BorgholzhausenHintergründe zum Vorfall in Flüchtlingsunterkunft in Borgholzhausen

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Hinweise auf die vergangene Nacht: Einige Polizeiwagen, die vor der Piumer Flüchtlingsunterkunft parken, künden noch von den dramatischen Ereignissen an der Sundernstraße. - © Max Maschmann
Hinweise auf die vergangene Nacht: Einige Polizeiwagen, die vor der Piumer Flüchtlingsunterkunft parken, künden noch von den dramatischen Ereignissen an der Sundernstraße. © Max Maschmann

Borgholzhausen. Ein aserbaidschanisches Ehepaar widersetzt sich seiner Abschiebung und verschanzt sich mit zwei Opfern und einer Waffe in der Wohnung. Ein SEK rückt an, der Einsatz endet unblutig. Das HK hat Hintergründe zur Geiselnahme recherchiert.

Die Familie

Für die vierköpfige Familie aus Aserbaidschan ist es nicht der erste Aufenthalt in Borgholzhausen. Schon 2004 war sie in Deutschland eingereist – damals noch unter falschem Namen. Nachdem ihr Asylantrag rechtskräftig als offensichtlich unbegründet abgelehnt worden war, hatte sie das Land 2011 als Reaktion auf die eingeleitete Abschiebung verlassen.

Besonders für die Töchter des Ehepaares dürfte das ein schwerer Schritt gewesen sein, da sie sich in Deutschland eingelebt hatten. Die ältere der beiden, heute in Bielefeld wohnhaft, setzte sich in hohem Maße für ihre Mitmenschen ein, war an der Haller Hauptschule Schülersprecherin und Streitschlichterin, gab den jüngeren Kindern Nachhilfe und wurde 2010 sogar mit dem Sozial-Award der Volksbank für besonderes soziales Engagement ausgezeichnet. Eine unauffällige, umgängliche Familie, urteilen frühere Wegbegleiter. Tatsächlich aber sind die Eltern nach HK-Informationen polizeibekannt – vor allem wegen Diebstahls.

2012 kehrte die ältere der beiden Töchter nach Deutschland zurück und machte damit ihr Versprechen wahr, das sie bei ihrem Abschied ein Jahr zuvor gegeben hatte: „Ich komme wieder." Aufgrund der qualifizierten Beschäftigung beantragte sie ein Visum und erhielt den Aufenthaltstitel. In Begleitung der jüngsten Tochter reiste das Paar 2013 erneut unerlaubt aus Aserbaidschan ein. Währen die Asylanträge der Eltern erfolglos blieben und die Ausreisepflicht rechtskräftig wurde, erhielt auch die jüngere Tochter aufgrund von Sonderregelungen des Ausländergesetzes und einer erfolgreichen Integration die Erlaubnis zu bleiben.

Die Flüchtlingsunterkunft

Bis in die späten 1980er-Jahre hatten niederländische Soldaten ein Zuhause in der früheren Nato-Kaserne. Als sie gingen, erwarb die Stadt den Komplex, der damals noch aus drei Teilen bestand. Zwei sind inzwischen abgerissen worden, um Platz zu schaffen für ein Wohngebiet. Das dritte Gebäude steht noch immer und dient der Stadt auch weiterhin zur Unterbringung von Flüchtlingen und Asylbewerbern.

Als in den 1990er-Jahren die Russlanddeutschen nach Borgholzhausen kamen, hatten sie ihr erstes Zuhause in der Lebkuchenstadt an der Sundernstraße. Inzwischen hat sich die kulturelle Vielfalt in dem dreigeschossigen Gebäude – sicher auch bedingt durch die starke Zuwanderung in 2015 – weiter ausdifferenziert. „Wir bringen dort neben Syrern, Irakern oder Russen auch Chinesen unter", sagt Bürgermeister Dirk Speckmann.

Rund 30 Personen leben derzeit in der Unterkunft an der Sundernstraße. „Wir sind aktuell in einer relativ entspannten Lage", sagt Speckmann mit Blick auf die gegenwärtige Auslastung des Gebäudes. Wenn es nötig sei, könnte man dort in Spitzenzeiten auch bis zu 70 Personen unterbringen, sagt der Borgholzhausener Bürgermeister. Dass dort wie im Fall der betroffenen Aserbaidschaner eine Familie einquartiert ist, sei aber eher unüblich Hauptsächlich leben dort Alleinstehende. Insgesamt stehen den Bewohnern in dem Gebäude zwölf Doppelzimmer zur Verfügung. Jedes Zimmer verfügt etwa über 20 Quadratmeter.

Das sagen der Kreis Gütersloh und die Stadt Borgholzhausen

„Wir werden die Abschiebung konsequent weiterverfolgen. Es wäre ein fatales Signal, wenn der gewaltsame Widerstand daran etwas ändern würde", sagt Landrat Sven-Georg Adenauer nach der turbulenten Nacht in der Borgholzhausener Flüchtlingsunterkunft.

Auch Piums Bürgermeister Dirk Speckmann verurteilt das Vorgehen der Aserbaidschaner. „Was mich betroffen macht, ist das vorhandene Gewaltpotenzial – auch wenn die Betroffenen unter Stress standen und offenbar in einer Kurzschlussreaktion gehandelt haben", sagt der Bürgermeister.

Dass das Ausländeramt mit mit fünf Personen ausgerückt sei, empfindet er in einem solchen Fall als „konsequent". Gleichwohl müsse man sich offenbar grundsätzlich Gedanken machen, ob es bei Leuten, die derart massiven Widerstand gegen die Abschiebung leisteten, noch weiterer Kräfte bedürfe.

Wie es dazu kam, dass einer der Beteiligten die Waffe des Polizisten entwenden und damit in der Wohnung um sich schießen konnte, müsse nun in aller Ruhe aufgearbeitet werden, sagte Speckmann. „Es war ein unglücklicher Umstand, der sich hoffentlich nicht wiederholen wird", so der Bürgermeister, der in erster Linie froh ist, dass die Polizisten und Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes und der Ausländerbehörde unversehrt sind.

Generell, so betonte Speckmann, handele es sich bei der Unterkunft an der Sundernstraße nicht um einen sozialen Brennpunkt, was seine Einschätzung eines dramatischen Einzelfalles bestätigen würde.

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