Buchhändlerin schreibt über ihre WG mit der dementen Oma Martha

»Mein Leben mit Martha«: Martina Bergmann kümmert sich um Martha. Martha ist Mitte 80 und beide sind gleichermaßen unkonventionell. In einem Roman erzählt die Buchhändlerin und Autorin von ihrer WG

Nicole Donath

Buchautorin: Martina Bergmann hat jetzt einen Roman über ihr Leben mit der Oma geschrieben. Die beiden haben eine WG zusammen und die 39-Jährige erzählt, wie sich die beiden unkonventionellen Frauen aufeinander eingelassen haben. - © Nicole Donath
Buchautorin: Martina Bergmann hat jetzt einen Roman über ihr Leben mit der Oma geschrieben. Die beiden haben eine WG zusammen und die 39-Jährige erzählt, wie sich die beiden unkonventionellen Frauen aufeinander eingelassen haben. (© Nicole Donath)

Halle/Borgholzhausen. Manchmal kommt es vor, dass Martha tagsüber in der Buchhandlung anruft. So wie neulich, als der Physiotherapeut zu ihnen nach Hause gekommen war, um sie zu massieren – wie jede Woche übrigens. „Martina, hier ist ein Mann! Und der sagt, ich soll mich ausziehen – aber er will sich nicht ausziehen ... Wo gibt’s denn so was?", regte sie sich am Telefon auf. Martina Bergmann erzählt diese Begebenheit mit einem leisen Lächeln. Dann sagt sie: „Da antworten Sie mal, während der Laden voller Kunden ist. Die allesamt zuhören. Und sich so ihre Gedanken machen, was man da gerade am Telefon erzählt." Die Buchhändlerin, Verlegerin und Autorin schaut für einen Augenblick aus dem Schaufenster nach draußen auf die Straße, sieht die Menschen, die vorbeigehen, und schüttelt etwas den Kopf. „Schon krass ..."

„Wie schön, endlich mal wieder schreiben"

Es war im Frühsommer vergangenen Jahres, als Martina Bergmann die Anfrage bekam, ob sie ein Buch schreiben wolle. Einen richtigen Roman. „Wie schön", habe sie gedacht, „endlich mal wieder schreiben!" Und die 39-Jährige sagte direkt zu, das war gar keine Frage für sie. Erst danach sei die Entscheidung gefallen, was denn wohl das Thema sein könnte. „Bücher schreiben kann ich ja", sagt Martina Bergmann. „Und dann habe ich mir überlegt, ein positives Buch über die Oma zu schreiben."

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Die Oma ist nicht ihre Oma, sondern Martha, mit der sie zusammen wohnt, nachdem Heinrich gestorben ist. Mit dem hatte Martha zuvor 40 Jahre zusammengelebt. Jetzt haben Martha und Martina eine WG. Das Haus, in dem sie leben, hat Martina geerbt und das finden nicht alle in Ordnung – sie steht mittlerweile drüber. Manchmal geht sie in ihrem Buch hier und da darauf ein. Im Wesentlichen schildert sie jedoch, wie es sich anfühlt, mit jemandem zusammenzuleben, der trotz seiner Einschränkung klug und so voller Humor und manchmal sogar ein wenig hellsichtig ist. Dass ein Heim nicht zwingend die beste Lösung sein muss, nur weil man an einer Demenzkrankheit leidet. Oder wie Heinrich sagte, sich „in einer poetischen Verfassung" befinde. Und irgendwie macht sie auch Werbung dafür, wie dieses Zusammenleben unbeschwert sein kann, wenn man sich nur drauf einlässt.

Bilder aus dem Kotten auf Instagram und Facebook

Den Fernseher haben die beiden Frauen verschenkt. Stattdessen hört Martha tagsüber Radio oder Kassetten, wenn ihre junge Mitbewohnerin bei der Arbeit ist. Oder sie guckt aus dem Fenster. „Die Oma guckt sehr gerne aus dem Fenster", sagt Martina Bergmann. „Morgens schläft sie zumeist lang." Die Betreuung am Tag werde durch einen Pflegedienst gewährleistet, abends essen die beiden zusammen.

Und diese Bilder aus dem Kotten, in dem die beiden wohnen, und die sie hier und da auf Instagram und Facebook postet, sind dann sehr idyllisch. Ein bisschen aus der Zeit gefallen und immer wieder lustig. Wie die Oma da so sitzt mit ihren knallbunten Gummistiefeln und die Beine baumeln lässt. Oder wie sie bei der Bundestagswahl ins Kreishaus kommt, mit ihren engen Jeans, langem schwarzen Pullover, türkisfarbenem Turban auf den weißen Haaren und rosa Turnschuhen, und sich unter Anzugträger und Damen in Business-Kostümen mischt. Als an jenem Abend die Hochrechnung kommt, raunt sie Martina zu, dass sie ja die Kommunisten gewählt habe. „Wie immer." Hat sie natürlich gar nicht, denn ihre junge Mitbewohnerin hat den Wahlschein, der Martha trotz deren Entmündigung versehentlich zugestellt wurde, in der Tasche.

"Mein Leben mit Martha" heißt das neue Buch von Martina Bergmann. - © Nicole Donath
"Mein Leben mit Martha" heißt das neue Buch von Martina Bergmann. (© Nicole Donath)

Gewinner des Abends ist die Partei mit dem hellblauen Logo. „Nazis", ruft Martha plötzlich laut in den Saal. „Nie wieder Nazis." Alle Augen auf Martha – die meisten irritiert, manche pikiert, andere pflichten ihr bei. „Aber wo sie recht hat ...", sagt Martina Bergmann und lacht.

„Die Oma will auch Autogramme geben"

Auch als die Verlegerin aus dem schicken München ins kleine Bergstädtchen gekommen war, um einmal persönlich über das Projekt zu sprechen, ist Martha, nun, sagen wir authentisch. Für einen Moment muss sich Julia Eisele dran gewöhnen, dass all das Schräge, was Martina Bergmann aufgeschrieben hat, tatsächlich Realität ist. „Das Positive in meinem Leben kommt in dem Buch tatsächlich genauso vor", sagt sie. „Alles andere ist verfremdet oder ich habe die Wahrheit verbastelt und Namen geändert."

Nachdem sie sich erst einmal auf den Sound ihres Buches eingegroovt habe, sei es sehr schnell gegangen. „Sechs Wochen", sagt Martina Bergmann. „In sechs Wochen war es fertig." Die Lektorin habe dann exzellent redigiert und etwa ein Drittel rausgenommen. Jetzt liege da ein Roman, der den Nerv treffe und die Beteiligten seien glücklich. Sogar die Oma, die sehr wohl mitbekommen hat, dass es da jetzt ein Buch gibt, in dem sie vorkommt. Also will sie auch Autogramme schreiben, wenn am Dienstag, 26. Februar, die Premierenlesung stattfindet. Beginn ist um 19 Uhr beim Lebensbaum am Künsebecker Bahnhof. Karten gibt es in der Buchhandlung Bunselmeyer in den Räumlichkeiten der Kreissparkasse Halle.

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