Drei Jahre unterwegs: Borgholzhausener Tischler geht auf die Walz

Tischlergeselle Lukas Mertens (21) startete in ein ungewöhnliches Abenteuer. Der Piumer begab sich zusammen mit weiteren Gesellen auf die Walz.

Alexander Heim

Spalier zum großen Abschied - © Alexander Heim
Spalier zum großen Abschied (© Alexander Heim)

Borgholzhausen. Zu dritt sind sie am Vorabend angereist. Die beiden Tischler Lukas Bruns und Noah Hoffmann sowie Dachdecker Thomas Schmidt. Drei Gesellen, die sich ebenfalls auf der Wanderschaft befinden. In Nordhausen in Thüringen sind sie gerade beschäftigt, verraten sie. Unweit also vom anderen Werther. Und gekommen sind sie nicht nur, um mit dem Piumer Lukas Mertens zu feiern. Nein, den wollen sie mitnehmen.

Ab über das Ortsausgangsschild - © Alexander Heim
Ab über das Ortsausgangsschild (© Alexander Heim)

„Ich hab davon vor drei Jahren im Internet erfahren, ",verrät Lukas Mertens, frisch gebackener Tischler-Geselle. „Und ich wollte das machen", bekräftigt der 21-Jährige. Seine Eltern, Karen und Jens Eickmeyer, hielten das zunächst für eine fixe Idee. Bei Lukas indes wuchs das Interesse mehr und mehr. Vor drei Monaten schließlich ist der junge Piumer zum so genannten Anklopfen beim Stammtisch der Gesellenvereinigung in Bielefeld gewesen. Und bekräftigte damit nochmals sein Interesse.

An den Tisch nageln und ein Loch im Ohr gehören zum Brauch

Als nun die Gesellen im Rahmen der Party tatsächlich auftauchten, wurde es auch für die Eltern deutlich: der Junge geht wirklich los. Wie der Brauch es will, ließ sich der 21-Jährige auch an den Tisch nageln, ein Loch am linken Ohrläppchen stechen. „Sobald man den Ohrring hat, ist man ein Fremder", erklärt Geselle Lukas Bruns. Früher war der Ohrring aus gutem Grund aus Gold. „Heute ist es mehr eine Erinnerung an das Versprechen", so der 24-Jährige. Wer sich dereinst bei der Arbeit unehrenhaft verhalten hatte, dem wurde der Ohrring herausgerissen. Derjenige wurde so zum Schlitzohr.

Natürlich mit Ohrring: Den ließ sich Lukas am Vorabend mit dem Nagel stechen - und wurde, wie es Brauch ist, am Tisch festgenagelt. - © Alexander Heim
Natürlich mit Ohrring: Den ließ sich Lukas am Vorabend mit dem Nagel stechen - und wurde, wie es Brauch ist, am Tisch festgenagelt. (© Alexander Heim)

„Als Erstes bringen die Drei mich jetzt 60 Kilometer von hier weg", erzählt Lukas Mertens, kurz bevor es los geht. 60 Kilometer – das ist die Bannmeile. Näher darf er an seinen Heimatort nicht heran für die nächsten drei Jahre. „Ich lerne dann das Reisen und wie ich ohne Geld klarkomme", blickt er in seine unmittelbar bevorstehende Zukunft. „Ich arbeite dann zwischendurch, auch mal an verschiedenen Stellen." „Er darf jetzt auch an keinem Ort länger als drei Monate sein", erläutert Lukas Bruns.

Was Lukas sich erhofft? „Dass ich viel von den Handwerkern lerne und viel von der Welt sehe", strahlt er. Irgendeine Form von Ungewissheit? „Da gibt’s irgendwie keine." Für drei Jahre und einen Tag 1.096 Tage oder wird er nun das Leben im Heimatort und den Dienst bei der Feuerwehr gegen die Kluft des Gesellen auf Wanderschaft und die Fremde eingetauscht.

„Ich freue mich auf’s Reisen und darauf, neue Sachen kennenzulernen, die ich so noch nicht gemacht habe", bekräftigt der 21-jährige Piumer. „Das erste Jahr werde ich im deutschsprachigen Raum bleiben", ist er sich sicher. Bayern will er sehen, aber auch Hamburg. Ab dem zweiten Jahr könnte es zudem ins Ausland gehen. Die USA, Kanada oder China – das wäre schon was.

„Jedes traditionelle Handwerk kann reisen, nicht nur Zimmerleute", erklärt Lukas Bruns. Die wichtigen Voraussetzungen sind der Gesellenbrief, noch unter 30 Jahren und ledig zu sein. Aber auch, keine Schulden oder Vorstrafen zu haben. „Damit die Wanderschaft aus freien Stücken geschieht und keine Flucht vor der Verantwortung ist", führt der 24-Jährige aus.

Den Abend über wurde gefeiert, am Morgen im Kreis von Familie und Freunden gefrühstückt. Eine Stunde länger als ursprünglich geplant hält sich Lukas in Pium auf. Dann wird es ernst, geht es mit einem Tross an Begleitern allmählich zum Piumer Ortsschild.

Kameraden des Löschzugs Stadt haben sich dort eingefunden, bilden ein Spalier, als der Wandergeselle mit seinen Begleitern eintrifft. Erster Samstag im Monat. 12 Uhr. High Noon. Und die Sirenen der Stadt entsenden ein zusätzliches Abschieds-Signal.

Abschied von den Eltern - © Alexander Heim
Abschied von den Eltern (© Alexander Heim)

Abschied nehmen heißt es jetzt, in der Tat. Von den Kameraden. Von den Freunden. Von der Familie. Vom Bruder. Von den Eltern. Aber auch vom Smartphone.

Der ganz besonderer Moment naht, als Lukas von seinen Begleitern über das Ortsschild gebracht wird. Einmal hochsteigen, oben auf sitzend einen letzten Blick zurückwerfen und einen Gruß senden – und dann rüber steigen und los. Das Bündel nehmen, samt Wanderstock. Und – ohne einen Blick zurück – in die Fremde gehen. Das Ritual mit dem Ortsschild – „früher gab’s das nicht", hatte Lukas Bruns zuvor noch verraten. „Aber inzwischen ist es Tradition geworden, als Abschiedssymbol". „Wir sind zeitlos", findet der 24-Jährige. „Die Wanderschaft ist die älteste deutschsprachige Tradition, die noch gelebt wird und nach den alten Regeln überlebt hat."

Das Bündel für die Reise - © Alexander Heim
Das Bündel für die Reise (© Alexander Heim)

Eine große Traube ist es, die diesseits des Ortsschildes zurückbleibt. Menschen, die Lukas nachschauen. Mit einer Mischung aus Wehmut und Sorgen. Aber auch mit viel Respekt und Anerkennung ob seines Mutes.

Einen geeigneten Schlafplatz finden, sich korrekt zu verhalten, anständig um Arbeit vorsprechen – all das wollen Lukas, Noah und Thomas dem Neuen auf der Walz nun zeigen. Als vier von geschätzt 500 oder 600 Gesellen sind sie fortan unterwegs. Irgendwo in Deutschland. Zünftig. Mit unverkennbarer Kluft. Ohne eine Blick zurück. Und in dem Wissen: Wanderjahre sind keine Herrenjahre.

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