Win-win: Wie ein Landwirt aus Wildpflanzen Energie gewinnt

Insektensterben: Biogasanlagen sind das Symbol der Industrialisierung in der Landwirtschaft. Sie können aber auch zur Verminderung des Problems beitragen

Andreas Großpietsch

Wilhelm Gröver (Untere Landschaftsbehörde). Claudia Quirini (Biostation), Rainer Niedermeyer (Biogas-Unternehmer) udn Ulrich Bultmann (Landwirtschaftskammer). - © Andreas Großpietsch
Wilhelm Gröver (Untere Landschaftsbehörde). Claudia Quirini (Biostation), Rainer Niedermeyer (Biogas-Unternehmer) udn Ulrich Bultmann (Landwirtschaftskammer). (© Andreas Großpietsch)
Beton-Kuh: Grünzeug fast aller Art wird darin in Gas und anschließend in Strom und Wärme umgewandelt. - © Andreas Großpietsch
Beton-Kuh: Grünzeug fast aller Art wird darin in Gas und anschließend in Strom und Wärme umgewandelt. (© Andreas Großpietsch)

Borgholzhausen. Ein Maisacker neben dem anderen, intensiv gedüngt, regelmäßig gespritzt und bis auf die gewünschte Hochertragspflanze relativ tot: So sieht die Kulturlandschaft aus, wenn sie ausschließlich auf die Bedürfnisse von Biogasanlagen zugeschnitten ist. Oder auch auf die von Hochleistungskühen, die zur Abwechslung noch Turbogras fressen, das fünf Mal im Jahr von stark gedüngten Grasäckern geerntet wird. Für eine Vielfalt von Pflanzen und Tieren ist da eigentlich kein Platz.

Oder doch? „Aus dem Thema Biodiversität kommen nicht raus", sagt Ulrich Bultmann, der Geschäftsführer der Landwirtschaftskammer. Die Landwirtschaft gilt als Hauptursache für das Artensterben und in der Bevölkerung wächst die Bereitschaft, grundlegende Änderungen zu fordern.

Im Kreis Gütersloh hat man bereits vor einigen Jahren mit Experimenten begonnen, die dazu führen sollen, dass auch intensive Landwirtschaft einen erkennbaren Beitrag zum Artenschutz leisten kann. Rainer Niedermeyer ist Energie-Landwirt aus Borgholzhausen und bewies auch beim Thema Energie aus Wildpflanzen Pioniergeist. Er beteiligte sich an dem Programm, an dem unter anderem auch noch der Kreis Gütersloh und die Biologische Station beteiligt sind. Und vor allem säte, pflegte und erntete er eine ganz spezielle Mischung von Blühpflanzen.

Wolfhart Kansteiner wenig bekanntes Natur-Vermächtnis in Berghausen

Und sammelte dabei wichtige Erkenntnisse: „Zu schmale Streifen funktionieren nicht für den Naturschutz. „Zehn Meter Breite müssen es schon sein und die müssen nicht unbedingt am Rand des Feldes liegen", sagt er. In der Praxis liegen sie da oft, nicht zuletzt, weil sie dort auch besonders hübsch ins Auge fallen. Doch bei diesen Wildpflanzen geht es nicht um Optik, sondern um Ergebnisse.

Sie sollen Lebensraum für Bienen, Käfer und Schmetterlinge sein und zugleich Erträge bringen. So viel Energie wie Mais liefern sie nicht, das schafft offenbar keine andere Pflanze. Doch auf 50 bis 70 Prozent können sie kommen – auf den passenden Böden und regelmäßig gedüngt.

Rainer Niedermeyer betreibt keine Biolandwirtschaft, ganz im Gegenteil. Aber auch er kann sich an dem vielfältigen Leben erfreuen, das sich auf und neben dem besonderen Acker in Berghausen bemerkbar macht, den er bewirtschaftet. Schon die mehrreihige, gut vier Meter hohe Wildhecke, die das 2,5 Hektar große Areal einfriedet, macht einen gewaltigen Unterschied zum üblichen Bild.

Spezialisten freuen sich über seltene Tiere und Pflanzen

Angelegt hat diese Hecke übrigens Wolfhart Kansteiner, der in der Nähe seines Wohnhauses mehr Natur wollte und deshalb einige Ackerflächen kaufte. Niedermeyer darf sie bewirtschaften – aber nicht für Maisanbau. Die Pflanzen aus dem mehrjährigen Blühstreifen sind für Kühe nicht geeignet, doch der Betonkuh, wie manche die Biogasanlagen scherzhaft nennen, machen solche Feinheiten nichts aus. Ob Wilde Karde oder Färberhundskamille – die Pflanzenpracht wird ab Mitte August zu Silage gehäckselt und dann Futter für die Anlage.

Doch bis es so weit ist, bieten die Pflanzen aus dem Blühstreifen Lebensmöglichkeiten für viele bedrohte Arten. Die geringere Menge an Biomasse wird durch Einsparungen beim Saatgut – die Streifen blühen mehrere Jahre – und bei der Bewirtschaftung zum Teil wieder aufgefangen.

Die Ergebnisse aus Sicht der Natur beeindrucken auch Wilhelm Gröver vom Kreis Gütersloh, der den Gesang der Goldammer erkannte. Ebenso wie Claudia Quirini von der Biostation. Beim Termin am Freitagmorgen entdeckte sie den Frühlingszahntrost, eine Rote-Liste-Art. Der war gar nicht in der Saatgutmischung, nutzte aber seine Chance.

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