Comic-Pionier aus Pium

Klaus Oetzmann plant seine Nachfolge

Andreas Großpietsch

Gut gelebt von bunten Bildern: Jetzt will Klaus Ötzmann in den Ruhestand. Der Borgholzhausener mit Faible fürs Landleben betreibt in Bielefeld einen der ältesten Comicläden Deutschlands. - © Foto: Andreas Großpietsch
Gut gelebt von bunten Bildern: Jetzt will Klaus Ötzmann in den Ruhestand. Der Borgholzhausener mit Faible fürs Landleben betreibt in Bielefeld einen der ältesten Comicläden Deutschlands. (© Foto: Andreas Großpietsch)

Borgholzhausen/Bielefeld. „Als Kind habe ich Comics verschlungen – Akim, Sigurd und wie sie alle hießen. Und ich habe sie auch gesammelt. Als Jugendlicher hab ich mich mehr auf Science Fiction und Fantasy gestürzt, und irgendwann waren die Hefte weg“, schildert Klaus Oetzmann die Anfänge seiner beruflichen Laufbahn. Denn die Liebe zu den alten Heften erwachte bei ihm bereits in jungen Erwachsenenjahren wieder und nach erfolgreichem Start im Nebenberuf wurde daraus eine Selbstständigkeit, die ihn bis heute gut durchs Leben bringt.

Jetzt allerdings soll damit bald Schluss sein. „Als ich 60 wurde, wollte ich schon aufhören. Aber die Kunden haben mich bekniet, weiterzumachen", erzählt der inzwischen 65-Jährige. Aus dem Dilemma fand er einen bis heute tragfähigen Kompromiss: Sein Laden an der Bielefelder Mühlenstraße hat jetzt nur noch donnerstags und freitags von 16 bis 18.30 Uhr sowie samstags von 11 bis 13.30 Uhr geöffnet. „Das hat dem Umsatz aber nicht geschadet", sagt Oetzmann.

Das Inventar umfasst 100 000 Comics, Taschenbücher und Heftromane

Denn er lebt nicht davon, dass Käufer zufällig in sein Geschäft kommen, sondern kann auf eine große Schar treuer Stammkunden bauen, die auch mit seinen reduzierten Öffnungszeiten gut zurecht kommen. Trotzdem sucht der Ostbarthausener jetzt einen Nachfolger. „Der müsste allerdings sicher mehr Stunden als ich im Geschäft sein", sagt Oetzmann.

Denn sein geräumiger Laden beherbergt in den bis zur hohen Decke reichenden Regalen einen Schatz: Auf rund 100 000 Druckwerke – Taschenbücher, Comics und auch Heftchenromane – schätzt Oetzmann seinen Lagerbestand. „Um dafür Käufer zu finden, muss man ins Internet gehen. Das wollte ich mir aber nicht mehr antun", sagt der Kaufmann.

Die Bestände stammen meist noch aus den ersten Jahrzenten seiner Selbstständigkeit. Damals war An- und Verkauf das Gebot der Stunde. „Ich habe einen großen Teil meiner Ware auf Flohmärkten gekauft und dann in meinem Laden angeboten", erinnert sich Oetzmann an diese Zeit. Das Geschäft lief teilweise so gut, dass die Nachfrage das Angebot überstieg. Doch die Zeiten haben sich geändert. Wer alte Hefte sammelt, sucht im Internet, auf Messen oder bei Auktionen.

Die Comicsammler von heute wollen vor allem Neuware. „Die Zahl der Titel steigt immer weiter. Comics sind ein Zukunftsgeschäft", ist er überzeugt. Dieser Trend begann um die Jahrtausendwende und hat sich bis heute immer weiter gesteigert. Aus den winzigen Heftchen aus billigem Papier, die es für einen Groschen (zehn Pfennige) zu kaufen gab, sind aufwendige Hochglanzdruckwerke geworden, deren Preis meist deutlich über zehn Euro liegt.

Comics haben Zukunft: Das beweist schon die seit Jahren steig ansteigende Zahl von Neuveröffentlichungen - und die vollen regale in der Mühlenstraße zeigen es. - © Foto: Andreas Großpietsch
Comics haben Zukunft: Das beweist schon die seit Jahren steig ansteigende Zahl von Neuveröffentlichungen - und die vollen regale in der Mühlenstraße zeigen es. (© Foto: Andreas Großpietsch)


Über konkrete Zahlen spricht Klaus Oetzmann nicht. „Aber ich hätte es nicht 36 Jahre gemacht, wenn es sich nicht gelohnt hätte", meint er vielsagend. Sein Comicladen ist der traditionsreichste in Bielefeld und er kann auch darauf verweisen, einer der ältesten in Deutschland zu sein. Und der Inhaber würde sich freuen, wenn diese Tradition fortgesetzt würde.

Wobei es gerade der Bruch mit Traditionen ist, der die Comic-Szene bis heute lebendig sein lässt. Wer in der Kindheit mit Disneys lustigen Taschenbüchern mit dem Lesen von Comics aufgehört hat, wird bei den heutigen Heften erst einmal einige Zeit zur Orientierung brauchen. Längst ist aus dem früheren Kindervergnügen eine Genre geworden, das Erwachsene anspricht.

Viele Geschichten sind zu drastisch, um sie in Kinderhände zu legen. „Und die immer stärker in Mode kommenden Graphic Novels sind meist auch inhaltlich zu komplex für ein jüngeres Publikum", sagt Klaus Oetzmann, der die Entwicklung schon aus beruflichem Interesse verfolgt.

Eins hat sich aber nicht geändert: Ihren antiquarischen Wert behalten die Hefte nur, wenn sie im Top-Zustand sind. Seltene Ausgaben werden von manchen Sammlern gar nicht mehr gelesen, sondern sofort sorgsam verpackt. „Manche kaufen sich dann sogar ein einfaches Exemplar zum Lesen dazu", sagt der Fachmann.

Im Ruhestand wird er sich weniger mit den bunten Heften beschäftigen, das ist schon klar. Sein Geschäft betrieb er immer in der Großstadt, doch privat wohnt er viel lieber auf dem Land. Genauer gesagt, mit Frau und zwei Hunden in einem Haus mit großem Garten – einer Leidenschaft, für die nie genug Zeit da ist.

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