gesetzt: Die Feuerwehr Borgholzhausen wurde zur Türöffnung gebeten, gleichzeitig rückten Rettungskräfte, eine Notärztin und ein Streifenwagen der Polizei an. Hilfe für Menschen, die hinter der verschlossenen Wohnungstür zusammengebrochen sind, gehört eigentlich zur Routine. Doch an diesem Samstag im Juni war alles anders, wie die Zeugen darlegten.

Die Wohnungstür war nur ins Schloss gefallen und ließ sich leicht öffnen. Aber dahinter bot sich ein Bild des Schreckens: Evelyn W. lag auf dem Rücken in einer riesigen Blutlache. Ihr Gesicht war von schweren Schlagverletzungen entstellt. Schon ein erster flüchtiger Blick zeigte, dass sie dem Opfer mit dem schweren Stößel eines bronzenen Mörsers zugefügt worden waren, der neben dem Leichnam lag. Er stammt ebenso wie die zweite Tatwaffe, ein Messer mit weißem Griff, aus dem Besitz der toten Bewohnerin.

Die Tatwaffen fanden sich in der Wohnung in der Nähe des Opfers

22 Messerstiche sind im Obduktionsbericht verzeichnet. Die meisten konzentrieren sich dabei auf die Herzgegend der alten Frau und wurden offenbar mit großer Wucht ausgeführt. Das Messer fand sich ebenso wie die Mörserschale im Badezimmer des Opfers. Offenbar waren beide Gegenstände gereinigt worden. Diesen Schluss legen zahlreiche rote Rückständen nahe, die am Waschbecken, am Wasserhahn und an Türen und Rahmen festgestellt worden sind.

Der Vorsitzende Richter der 1. Strafkammer, Dr. Georg Zimmermann, nahm mit den Beisitzern und Schöffen eine sehr große Anzahl von Fotos in die offizielle Beweiserhebung auf. Allerdings reichte die Zeit am Montag nicht mehr, um auch die kriminalistische Würdigung dieser insgesamt auf mehreren hundert Seiten aufgelisteten Indizien und Beweise offiziell in die Verhandlung einzubringen. So sprach die befragte Ermittlerin zum Beispiel auch von Haaren, die bei der Leiche sichergestellt worden sind – etliche in der vom Todeskampf verkrampften Hand des Opfers.

Die Ergebnisse der Auswertung dieser Proben wird Gegenstand der kommenden Prozesstage sein. Die Untersuchung des gewaltsamen Todes von Evelyn W. wird am Mittwoch, 11. Dezember, fortgesetzt. Das Verfahren soll laut Planung am 8. Januar des kommenden Jahres enden. Eine Bestrafung im herkömmlichen Sinne kann nicht am Ende eines solchen Unterbringungsverfahrens stehen. Oder wie es Guiskard Eisenberg, der Sprecher des Landgerichts Bielefeld, ausdrückte: „Gefängnis ist keine Option." Eine dauerhafte Unterbringung in einem geschlossenen psychiatrischen Krankenhaus dagegen sehr wohl.

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