Geflügel Schulte aus Borgholzhausen darf nicht mehr auf dem Kesselbrink verkaufen

Andreas Großpietsch

Drei Generationen: Sechs Jahrzehnte lang war der Stand von Geflügel-Schulte auf dem Markt in Bielefeld eine feste Größe. Das jetzt Schluss sein soll, bedauern - von links: Helmut, Stephan und Fynn Schulte. - © Firma Schulte
Drei Generationen: Sechs Jahrzehnte lang war der Stand von Geflügel-Schulte auf dem Markt in Bielefeld eine feste Größe. Das jetzt Schluss sein soll, bedauern - von links: Helmut, Stephan und Fynn Schulte. (© Firma Schulte)

Borgholzhausen. Bis um 1 Uhr in der Früh hat Stephan Schulte am vergangenen Samstag seine Transportautos beladen. Hat sich dann ein wenig ausgeruht und ist um 4 Uhr morgens mit seinem Team nach Bielefeld gestartet. Sein Ziel war wie an jedem Samstag seit ganz vielen Jahren der Platz vor dem Telekom-Hochhaus in der Nähe des Kesselbrinks. Dort wurde der Marktstand für besonderes Fleisch, für Wurst und manchmal auch Fisch aufgebaut. Ab 6 Uhr kamen die ersten Kunden. „Direkt von der Nachtschicht", sagt Schulte.

Erfolgreich in der kleinen Marktnische

Heute Morgen ist alles anders. Heute wird Stephan Schulte einen vergleichsweise ruhigen Samstagvormittag haben. Genießen wird er das kaum, denn der Abschied vom Markthandel in Bielefeld war nicht nur kurz und stillos, sondern auch gegen seinen Willen. „Da ist nicht mal der Marktmeister gekommen, um einem die Hand zu geben", sagt der 51-jährige Borgholzhausener und schüttelt den Kopf über diese Art des Umgangs.

Erinnerungen: So sah der Marktstand früher aus - © Firma Schulte
Erinnerungen: So sah der Marktstand früher aus (© Firma Schulte)

Doch jetzt ist nicht die Zeit, um über Umgangsformen nachzudenken. Viel drängender ist die Frage, ob sich das Unternehmen noch rentiert, wenn der Standort Bielefeld wegfällt. „Ungefähr die Hälfte unseres Umsatzes haben wir da gemacht", sagt Schulte. Im Verlauf eines Samstags auf dem Platz vor dem Telekom-Gebäude kamen immer so um die 1.500 bis 2.000 Kunden vorbei – allesamt auf der Suche nach billigem Fleisch.

Das Nischenangebot: Nicht perfektes, aber qualitativ gutes  Fleich

Viele Stammkunden setzten auf Schulte, weil das Geld bei ihnen knapp ist. Andere kamen, weil sie geizig sind. Und gerade in jüngerer Zeit kamen auch einige, die sich am Wegwerfen von Lebensmitteln stören.

Denn genau in dieser Nische ist der Familienbetrieb Schulte seit Jahrzehnten unterwegs. Er kauft die Wurst, wenn sie nicht ganz so geworden ist, wie sie der Kunde im Supermarkt haben will. Und er ist zur Stelle, wenn die fleischverarbeitenden Betriebe ein Problem haben. „Die großen Discounter bestellen große Mengen und schreiben hohe Konventionalstrafen im Fall der Nichterfüllung in ihre Verträge. Wenn sie dann weniger brauchen, nehmen sie die Ware einfach nicht ab", erklärt Stephan Schulte.

Das Angebot schwankt: Kurz vor Weihnachten gab's mal Entenfilet en masse

Erinnerungen: So sah der Marktstand früher aus - © Firma Schulte
Erinnerungen: So sah der Marktstand früher aus (© Firma Schulte)

Theoretisch wären sie natürlich dazu verpflichtet, doch praktisch ist das nicht durchzusetzen gegen die Marktmacht der Handvoll Großkunden. So bleibt den Herstellern nur, die Nummer von Stephan Schulte herauszusuchen. „Ich bin so mal kurz vor Weihnachten auf einer Riesenmenge Entenfilet hängengeblieben", erinnert sich Ulrich Düfelsiek. Der Steinhagener ist als Verkaufsleiter bei einem Unternehmen in Delbrück beschäftigt.

„Mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum von drei Tagen hätte mir das nicht einmal die Tafel abgenommen, weil die es nicht rechtzeitig bei ihren Kunden untergebracht hätte. Wir hätten es nur noch wegwerfen können – und es war wirklich beste Qualität", erinnert sich Düfelsiek. Doch zum Glück kennt er das Unternehmen von Stephan Schulte schon lange. Und der konnte etwas mit dem Entenfleisch anfangen. Seine typischen Kunden sind flexibel genug, um eine Chance zu erkennen.

Zu groß, zu klein für die Norm? Bei Stephan Schulte kein Problem

Das gilt zum Beispiel auch für Hähnchenschenkel, die zu groß oder zu klein für die geltende Norm sind, aber ansonsten keinen Makel aufweisen. Geflügel-Schulte heißt das Unternehmen bis heute, denn mit Geflügel hat alles begonnen. „Mein Opa August Schulte hat vor 70 Jahren damit angefangen. Er fuhr mit dem Haller Willem nach Bielefeld und verkaufte Eier auf dem Markt", weiß sein Enkel.

Bald brauchte der Firmengründer ein Auto, dann einen Transporter für seine Ware. Heute betreibt das Unternehmen einen ganzen Fuhrpark von kleinen Lastwagen, die auch bei Hitzewellen dafür sorgen, dass alles ausreichend gekühlt im Marktstand präsentiert wird.

Bewegende Abschiedsszenen von langjährigen Kunden

„Eine Kundin kam zu mir und sagte, dass sie seit 43 Jahren bei uns kauft. Sie sagte, sie habe dem Oberbürgermeister Pit Clausen einen handgeschriebenen Brief geschickt", erinnert sich Schulte an eine der vielen bewegenden Abschiedsszenen in den letzten Wochen, als er und seine Mitarbeiter zu erklären versuchten, dass bald Schluss sein würde mit seinem Stand.

Erinnerungen: So sah der Marktstand früher aus - © Firma Schulte
Erinnerungen: So sah der Marktstand früher aus (© Firma Schulte)


Richtig klar werden wird das vielen Kunden wohl erst, wenn ihr ganz besonderer Händler ab heute nicht mehr auf dem Philipp-Reis-Platz vor dem Telekom-Hochhaus am Kesselbrink zu finden ist. Das Bauunternehmen Goldbeck Bau hat das Gebäudeensemble gekauft und will es auf Vordermann bringen – sehr zur Freude der Stadt Bielefeld.

Die räumt deshalb alle möglichen Hindernisse aus dem Weg. Und in einer gewissen Sichtweise ist das Geschäft von Stephan Schulte so ein Hindernis. Das ist auch dem Borgholzhausener klar. „Wir standen immer ein wenig abseits von den übrigen Markthändlern auf dem Kesselbrink. Und das passte auch ganz gut so", sagt er.

Denn bei ihm kaufen eben nicht die Leute, die nur Biofleisch von mit der Hand aufgezogenen Tieren essen wollen. Sondern die, die auf den Cent schauen müssen. Und das sind nicht wenige. „So fünf bis sieben Tonnen Ware haben wir pro Woche umgeschlagen. Die Hälfte davon in Bielefeld", sagt Schulte.

Zu wenig Zeit, um Pläne zu schmieden

Jetzt muss er auf die beiden Läden in Bergkamen und in Münster setzen, die er betreibt. Und auf den in Borgholzhausen, an der Hesselteicher Straße, den allerdings auch viele Borgholzhausener nicht kennen und der doch außer sonntags und montags täglich geöffnet ist. Ob es reichen wird, wie er sich neu aufstellen soll – für all diese Überlegungen war bislang viel zu wenig Zeit. Die Kündigung und der eiskalte Abschied lagen nur wenige Wochen auseinander.

An diesem Samstag wäre vielleicht ein guter Tag zum Nachdenken, denn an diesem Tag hat Stephan Schulte zum ersten Mal seit langer Zeit frei. Viel lieber allerdings würde er das tun, was er schon immer getan hat: Fleisch an Menschen verkaufen, die sich das eigentlich nicht leisten können.

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