Nach Umzug in den Altkreis: 13-Jährige findet zunächst keine Schule

Kerstin Spieker

Lernen mit Freunden? Das ging für Julia zunächst nicht. Sie musste erst warten, bis sie wusste, auf welche Schule sie überhaupt gehen kann. - © Symbolfoto: Pixabay.com
Lernen mit Freunden? Das ging für Julia zunächst nicht. Sie musste erst warten, bis sie wusste, auf welche Schule sie überhaupt gehen kann. (© Symbolfoto: Pixabay.com)

Borgholzhausen . Seit Mittwoch vergangener Woche drücken in Nordrhein-Westfalen die Kinder und Jugendlichen wieder die Schulbank. Nicht so die 13-jährige Julia. Bis Donnerstag sitzt sie zu Hause und wartet. Darauf, dass ihre Mutter Bianca Hühnlein ihr endlich sagen kann, auf welche Schule sie denn nun eigentlich gehen soll. Freuen kann sich Julia über den Feriennachschlag nicht. Zu schwer lastet die Unsicherheit, wie es für das Mädchen weitergeht, auf der Familie.

Mitte Juli zogen die Hühnleins nach Borgholzhausen. Mutter Bianca siedelte mit den drei Kindern nach der Trennung vom Ehemann ins Bergstädtchen um, weil ihr Bruder dort lebt. „Wir hatten ihn mehrfach besucht in den vergangenen Jahren und die Gegend hier gefiel uns sehr", erzählt Bianca Hühnlein. Außerdem hatte der Bruder ihr Unterstützung zugesagt. Ein wichtiger Faktor, denn als nun alleinerziehende Mutter gestaltet sich das Leben nicht eben leichter. „Alle haben gesagt, das mit der Schule sei kein Problem, der Kindergarten könne schwierig werden", erinnert sich die gebürtige Bayerin. Es kam genau andersherum.

Schon in Bayern beginnt die Suche nach einer Schule

Die Osterferien nutzt Mutter Hühnlein, um den Umzug nach Borgholzhausen vorzubereiten. Eine bezahlbare Wohnung findet sie und sogar einen Kindergartenplatz für das jüngste Kind. Schon von Bayern aus beginnt Bianca Hühnlein mit der Suche nach einer Schule für die beiden älteren Kinder. Sohn Justin bekommt einen Platz an der Kreisgesamtschule. Er besucht dort die fünfte Klasse. Für Julia, die in Bayern eine Hauptschule besuchte, gestaltet sich die Suche schwierig. Hauptschulen gibt es am neuen Wohnort nicht mehr. Für Julia kommt daher nur die Jahrgangsstufe sieben einer Gesamt- oder Sekundarschule in Frage. Und da sind die Plätze, wie das HK berichtete, rar gesät. Die Absagen lassen folgerichtig nicht lange auf sich warten.

Als der dreifachen Mutter klar wird, dass die Schulsuche ergebnislos bleibt, wendet sie sich an die Bezirksregierung in Detmold. Die müsste im Zweifelsfall einen Platz für Julia beschaffen. „Das machen wir auch, aber der korrekte Papierweg muss in dem Verfahren eingehalten werden", machte Andreas Moseke, Pressesprecher der Bezirksregierung, deutlich. Es reiche eben nicht, wenn eine Mutter anrufe und die Informationen fernmündlich durchgebe. Das letzte Zeugnis müsse eingereicht werden, ebenso die Absagen der angefragten Schulen in schriftlicher Form. „Erst dann kann der Mitarbeiter aktiv werden und die Zuweisung eines Schülers veranlassen", erklärte Moseke .

„Mir wurde in den Schulen erklärt, dass die Bezirksregierung doch die Zahlen genau kenne und wisse, dass es keinen Platz gebe", sagt Bianca Hühnlein. Es dauert eine Weile, bis sie alle Unterlagen in Detmold vorgelegt hat. „Seitdem der Mitarbeiter die Papiere hat, bemüht er sich intensiv um einen Platz. Und wir sind sicher, dem Kind innerhalb der nächsten Tage einen Platz zuweisen zu können", sagt Andreas Moseke am Dienstag. Am Donnerstag meldet die Familie Hühnlein, dass Julia ein Platz an der Gesamtschule Halle zugewiesen wurde.

Bianca Hühnlein hofft, dass nach den schwierigen jetzt bessere Zeiten kommen. „Wenn alle meine Kinder versorgt sind und ihren Platz gefunden haben, dann kann ich mich endlich auch wieder ins Berufsleben stürzen", hofft sie. Als gelernte Fleischerin dürften ihr im Kreis Gütersloh viele Türen offen stehen.

Kommentar: Völlig unzumutbar

Ein Fall, in dem Eltern in Sorge geraten und sich zu Wort melden – okay, das kommt vor. In diesem Jahr allerdings ist es doch eine Reihe von Eltern, deren Nerven am Ende der Ferien blank liegen. Das macht stutzig. Sitzenbleiber, Schulwechsler, Zugezogene – die Hintergründe, warum die Jugendlichen einen Platz an einer anderen weiterführenden Schule brauchen, sind vielfältig.

Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie Plätze brauchen, die im Grund gar nicht existent sind. Erst wenn der ein oder andere Nachprüfling am Ferienende durchgefallen ist, gibt es Luft in den Reihen und neue Schüler können nachrücken. Erst wenn der Bezirksregierung die schriftlichen Absagen von angefragten Schulen vorliegen, kann sie aktiv werden und eine Zuweisung auch gegen den Willen einer Schule auf den Weg bringen.

Rechtlich ist das alles ohne Zweifel korrekt. Für betroffene Kinder und Eltern aber ist es eine krisenhafte Situation, in der sie sich völlig allein gelassen fühlen. Detmold ist weit, wenn man im Kreis Gütersloh wohnt. Und wenn dort am Telefon ein Mitarbeiter besorgten Eltern mehr oder weniger verständlich erklärt, warum ihr Kind noch immer keinen Platz hat und dass sie Geduld haben müssen, dann sind Eltern dadurch nicht beruhigt.

Für die meisten Heranwachsenden ist eine solche Verunsicherung ohnehin völlig unzumutbar. Schulplanung muss deshalb dringend sich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen angepasst werden. Politik und Verwaltung müssen sich um die jungen Menschen kümmern, und das meint nicht ihre rein rechnerische Versorgung mit einem Schulplatz auf den allerletzten Drücker.

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