BorgholzhausenMinister bei der Nagel-Group

Gespräch über Arbeitskräftemangel

Marc Uthmann

Hier schlägt das Herz von Nagel: „7330 Sendungen werden in Borgholzhausen täglich abgewickelt", berichtete Wilfried Schnieder, Niederlassungsleiter im Interkom. ?Foto: Nagel-Group, www.andrezelck.com - © Nagel-Group, www.andrezelck.com
Hier schlägt das Herz von Nagel: „7330 Sendungen werden in Borgholzhausen täglich abgewickelt", berichtete Wilfried Schnieder, Niederlassungsleiter im Interkom. ?Foto: Nagel-Group, www.andrezelck.com © Nagel-Group, www.andrezelck.com

Borgholzhausen. Dass er auch mitten im Terminstress und nach einer Präsentation schlagfertig ist, bewies Rainer Schmeltzer im Nagel-Konferenzraum: „Man kann auch mit einem Realschulabschluss Arbeitsminister werden", sagte er in Richtung einer Auszubildenden, die den gleichen Abschluss vorzuweisen hat. „Wenn man in der richtigen Partei ist", warf Piums stellvertretender Bürgermeister Hermann Ludewig – bekanntlich FDP-Mann – ein. „Bin ich ja", konterte Schmeltzer trocken.

Fachgespräch beim Logistikriesen: Borgholzhausens Bürgermeister Dirk Speckmann, der SPD-Landtagsabgeordnete Georg Fortmeier, Nagel-Gesellschafterin Marion Nagel, der Betriebsratsvorsitzende Markus Tecklenborg, Hermann Ludewig (stellvertretender Bürgermeister), NRW-Arbeitsminister Rainer Schmeltzer, der SPD-Ortsvereinsvorsitzende Harald Meierarnd, Stefan Garbeis (stellvertretender Niederlassungsleister), Rolf Syassen (SPD-Fraktionsvorsitzender), Nagel-Geschäftsführer Bernhard Heinrich und Niederlassungsleiter Winfried Schnieder (von links) tauschten sich am imposanten Logistik-Sitz der Nagel Group im interkommunalen Gewerbegebiet vor allem über Perspektiven in der Beschäftigung aus. - © Foto: Marc Uthmann
Fachgespräch beim Logistikriesen: Borgholzhausens Bürgermeister Dirk Speckmann, der SPD-Landtagsabgeordnete Georg Fortmeier, Nagel-Gesellschafterin Marion Nagel, der Betriebsratsvorsitzende Markus Tecklenborg, Hermann Ludewig (stellvertretender Bürgermeister), NRW-Arbeitsminister Rainer Schmeltzer, der SPD-Ortsvereinsvorsitzende Harald Meierarnd, Stefan Garbeis (stellvertretender Niederlassungsleister), Rolf Syassen (SPD-Fraktionsvorsitzender), Nagel-Geschäftsführer Bernhard Heinrich und Niederlassungsleiter Winfried Schnieder (von links) tauschten sich am imposanten Logistik-Sitz der Nagel Group im interkommunalen Gewerbegebiet vor allem über Perspektiven in der Beschäftigung aus. (© Foto: Marc Uthmann)

Der NRW-Arbeitsminister ist SPD-Mann. Die Genossen aus Borgholzhausen hatten ihn und den heimischen Landtagsabgeordneten Georg Fortmeier eingeladen, den wichtigsten Arbeitgeber der Stadt mit 1000 Arbeitsplätzen im Interkommunalen Gewerbegebiet (Interkom) zu besuchen. „Ich begrüße Sie in unserem Bergstädtchen", sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende Rolf Syassen, und der Stolz auf das Gipfeltreffen zwischen Wirtschaft und Politik war ihm anzuhören.

Zu Recht, denn abseits der üblichen Freundlichkeitsfloskeln kamen bei diesem Treffen Themen auf den Tisch, die zugleich die Stadt Borgholzhausen, die Nagel-Group und das Ministerium in Düsseldorf bewegen. Da wäre die Stadt Borgholzhausen: „Wir haben seit 2009 Eigenkapital in Höhe von 4,6 Millionen Euro verzehrt. Allein 2016 werden noch einmal 2,5 Millionen Euro hinzukommen." Bürgermeister Dirk Speckmann sprach die Probleme offen an. Die Stadt ist auf Wachstum angewiesen, auf ein erfolgreiches Interkom, auf frische Arbeitskräfte.

Info
Der Konzern in Zahlen

- 1935 wurde die Spedition Gebrüder Nagel in Versmold von Kurt und Rudolf Nagel gegründet. Seit 1952 führte Kurt Nagel den Betrieb allein.
- Mit dem Einstieg in den niederländischen Markt 1987 startete Kurt Nagel, Sohn des Gründers, die europäische Expansion. Auch nach seinem plötzlichen Tod 2008 wuchs das Unternehmen weiter.
- Heute zeichnen Bernhard Heinrich als Vorsitzender der Geschäftsführung, Frank Böschemeier (Finanzen) und Björn Schniederkötter (Organisation) verantwortlich.
- Gesellschafter sind Marion Nagel, ihr Sohn Tobias und Tochter Beatrice
- Die Nagel-Group hat 11 000 Mitarbeiter, davon 600 Auszubildende
- Zuletzt erwirtschaftete der Lebensmittellogistiker einen Jahresumsatz von 1,7 Milliarden Euro. „Genehmigen die Kartellbehörden unsere Übernahme des Logistikers Transthermos, werden wir bei zwei Milliarden Umsatz liegen", sagt Bernhard Heinrich.
- Die Spedition besitzt einen Fuhrpark mit 6000 eigenen Einheiten, davon 1500 Zugmaschinen und 4500 Auflieger.

Die hätte auch Nagel gern, nicht zuletzt, weil der Logistikriese bis 2017 ein neues Konfektionierungszentrum mit bis zu 10 000 Quadratmetern Fläche plant. Doch Wilfried Schnieder, Niederlassungsleiter in Borgholzhausen, schlägt Alarm: „Wir können die von uns geplanten Ausbildungsplätze derzeit nicht besetzen." Auch Minister Rainer Schmeltzer hat nach eigenem Bekunden festgestellt, dass in OWL viele Ausbildungsplätze unbesetzt seien: „Wir müssen weg von dem Akademisierungswahn. 20 bis 30 Prozent Abbrecherquote im Studium gibt es derzeit – dabei müsste vielmehr gelten: Meister gleich Master." Es dürfe keine Schande sein, mit dem Abitur eine handwerkliche Ausbildung zu machen. „Da müssen wir auch in dieser Region mehr tun."

Ein Baustein könnte die schnellere Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt sein. „Wir haben 4,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in NRW – das können wir", bekräftigte Schmeltzer. „Auch wir gehen da unseren Weg", betonte Nagel-Group-Geschäftsführer Bernhard Heinrich. Man sei sehr daran interessiert, Flüchtlinge schneller zu qualifizieren und im Unternehmen als Nachwuchs zu fördern. „Wenn es dann etwa um Sprachkurse geht, würden wir uns da natürlich auch finanziell beteiligen", so Heinrich.

Gemeinsame Projekte sollen nun in der Region auf den Weg gebracht werden, darauf verständigten sich Minister, Manager und Bürgermeister zum Abschluss des kleinen Gipfels, der mit einer Besichtigung des Logistikzentrums endete. Und das war mehr, als man gewöhnlich bei einem eng getakteten Ministerbesuch erwarten kann.