SteinhagenKabarettist aus Halle im Interview: „Es gibt wirklich überhaupt keine Tabus“

Kabarettist Lutz von Rosenberg Lipinksy erklärt im Vorfeld seines Auftritts im Zweischlingen, warum ihm die German Angst nicht nur Späße, sondern auch Sorge bereitet.

Frank Jasper

Lutz von Rosenberg-Lipinsky - © Zweischlingen
Lutz von Rosenberg-Lipinsky © Zweischlingen

Herr von Rosenberg Lipinsky, wir erwischen Sie gerade auf einem Kreuzfahrtschiff. Und Sie sind nicht zur Erholung an Bord gegangen, sondern absolvieren dort regelmäßig Shows. Muss man sich morgens schon mit einem Handtuch einen Platz vor der Bühne reservieren?

Lutz von Rosenberg Lipinksy: Gemach, gemach. Aber ja: Diese Shows sind oft der Höhepunkt des Tages für die Passagiere und der Andrang entsprechend groß. Da kommen meist über tausend Zuschauer und die Leute sitzen dann manchmal deshalb schon Stunden vorher auf ihren Plätzen. Irre!

Unterscheidet sich das Publikum auf einem Kreuzfahrtschiff von dem, das sonst in Ihr Programm kommt?

Rosenberg Lipinksy: Natürlich – das ist ein bisschen wie bei einer Gala oder auf einer Firmenveranstaltung. Schließlich sucht sich das Publikum das Programm nicht wirklich aus, sondern findet es ja gewissermaßen vor. Das heißt, man muss die Leute schon erstmal für sich gewinnen und zu überzeugen wissen, damit sie wiederkommen. Bei einer »normalen« Vorstellung sind ja alle sowieso meinetwegen da und wissen, worauf sie sich einlassen. Ansonsten ist das Publikum an Bord ein launiger und bisweilen obskurer Bevölkerungsquerschnitt – das ist mitunter für mich ebenfalls hoch amüsant. Vor allem, weil ich es ja auch schon tagsüber beim Buffet studieren kann.

Wo geht’s denn privat in den Urlaub? Ist eine Kreuzfahrt da eine Option?

Rosenberg-Lipinksy: Wir haben das durchaus schon kombiniert. Wir lieben aber auch den simplen Badeurlaub am Mittelmeer oder an der Ostsee. Wandern im Thüringer Wald. Bootstour auf der Donau. Die Mischung macht’s.

Im Zweischlingen werden sie Ihr Programm »Wir werden alle sterben« vorstellen. Klingt jetzt erstmal nicht nach einem lustigen Abend ...

Rosenberg-Lipinsky: Wird es aber. Wird es immer. Und man muss den Humor nicht mitbringen, keine Sorge. Das Zweischlingen ist ja gewissermaßen mein Geburtskanal, da brennt stets der Baum. Sensationell.

Info

Demnächst im Zweischlingen

• Lutz von Rosenberg Lipinsky ist mit einem Programm »Wir werden alle sterben! – Panik für Anfänger« am Samstag, 31. August, im Zweischlingen zu Gast. Beginn ist um 21 Uhr.
• Eintrittskarten zum Preis von 18 Euro gibt es im Zweischlingen.
• Lutz von Rosenberg Lipinsky ist in Halle aufgewachsen, hat am KGH sein Abitur gemacht und lebt inzwischen in Hamburg. Das Zweischlingen bezeichnet er im HK-Interview als seinen „Geburtskanal".

Haben Sie denn auch ein paar Stimmungsaufheller im Programm?

Rosenber Lipinsky: Natürlich – schließlich darf man den Untertitel nicht vergessen: »Panik für Anfänger«. Es geht um diese ganzen bescheuerten Angstmacher um uns herum, die uns paralysieren wollen. Die sind bei genauer Betrachtung extrem lächerlich.

In Ihrem Programmen greifen Sie auch Themen wie Klimawandel und Zuwanderung auf. Da versteht manch einer ja gar keinen Spaß. Ihr Kollege Dieter Nuhr hat kürzlich in einem Spiegel-Interview deutlich gemacht, dass man als Kabarettist schnell unter die Räder kommen kann, wenn man sich nicht dem gesellschaftlichen Mainstream anpasst. Wie bewerten Sie die Lage?

