Borgholzhausener bekommt keinen Platz im neuen Wohnheim

Wohnprojekt der Stiftung Ummeln: Am Freitag, 23. August, soll am Jammerpatt Richtfest gefeiert werden. Und wenn alles gut läuft, dann werden im Herbst 2020 die Wohnungen für 24 Menschen bezugsfertig sein. Doch manche bleiben unversorgt

Heiko Kaiser

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Borgholzhausen. „Die Diakonische Stiftung Ummeln schließt damit eine Lücke im sozialen Angebot vor Ort", hatte Bürgermeister Dirk Speckmann beim Baubeginn erklärt. Das tut sie ohne Zweifel. Doch nicht alle Hoffnungen, die damit verbunden sind, werden sich erfüllen.

Gehofft hatten auch Anita und Klaus Schmidt damit eine Lösung für ihren Sohn Hendrik gefunden zu haben. Hendrik ist wegen Sauerstoffmangels unter der Geburt schwerstbehindert auf die Welt gekommen. Das war vor 40 Jahren. Seither haben sich die Schmidts mit viel Liebe und Zuwendung ihrem Sohn gewidmet. „Wir haben das gerne getan. Weil kein noch so gut geführtes Heim das Elternhaus und die Pflege in der Familie ersetzen kann. Und eigentlich wollen wir ihn gar nicht weggeben", sagen die beiden.

Klaus Schmidt - © Heiko Kaiser
Klaus Schmidt (© Heiko Kaiser)

Kommentar

Am Bedarf vorbei geplant

Auf die wachsende Zahl betreuungsbedürftiger Menschen mit Behinderung reagieren die Kostenträger mit dem Ausbau ambulanter Angebote. Das ist zunächst einmal konsequent, gilt nach der UN-Menschenrechtskonvention das verbriefte Recht auf selbstbestimmtes Leben und Teilhabe. In ambulanten Angeboten kann dieses Recht ohne Frage besser umgesetzt werden. Allerdings sieht das Sozialgesetzbuch auch eine Wahlmöglichkeit vor. Die aber gibt es derzeit nicht, worauf lange Wartelisten hindeuten. Sie dokumentieren, dass die Planungen offensichtlich am Bedarf vorbeigehen. Der Hinweis der Verantwortlichen, dass für jeden Einzelfall der Betreuungsbedarf individuell ermittelt wird, klingt gut. Wenn dann aber, wie geschehen, das ambulante Wohnen aufgrund eines zu hohen Betreuungsaufwands abgelehnt und ein stationärer Platz empfohlen wurde, wird es kurios, wenn hierfür keine Angebote vorhanden sind.

Doch das Leben weist eine andere Richtung. „Wir sind 74 Jahre alt. Uns läuft die Zeit davon", sagt Anita Schmidt. Die Zeit und die Kraft. Denn wenn Hendrik um 16.20 Uhr aus der Werkstatt heimkommt, braucht er eine Rundum-Betreuung – auch nachts.

„Es gibt einfach keine Plätze"

Seit zwei Jahren versuchen Klaus Schmidt und seine Frau eine Heimstatt für ihren Sohn zu finden. Einen Ort, an dem sie Hendrik gut aufgehoben wissen. Nicht allzu weit entfernt. „Denn wir wollen ihn ja, so lange es uns noch möglich ist, oft besuchen", sagt Klaus Schmidt. Aber alle bisherigen Versuche scheiterten. „Es gibt einfach keine Plätze", sagt der 74-Jährige. Alle Heime, bei denen wir einen Aufnahmeantrag gestellt haben, haben eine lange Warteliste. Die Einrichtung Bethel lehnt eine Aufnahme ab, da sie zurzeit nur Bielefelder aufnimmt.

Es wurde auch ein Aufnahmeantrag für das neue Heim am Jammerpatt gestellt. Nach einem Gespräch mit den Verantwortlichen erhielten die Schmidts eine Absage, da Hendrik ein sogenannter Wegläufer ist, was an der viel befahrenen Straße problematisch werden könnte.

