Borgholzhausen„Stadt wollte Raketen auf dem Sundern“

Justus Graf Kerssenbrock-Praschma redet Klartext

Andreas Großpietsch

Dicke Aktenenordner: Justus Graf von Kerssenbrock-Praschma im Lesesaal des historischen Renteigebäudes. Neben vielen anderen Papieren findet sich dort auch sehr viel Material über die ehemalige Nato-Raketenstation in Borgholzhausen. - © Foto: Andreas Großpietsch
Dicke Aktenenordner: Justus Graf von Kerssenbrock-Praschma im Lesesaal des historischen Renteigebäudes. Neben vielen anderen Papieren findet sich dort auch sehr viel Material über die ehemalige Nato-Raketenstation in Borgholzhausen. © Foto: Andreas Großpietsch

Borgholzhausen. Die Raketenstellung auf dem Sundernberg ist heute längst Geschichte, die Reste sind weitgehend hinter einem Wald verschwunden, wie er zuvor dort gewachsen war. Viele Zeitzeugen, die aus der Zeit Ende der 50er-Jahre berichten könnten, sind schon lange verstorben. Und ob sich in den Akten ein eindeutiger Beweis finden lässt, ist noch offen. Doch was angesichts der möglichen Gefahren aus heutiger Sicht fast unglaublich erscheint, macht aus der Zeit heraus, in der die Entscheidung für die Raketenstellung auf dem Sundernberg fiel, durchaus Sinn.

Schon früh hatten sich die Verantwortlichen bei der Bundeswehr und bei der Nato auf den Hollandskopf als passenden Standort für die Radar- und Feuerleitstellung festgelegt. In Borgholzhausen entstand nur eine von 54 Raketenstellungen, mit denen die bundesdeutsche Ostgrenze vor den eindringenden Flugzeugen des Warschauer Pakts geschützt werden sollte. Rund 30 Kilometer Abstand lagen zwischen den Stellungen. Der nächstgelegene ehemalige Raketenstandort ist Bad Essen.

Auch das bislang älteste Fundstück zum Thema aus den Archiven des Haller Kreisblatts zeigt, das am Anfang vor allem der Hollandskopf im Fokus der Militärplaner stand. Die Feuerleitstellung musste aus technischen Gründen so hoch wie möglich platziert werden. Von dort sollten die potenziellen Angreifer geortet und attackiert werden. Eine der Besonderheiten des Nike-Hercules-Systems war die Tatsache, dass die Raketen ferngesteuert ins Ziel gelenkt werden sollten. Das erhöhte einerseits die Genauigkeit und Zuverlässigkeit, ging aber auf Kosten der Abschussfrequenz. Einzelziele konnten so bekämpft werden, aber gegen große Bomberschwärme wie im Zweiten Weltkrieg hätten die Raketen nicht viel ausrichten können. Als Lösung im Kampf gegen große einfliegende Verbände gab es Atomsprengköpfe – auch in Borgholzhausen. Wobei auch die Karte der alten Militäreinrichtung darüber zumindest offiziell keinen Aufschluss gibt.

Doch oberhalb des in der offiziellen Legende als »Innere Wache« bezeichneten Bereichs, hinter dem sich in Wirklichkeit das separate Wachgebäude der kleinen Garnison amerikanischer Soldaten befand, gab es noch ein Bauwerk. Es taucht nicht einmal in den Karten auf, die Justus Graf Kerssenbrock beim Rückkauf des Geländes von der Bundesvermögensverwaltung ausgehändigt bekam.

„Es sind Betonringe von sechs Metern Durchmesser, die drei Meter tief in den Boden eingelassen sind“, sagt Kerssenbrock. Heute wird der ehemalige Bunker von einer Betonplatte verschlossen und kann nicht betreten werden. Auf der oben gezeigten Karte findet sich der mutmaßliche Standort oberhalb des amerikanischen Wachgebäudes. Nördlich davon steht in der Nähe des ehemaligen Zauns bis heute ein mächtiger Wachturm. Auf dem gesamten, knapp zehn Hektar großen Gebiet gab es vier davon. Sie sind alle in dem Doppelzaun platziert, der das Gelände nach Osten abschirmt.

Im Inneren dieses Zauns liefen Wachhunde herum, Außerdem war der Sundernberg zu dieser Zeit völlig kahl. Bei Dunkelheit wurde die gesamte Stellung ausgeleuchtet. Von außen waren nur die Spitzen der mehr als zehn Meter großen Raketen zu sehen, wenn sie zu Testzwecken aus ihren Hallen herausgefahren und zum Start aufgerichtet wurden. Das war im Kalten Krieg fast tägliche Routine auf der Raketenabschussstation. Interessant sind die großen Splitterschutzwälle. Sie legen noch heute Zeugnis davon ab, wie stark der Berg im Zuge der militärischen Nutzung umgestaltet wurde. Denn diese Wälle sind keineswegs aufgeschüttet, sondern stellen die Reste des ursprünglichen Sundernbergs dar, die bei den Bauarbeiten stehen gelassen worden waren. Gebaut wurde die Anlage vom Bauunternehmen Strabag. „Wir hatten abgemacht, dass wir das Abraummaterial mit den Baggern der Strabag auf unsere Fahrzeuge laden und abtransportieren konnten“, erinnert sich Justus Graf Kerssenbrock noch sehr genau. Mit dem Schotter aus Kalkmergel wurden die zahlreichen Waldwege, die zum Landbesitz des Gutes Brincke gehören, befestigt. „Als das Bundesvermögensamt auf uns zukam, haben wir uns ins Unvermeidliche gefügt und den Berg verkauft“, sagt Graf Kerssenbrock. „Ich habe aber stets gehofft, das Gelände noch zu meinen Lebzeiten wieder in Besitz nehmen zu können. Die Station war für 20 Jahre Nutzung gebaut. Inzwischen ist der Beton schon ganz schön mürbe“, erklärt er.

Schon während der Nutzungszeit wurden die Raketen modifiziert, so dass sie nun auch gegen Bodenziele eingesetzt werden konnten. Denn die großen Bomberflotten waren nicht mehr zeitgemäß, die Raketentechnik hatte sich weiterentwickelt, Flugabwehrraketen wurden weniger gebraucht.

Heute sind die Hallen und Plätze teils wieder vermietet

Übrigens: Bereits die Verkaufsverhandlungen hatten sich über viele Jahre hingezogen und auch der Rückkauf erwies sich als schwierig. Ging es Anfang der 60er Jahre neben dem Grundstückspreis vor allem um den Wert der Bäume, so ging es bei den Rückkaufsverhandlungen um die Hinterlassenschaften des Militärs. Heute sind die Hallen und befestigten Plätze teils vermietet.

Vor allem aber bietet der Sundernberg jetzt wieder den Anblick einer bewaldeten Bergkuppe. „Ich habe dort 40 000 Bäume pflanzen lassen“, sagt Graf Kerssenbrock. Und erinnert sich schmunzelnd an eine erste Behördenauflage, nachdem er den Berg zurückgekauft hatte: „Man sagte mir, ich sollte doch den Trockenrasen dort erhalten – aus Naturschutzgründen. Dabei hatten die Holländer den Berg nur regelmäßig mit Gift gespritzt, um Bewuchs zu verhindern. “

Auch diese Praxis ist jetzt längst Geschichte – zumindest auf dem Sundern.

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