Rosenberg Lipinsky: Völlig anders. Dieses aktuelle populistische Geschwurbel von angeblich bedrohter Meinungsfreiheit ist furchtbar. Es ist grundlos. Und es ist auch lächerlich. Derlei sollte der rheinische Kollege eigentlich nicht nötig haben. Wir sind ein sehr freies Land und insbesondere Künstlern sind kaum Grenzen gesetzt. Im Gegenteil, gerade im künstlerischen Bereich wird Nonkonformität nach wie vor gesucht und gefördert, da kann ich nur jeden ermutigen.

Wo macht bei Ihnen die Schere im Kopf schnipp-schnapp? Worüber darf noch gelacht werden und von welchen Gags lassen Sie lieber die Finger?

Rosenberg Lipinsky: Es gibt wirklich überhaupt keine Tabus. Aber ich mache keine Witze auf Kosten von Schwächeren. Es geht mir immer um ein befreiendes Lachen, das sich stets gegen Mächtige oder für mächtig Gehaltenes richtet. Das unterscheidet – vereinfacht gesagt – das Kabarett von der Comedy. Die erniedrigt gern Wehrlose und Ohnmächtige.

Gerade ist Boris Johnson neuer britischer Premierminister von Großbritannien geworden. Der ist ja auch ganz witzig auf seine Art. Das aktuelle internationale Politikerportfolio dürfte Ihnen doch Freude bereiten. Ist das »Material« mit dem sich gut arbeiten lässt oder kann man manchmal das Original gar nicht mehr toppen?

Rosenberg Lipinsky: Das ist schon richtig, häufig muss man Politik heute nicht mehr analysieren, sondern sie nur noch beschreiben, um Gelächter hervorzurufen. Wer sich aber mit populistischer Politik auseinandersetzen will, kommt nicht nur nicht hinterher, sondern spielt ihr in die Karten. Die Jungs machen Zirkus, während sie unsere Demokratie zerstören – wir dürfen daher nicht bei der Beschreibung der Artistik oder des Feuerschluckers bleiben, sondern müssen tiefer analysieren, informieren und vor allem auch menschlich agieren. Wir brauchen mehr Empathie.

In der Ukraine ist mit Wolodymiyr Selenskyj ein Satiriker zum Präsident gewählt worden. Wäre das auch eine Option für Lutz von Rosenberg Lipinsky?

Rosenberg Lipinsky: Absolut. Regieren liegt in meinen adligen Genen. Inzwischen bin ich auch durch mein Alter regelrecht staatsmännisch. Und gegen Geldgeschenke hatte ich schon bei meiner Konfirmation nichts einzuwenden. Passt!

In Ihrem aktuellen Buch »Die 33 tollsten Ängste« greifen Sie das Thema German Angst auf. Ist es um uns Deutsche wirklich so schlimm bestellt?

Rosenberg Lipinsky: Eben nicht. Es geht darum, die Angst vor der Angst zu verlieren – wie es Malcolm X formuliert hatte. Das war kein Rapper, sondern ein Freiheitskämpfer. Indem ich Ängste beschreibe, ihre Strukturen, ihre Abläufe, ihre Symptome, können wir über sie lachen und sie verliert vielleicht ihre Bannkraft. Dass wir auch unsere German Angst, unseren ewigen Pessimismus jemals loswerden, wage ich allerdings zu bezweifeln. Beziehungsweise, da bin ich pessimistisch.

Sie wohnen in Hamburg, kommen aber gebürtig aus Halle. Besuchen Sie hin und wieder noch die alte Heimat?

Rosenberg Lipinsky: Klar! Neben Auftritten in der Region gibt es natürlich auch noch viele freundschaftliche und teils familiäre Kontakte. Auch das eine oder andere Heimspiel von Arminia muss drin sein. Da ich immer Zug fahre, komme ich allerdings oft dann nicht bis nach Halle und wieder weg an einem Tag. Was aber aufgrund meines stets engen Zeitplans nötig wäre. Das könnte sich aber ändern, wenn die Taktung des Haller Willems wirklich geändert wird. Diese Diskussion verfolge ich sehr gespannt. Ebenso wie die Frage, was nach der Insolvenz von Gerry Weber aus der A 33 wird. Jetzt braucht er seine Zufahrt ja vielleicht nicht mehr.

Was hat Halle, was Hamburg nicht hat?

Rosenberg Lipinsky: Einen Schützenberg. Und einen viel zu großen Friedhof. Zusammenhänge sind rein zufällig.

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