„Guck mal, die Atomraketen“

Kalter Krieg: Frank Schoof erinnert in einem neuen Buch an die Geschichte der Nato-Station Borgholzhausen. Er hat vor Ort und in Archiven viele Spuren gefunden

Andreas Großpietsch

Die Gefahr ganz nah: Ein Bild, mit Gänsehautpotenzial. Ein Foto aus den 70er Jahren. Eine Abwehrrakete reckt ihre Spitze einsatzbereit gen Himmel. Auf dem Sundern waren diese Raketen von 1963 bis 1982 stationiert. Andreas Rädel hat dieses Foto entdeckt. - © Privat
Die Gefahr ganz nah: Ein Bild, mit Gänsehautpotenzial. Ein Foto aus den 70er Jahren. Eine Abwehrrakete reckt ihre Spitze einsatzbereit gen Himmel. Auf dem Sundern waren diese Raketen von 1963 bis 1982 stationiert. Andreas Rädel hat dieses Foto entdeckt. (© Privat)

Borgholzhausen/Melle. „Als Kind haben meine Eltern öfter mal zu mir gesagt: Komm, wir fahren Atomraketen gucken", erinnert sich Frank Schoof noch ganz genau. Aus dem nicht weit entfernten Schiplage-St. Annen ging es dann nach Borgholzhausen. Und die niederländischen Nato-Soldaten waren offenbar sehr pünktliche Leute. Die Abschreckung in Richtung Osten wurde täglich zur selben Zeit zelebriert. Immer um 11 Uhr richteten sich die Raketen bedrohlich über dem kahlen Hügel des Sundern auf.

Dieses Bild ist auch vielen Menschen in Borgholzhausen noch sehr präsent. Allerdings ist die Geschichte der Nato-Station auch ein Thema, bei dem für viele bis heute eine Art selbst auferlegte Schweigepflicht zu herrschen scheint. „Es ist sehr schwer, bei den Militärs zu recherchieren. Viele antworten nicht einmal", hat Frank Schoof feststellen müssen. Davon hat er sich aber nicht abschrecken lassen.

Raketen sichern Gleichgewicht des Schreckens

Denn dieser Geheimhaltung im Detail steht eine merkwürdige Offenheit beim großen Ganzen entgegen. Borgholzhausen war keine isolierte Einrichtung, sondern eine von mehr als 30 Anlagen in der damaligen Bundesrepublik. Gut 100 Kilometer von der »Zonengrenze« entfernt, sicherten diese Stationen mit ihren Raketen das Gleichgewicht des Schreckens am Eisernen Vorhang, der quer durch Deutschland verlief. Ein kleiner Teil der Raketen war mit konventionellen Sprengköpfen ausgerüstet. „Doch zwei von drei Startplätzen auf dem Sundern waren für die Raketen mit den Atomsprengköpfen reserviert. Schaut man genau hin, kann man noch heute die Spuren dieser Zeit finden, auch wenn inzwischen nicht nur Gras über die Sache gewachsen ist.

Am Eingangstor zum Abschussbereich: Frank Schoof hat intensiv über den Nato-Stützpunkt Borgholzhausen recherchiert und ein Buch darübner geschriben, das mit vielen Details und vielen Fotos glänzt. - © Andreas Großpietsch
Am Eingangstor zum Abschussbereich: Frank Schoof hat intensiv über den Nato-Stützpunkt Borgholzhausen recherchiert und ein Buch darübner geschriben, das mit vielen Details und vielen Fotos glänzt. (© Andreas Großpietsch)

Auf dem Sundern wächst wieder ein veritabler Wald, der vor dem Auge des Betrachters die Ringstraße und die Zäune, die beiden hölzernen Wachtürme und vor allem die militärischen Zweckgebäude verbirgt. Ende der 50er Jahre war das ganz anders, als die zunächst geheimen Pläne der Nato in ein handfestes Bauprogramm übergingen. Der Bergwald auf dem Sundern wurde gerodet und der gesamte Hügel um bis zu drei Meter niedriger gemacht. Die Schutzwälle, die heute noch zu erkennen sind, wurden stehen gelassen.

Genau in Augenschein genommen hat Frank Schoof auch die andere Seite der Station, die ebenso wichtig, aber deutlich weniger präsent war. Für die Feuerleitanlage auf dem Hollandskopf wurde ebenfalls ein großes Gebiet in unmittelbarer Nähe des Luisenturms gerodet und etliche Gebäude errichtet. Das Buch von Frank Schoof zeigt viele spektakuläre Fotos und genaue Pläne dieser Einrichtung, von der aber deutlich weniger Spuren übrig geblieben sind.

Das liegt am Unternehmergeist von Susanne Ihde, die – übrigens mit Hilfe eines Manövers der britischen Armee – den Großteil der Anlagen beseitigt, um Platz für ihre Windräder zu schaffen. Als die heutige Anlage vor einigen Jahren als Nachfolgerin für die beiden kleineren installiert wurde, kam die Stunde, als sich Frank Schoofs Blick wieder einmal auf Borgholzhausen richtete.

Man konnte von uns aus die Bauarbeiten sehen. Und deshalb bin ich mit meinen Kindern dorthin gefahren", erzählt der IT-Leiter. Und als er dort die Spuren der Nato-Zeit fand, kamen auch die Erinnerungen an die Zeit seiner Ausflüge mit seinen Eltern wieder hoch – Atomraketen gucken in Borgholzhausen. „Das war vor drei Jahren und dann habe ich angefangen", erzählt er.

Schnell kam mehr und mehr Material zusammen. Schließlich war es genug für ein Buch mit dem Titel »Geschichtsspuren. Kalter Krieg in Borgholzhausen«. Es trägt die ISBN-Nummer 9 78 37 46 09 25 15 und ist im Buchhandel erhältlich. Es hat 366 Seiten und zeigt vor allem viele Fotos zur spannenden Geschichte Nato-Station in Borgholzhausen.

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