Ablehnung, weil der Betreuungsaufwand für Hendrik ist zu groß ist

„Es ist genau mit dem Landschaftsverband Westfalen/Lippe als Hauptkostenträger und dem Kreis Gütersloh abgestimmt, für welche Zielgruppen die Plätze geschaffen werden", erklärt Christel Friedrichs von der Flex®Eingliederungshilfe gGmbH, eine Tochtergesellschaft der Stiftung Ummeln. Bedeutet: Hendrik gehört nicht dazu. Zu groß ist der Aufwand, der betrieben werden müsste, um den 40-Jährigen dort zu betreuen. Nach Auffassung der Stiftung.

Doch wo soll er hin? Auch beim Wertkreis Gütersloh, einem anderen Träger, ist die Familie Schmidt längst vorstellig geworden. „Dort hat man uns gesagt, derzeit stünden 80 Interessenten für einen Platz für stationäres Wohnen auf der Warteliste", sagt Klaus Schmidt. Eine Zahl, die Thomas Huneke, beim Wertkreis zuständig für den Bereich Wohnen, bestätigt. „Insgesamt steigt die Nachfrage nach stationären Wohnangeboten", sagt er. Im Schnitt würden auf der anderen Seite drei bis fünf Plätze im Jahr beim Wertkreis frei. werden. Es ist eine einfache Rechnung, wann alle 80 Wartenden versorgt wären.

„Wir sind inzwischen da, wo wir vor einigen Jahrzehnten waren. Nämlich, dass Menschen mit Behinderung in ein Altenheim müssen", sagt Thomas Huneke.

Politisches Ziel ist es, bei der Betreuung von Menschen mit Behinderung dem ambulanten Wohnangeboten im Vergleich zu den stationären eine größere Gewichtung zu verschaffen. Deshalb werden keine zusätzlichen stationären Angebote mehr geschaffen. Auch im Kreis Gütersloh nicht.

Neubau von stationären Wohnplätzen ist ein Nullsummenspiel

Ziel ist es auch, große Einrichtungen zu schließen und stattdessen dezentrale kleine Wohneinheiten, wie in Borgholzhausen, zu schaffen. Daher werden mindestens zwölf der am Jammerpatt gebauten Wohnungen von Menschen aus der Waldheimat in Werther bezogen. „Wir haben mit dem LWL im Kreis Gütersloh derzeit 201 stationäre Plätze vereinbart. Wenn wir, wie in Borgholzhausen, neue Plätze schaffen, müssen wir sie an anderer Stelle, in diesem Falle in Werther, abbauen", sagt Christel Friedrichs. Bedeutet: Menschen aus der Waldheimat ziehen nach Borgholzhausen oder werden vom stationären in ein ambulantes Wohnen geführt. Ein Nullsummenspiel also.

„Wenn einem von uns beiden etwas passiert", kann der andere nur noch wenige Wochen durchhalten. Und das auch nur, weil unsere Tochter mit Familie hier im Haus wohnt. Anschließend müsste Hendrik in irgendeine Einrichtung gegeben werden", sagt Klaus Schmidt. Er legt Wert auf die Feststellung, dass man keine Sonderwünsche erfüllt haben möchte. „Mir geht es darum zu zeigen, dass hier offensichtlich ein großer Mangel herrscht", sagt er. Ein Mangel, den die Politik offensichtlich ignoriert. Er wisse, dass er und seine Familie mit eigenem Haus und großem Garten am Klockenbrink und den damit verbundenen Möglichkeiten optimale Bedingungen haben. „Aber was ist mit einer Frau, die alleine mit einem behinderten Kind in einer Mietwohnung lebt?", fragt er. Sogar an den CDU-Bundestagsabgeordneten Ralf Brinkhaus habe er sich schon gewandt. Der wollte sich erkundigen Auf eine Antwort warten die Schmidts seit einem Jahr.

Und so sind sie weiter auf der Suche. „Die Zeit läuft uns davon", sagt Anita Schmidt noch einmal. Letztes Jahr hat Hendrik das Schaukeln gelernt. Klaus Schmidt lächelt stolz, als er davon erzählt.

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