Stolpersteine, die bewegen

Aktion erinnert an jüdische Opfer des Nazi-Regimes in Borgholzhausen.

Anke Schneider

Denkwürdiger Moment: Gunter Demnig verlegte die Stolpersteine vor den drei Häusern in Pium. Fotos: Anke Schneider - © Foto: Anke Schneider
Denkwürdiger Moment: Gunter Demnig verlegte die Stolpersteine vor den drei Häusern in Pium. Fotos: Anke Schneider (© Foto: Anke Schneider)

Borgholzhausen. Lange hat es gebraucht, aber nun sind sie da. Elf Stolpersteine liegen nun vor dem Haus Kaiserstraße 25, an der Mittelstraße 1 und an der Kaiserstraße 2. Sie erinnern an die Familien Hesse und Weinberg, die in unterschiedlichen Konzentrationslagern ermordet wurden, sowie an das Liebespaar Wilhelmine Kairis und Talma Zdzislaw, das wegen »Rassenschande« ins Gefängnis kam. Zdzislaw wurde 1942 in der Clever Schlucht öffentlich erhängt.

Jugendliches Engagement: Sebastian Fischer sprach über die Motivation der Projektgruppe, sich für die Stolpersteine einzusetzen. - © Foto: Anke Schneider
Jugendliches Engagement: Sebastian Fischer sprach über die Motivation der Projektgruppe, sich für die Stolpersteine einzusetzen. (© Foto: Anke Schneider)

Der Künstler Gunter Demnig legte die Stolpersteine selbst. „Ich freue mich über jeden neuen Ort, der dazukommt“, sagte er nach der Verlegung auf dem Kirchplatz. 60 000 Steine seien in inzwischen 21 Ländern bisher verlegt worden. „Riga und Lettland seien neu hinzugekommen, nächstes Jahr werden die ersten Steine in Mazedonien verlegt. „Die Nazis haben eben weltweit ihr Unwesen getrieben.“

Die meisten Stolpersteine hat Demnig selbst verlegt. Routine sei das trotzdem nicht geworden. Es gehe immer wieder um besondere Schicksale. Demnig berichtete von berührenden Momenten mit Angehörigen, die immer öfter zu Stolpersteinverlegungen kämen. Schön zu sehen sei auch, wie immer wieder Jugendliche die Initiatoren seien. „Wenn sie sich mit einzelnen Schicksalen auseinandersetzen, ist das etwas anderes, als in Geschichtsbüchern darüber zu lesen.“

Und warum der Name »Stolpersteine«? „Man stolpert nicht im eigentlichen Sinne mit den Füßen, aber mit dem Kopf und dem Herzen“, sagte der Künstler. Was ihm besonders gut gefalle sei, dass die Menschen, wenn sie die Inschrift auf den Steinen lesen wollen, anders als bei Wandtafeln eine Verbeugung vor dem Opfer machen müssen.

Ein schwerer Moment: Pamela Earnshaw (rechts) und ihre Freundin Allison Tingle bei der Stolpersteinverlegung am ehemaligen Haus ihrer Großeltern in der Mittelstraße. Links neben ihnen steht Eva-Maria Eggert. - © Foto: Anke Schneider
Ein schwerer Moment: Pamela Earnshaw (rechts) und ihre Freundin Allison Tingle bei der Stolpersteinverlegung am ehemaligen Haus ihrer Großeltern in der Mittelstraße. Links neben ihnen steht Eva-Maria Eggert. (© Foto: Anke Schneider)

Einen der berührenden Momente, von denen Gunter Demnig gesprochen hatte, konnten die rund 60 Anwesenden schließlich selbst erleben. Unter Tränen berichtete Pamela Earnshaw, die aus England gekommen war, über das Schicksal ihrer Familie. Sie ist die Tochter von Robert Weinberg, der mit seiner Schwester und seinen Eltern in der Mittelstraße lebte. Sie war mit ihrer Freundin Allison Tingle angereist, um dem schweren, aber auch schönen Moment in Borgholzhausen beizuwohnen.

Nach der Verlegung versammelten sich alle auf dem Kirchplatz, wo sich die Tochter von Robert Weinberg ins Goldene Buch der Stadt eintrug. „Heute ist ein großer, ja historischer Tag“, begrüßte Hermann Ludewig die Anwesenden. Er berichtete davon, mit welcher Überzeugung der Rat der Idee der Stolpersteinlegung zugestimmt hatte. Und dass gleichzeitig und zufällig beschlossen worden war, den neuen Straßen im Baugebiet Enkefeld die Namen jüdischer Familien zu geben. „Beide Aktionen haben das gleiche Ziel – nämlich die Spurensuche einer Stadt nach ihren jüdischen Mitbürgern sichtbar zu machen“, sagte er.

Pastorin Silvia Schultz tat einen Blick zurück auf die Rolle der Kirchen im Holocaust. „Die evangelischen Christen tragen eine Mitschuld daran, ein Bild des Juden als alleinigen Feind entstehen zu lassen“, sagte sie. Seit der verheerenden Vernichtung von insgesamt elf Millionen Menschen haben sich die Kirchen viele Gedanken gemacht. „Jesus war Jude – das sollten wir nicht vergessen“, sagte sie. Die Stolpersteine halten die Erinnerung an die Schuld wach und mahnen zu Achtsamkeit jedem Menschen gegenüber. „Unser Glaube an Gott ist der Gemeinschaft verpflichtet“, so die Pastorin. „Vor allem der Gemeinschaft mit denjenigen, die die Schwachen sind.“

Sebastian Fischer aus der Projektgruppe der Gesamtschule berichtete nochmals über die Entstehung der Idee, auch in Borgholzhausen Stolpersteine zu verlegen. Die Verfolgten seien zu Nummern degradiert worden, sagte er. Mit der Inschrift auf den Steinen erhielten sie ihren Namen und damit auch ein Stück Würde zurück.

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