Schlägerei auf dem Kartoffelmarkt: Angeklagte müssen Geldauflage zahlen

Anke Schneider

Symbolfoto - © Foto: Sebastian Duda - Fotolia
Symbolfoto (© Foto: Sebastian Duda - Fotolia)

Borgholzhausen/Bielefeld. Den drei jungen Männern aus Syrien und dem Irak wurde vorgeworfen, bei einer Auseinandersetzung im Umfeld des Kartoffelmarkts im vergangenen September brutal zugeschlagen und getreten zu haben. Ein 20-jähriger Iraker soll einem Unbeteiligten einen Schlagstock ins Gesicht geschlagen haben, sein 20-jähriger Freund aus Syrien soll einem Helfer einen Bierkrug auf den Kopf geschlagen und ihm das Knie ins Gesicht gestoßen haben. Der Dritte, ein 21-jähriger Syrer, soll einem Sicherheitsmann in die Kniekehlen getreten haben, so dass dieser zu Boden ging. Danach soll der Iraker den am Boden Liegenden gegen den Kopf getreten haben.

Ausgegangen war die Schlägerei offenbar von zwei jungen Männern aus Halle und Borgholzhausen. Die beiden hatten die Gruppe Asylbewerber gesehen und fühlten sich „dumm angemacht", sagte einer der beiden. „Sie haben gelacht", fügte er hinzu, musste aber auf Nachfrage des Gerichts zugeben, dass er nicht sicher sei, dass das Lachen ihnen gegolten habe. Der Satz „Geht dahin, wo ihr hergekommen seid" an die Adresse der Asylbewerber hatte die Schlägerei dann offenbar ausgelöst.

Was genau passiert ist, konnten die beiden Männer aus Borgholzhausen und Halle nicht sagen. Etwa zwei Liter Bier und eine halbe Flasche Weinbrand hätten sie an diesem Abend jeweils getrunken gehabt, sagten sie. Beide sagten aber aus, irgendwann am Boden gelegen zu haben. Ob dort auf sie eingetreten wurde, wie andere Zeugen es berichteten, daran konnten sie sich nicht erinnern. Verletzungen hätten sie – bis auf eine Prellung an der Hand – jedenfalls keine gehabt.

Eine Reihe von unbeteiligten Zeugen, die den beiden 25- und 27-jährigen vermeintlichen Opfern zu Hilfe eilen wollten, schilderten den Vorgang genauer. Sie hatten ausnahmslos zunächst das Geräusch eines Elektroschockers gehört, und einige hatten auch einen Lichtbogen gesehen. Danach, so eine 30-jährige Frau aus Borgholzhausen, habe sie einen Mann am Boden liegen sehen, der von mehreren Männern mit Tritten malträtiert worden sei. Sie und ihre Begleiter seien zu dem Opfer hingelaufen, um zu helfen.

Unvermittelt habe dann einer der Asylbewerber ihren Freund angegriffen und ihm den Bierkrug auf den Kopf gehauen. Danach habe er ihm das Knie in die Augenhöhle gerammt. Die Frau identifizierte den 20-jährigen Syrer eindeutig als Täter.

Ein anderer Zeuge, der ebenfalls zu Hilfe geeilt war, wurde von einem Schlagstock im Gesicht getroffen. Der Stock habe eine stark blutende Wunde auf der Nase hinterlassen, gab der 34-jährige Zeuge an. Er machte den 20-jährigen Iraker als Täter aus. Der dritte Geschädigte, der in die Knie getreten und am Boden liegend weiter getreten worden sein soll, blieb der Verhandlung unentschuldigt fern.

Die Kammer des Jugendschöffengerichtes maß den Aussagen der beiden Männer aus Halle und Borgholzhausen kaum Gewicht zu. Denn sämtliche unbeteiligte Zeugen hatten übereinstimmend von einem Elektroschocker erzählt. Die beiden Männer, die ihn laut Aussage der Angeklagten eingesetzt haben sollen, wollten aber keinen gehabt und auch keinen gesehen haben. „Sie waren doch ganz nah dran", sagte die Richterin und fragte, wo der Elektroschocker sonst hergekommen sein soll. „So etwas wächst in Borgholzhausen offenbar auf den Bäumen", beantwortete sie ihre eigene Frage mit deutlicher Ironie.

Jugendgerichtshilfe zeichnet positives Bild von den Angeklagten

Das Gericht befragte sodann zwei Polizeibeamten, ob sie bei der Durchsuchung der Angeklagten Waffen wie Elektroschocker oder Schlagstöcke gefunden hätten. Das verneinten die Beamten, gaben aber an, an diesem Abend an anderer Stelle des Kartoffelmarktes eine weitere Gruppe junger Leute durchsucht zu haben, die Waffen wie Gaspistolen, Schlagstöcke und Eisenringe bei sich trugen. „Es ist eine Art Bürgerwehr, die Frauen in Borgholzhausen vor islamischen Horden beschützen will", erklärte der Beamte die Gesinnung dieser Gruppe. Sie hätten aber mit der Schlägerei mit den Asylbewerbern nichts zu tun gehabt.

Das Gericht sah den Schlag mit dem Bierglas, den Stoß mit dem Knie, den Schlag mit dem Schlagstock und den Tritt in die Kniekehlen vor allem aufgrund der Aussagen der unbeteiligten Zeugen als erwiesen an. Weil alle drei Angeklagten nicht vorbestraft sind, die Jugendgerichtshilfe ein positives Bild von ihnen zeichnete und sie sich zu den Hauptvorwürfen geständig eingelassen hatten, wurde das Verfahren gegen eine Auflage zunächst eingestellt.

Der Iraker muss 1200 Euro an den von ihm Geschädigten zahlen, die beiden Syrer 250 und 300 Euro an ihre Opfer, die zum Teil durch Sozialstunden über den Täter-Opfer-Ausgleichsfonds finanziert werden.

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