So sah der Kopfschmuck im 18. und 19. Jahrhundert aus

Trachtenhauben: Karl-Heinrich Hoyer besitzt sechs historische Kopfbedeckungenfür Frauen. Sie sollen zum Stadtrechte-Jubiläum im Rathaus gezeigt werden

Detlef Hans Serowy

Prächtig gestaltet: Der Historiker Dr. Rolf Westheider (links) und Karl-Heinrich Hoyer präsentieren vier der sechs Trachtenhauben, die sich im Besitz von Hoyer befinden. Sie sind typisch für das südliche Ravensberger Land und sollen im Rathaus von Borgholzhausen gezeigt werden. - © Detlef Hans Serowy
Prächtig gestaltet: Der Historiker Dr. Rolf Westheider (links) und Karl-Heinrich Hoyer präsentieren vier der sechs Trachtenhauben, die sich im Besitz von Hoyer befinden. Sie sind typisch für das südliche Ravensberger Land und sollen im Rathaus von Borgholzhausen gezeigt werden. (© Detlef Hans Serowy)

Borgholzhausen. Karl-Heinrich Hoyer hütet einen Schatz. Vorsichtig hebt er eine bunt bemalte Holzschachtel aus dem Regal. Zwei prächtig gewandete Frauen zieren den Deckel. Dort steht auch die Jahreszahl 1779. „Die Schachtel befindet sich wohl ununterbrochen in Familienbesitz", erklärt der 75-Jährige, der seine Vorfahren bis zum 30-jährigen Krieg zurückverfolgen kann. Dann hebt Hoyer den Deckel ab und ein zweiter Schatz kommt zum Vorschein. Sechs aufwendig gestaltete Hauben, wie sie die Frauen im 18. und 19. Jahrhundert hierzulande getragen haben.

Die Schachtel stammt vom Hof Hohenhorst im früheren Winkelshütten, das zum Amt Borgholzhausen gehörte. Dieser Hof ging 1472 als Lehen des Gerhard von Jülich-Berg und Graf von Ravensberg an Lübbert von Wendt. Karl-Heinrich Hoyer hat eine Abschrift der Urkunde und weiß, dass die Eigentumsverhältnisse sich vor etwa 300 Jahren änderten. Seitdem ist der Hof in Familienbesitz. Lehen sei in preußischer Zeit wohl aus Gründen der Besteuerung in Eigentum verwandelt worden, vermutet der pensionierte Beamte.

Wenn die Schachtel aber schon 240 Jahre alt ist, dann kann sie auch Menschen gehört haben, die die Verleihung der Stadtrechte an Halle, Versmold, Werther und Borgholzhausen am 17. April 1719 miterlebt haben. Der preußische König Friedrich Wilhelm I. schob mit seinen Reformen Handel und Handwerk an und führte auch eine Umsatz-und Verbrauchssteuer ein. Die sogenannte Akzise. Die Kommunen und vor allem der Staat profitierten davon – ganz im Sinne des Monarchen.

Ein Haller Kreisblatt von 1872 sollte vor Feuchte schützen

Ganz im Sinne der Familie Hohenhorst war es, dass der Hoferbe stets auch Heinrich heißen sollte. Matthias Heinrich Hohenhorst heißt beispielsweise der Ur-Ur-Großvater von Karl-Heinrich Hoyer. An der Wahl des Vornamens ändert sich auch nichts, als der Nachname Ende des 19. Jahrhunderts durch Hochzeit zu Hoyer wird. Karl-Heinrich Hoyer ist stolz auf seine lange Familiengeschichte und vermutet, dass die Hauben in der Schachtel von 1779 auch aus dem frühen 18. Jahrhundert stammen könnten.

Prächtig bemalt: Die historische Schachtel von Karl-Heinrich Hoyer. - © Detlef Hans Serowy
Prächtig bemalt: Die historische Schachtel von Karl-Heinrich Hoyer. (© Detlef Hans Serowy)

In der Schachtel liegt ein altes Haller Kreisblatt mit Bekanntmachungen aus dem Jahr 1872. „Das Zeitungspapier hat man offenbar hineingelegt, damit es durch Feuchtigkeit nicht zu Schäden an den Hauben kommt", sagt Hoyer. Dr. Rolf Westheider ist beim Alter der Hauben mit seiner Einschätzung vorsichtig. „Die Schachtel wird aus dem 18. Jahrhundert sein, für das genaue Alter der Hauben gibt es noch keine verbindlichen Hinweise", so der Stadtarchivar in Versmold und Borgholzhausen. Westheider verweist auf das Westfälische Trachtenbuch von Franz Jostes aus dem Jahr 1904.

Darin findet sich eine Zeichnung mit Frauen, die an einem Wegweiser mit den Ortsnamen Halle, Versmold und Borgholzhausen stehen. Ein Hinweis auf die geografische Verbreitung der gezeigten Trachten. Die Frauen tragen Hauben, wie sie Karl-Heinrich Hoyer in seiner Schachtel hat. „Es handelt sich zweifellos um wichtige Zeitzeugnisse", betont Rolf Westheider. Deshalb sollen die Hauben auch im Rahmen des Jubiläums der Stadtrechte-Verleihung im Rathaus von Borgholzhausen gezeigt werden.

"Die Volkstracht dieser Gegend weist Ähnlichkeiten mit der im Osnabrücker Land auf"

Der Historiker hat sich mit Johannes W. Glaw im Buch »Kreis Gütersloh – 55 Fundstücke, die Geschichte erzählen« auch mit der heimischen Tracht als „Dialekt des Modekostüms" beschäftigt. Danach ist der südliche Teil des Ravensberger Landes, unterhalb des Teutoburger Waldes – also die Gegend um Versmold, Halle und Borgholzhausen – eine eigene Trachtenregion. „Die Volkstracht dieser Gegend weist große Ähnlichkeiten mit der im südlichen Osnabrücker Land auf", so Westheider.

Wesentliches Element einer Tracht sei die Kopfbedeckung, also Kappen oder Hauben. Die Ravensberger Hauben zeichnen sich durch einen sogenannten Strich aus, eine über dem Haubenkopf aufragende weiße Spitze. Die haben auch einige der Hauben von Karl-Heinrich Hoyer, der sich über die Aufmerksamkeit für seine historischen Schätze freut.

„Die Trachten kamen ab 1850 hierzulande wieder stark in Mode", berichtet Rolf Westheider. Er wird jetzt das Alter und die genaue geografische Zuordnung der Hauben von Karl-Heinrich Hoyer erforschen, damit sie für ihre Präsentation wissenschaftlich fundiert beschrieben werden können. „Das geschieht in Zusammenarbeit mit der Volkskundlichen Kommission für Westfalen in Münster", erläutert der Historiker. Es müssen auch noch kleine Reparaturen durchgeführt werden.

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