Mama mit Befristung

63-Jährige nimmt Kinder in Krisensituationen auf

Uwe Pollmeier

Erinnerungen an Zeiträume: Regina Bzdega hat die Kinderzimmer liebevoll eingerichtet. Zudem ist es ihr wichtig, dass ihre Pflegekinder ihre Freizeit sinnvoll gestalten. Sei es durch Sportangebote oder durch das Erlernen verschiedener Musikinstrumente. - © Foto: Uwe Pollmeier
Erinnerungen an Zeiträume: Regina Bzdega hat die Kinderzimmer liebevoll eingerichtet. Zudem ist es ihr wichtig, dass ihre Pflegekinder ihre Freizeit sinnvoll gestalten. Sei es durch Sportangebote oder durch das Erlernen verschiedener Musikinstrumente. (© Foto: Uwe Pollmeier)

Borgholzhausen. Regina Bzdega gleitet mit dem Finger über den hölzernen Türrahmen. Darauf stehen mehr als zehn Mädchen- und Jungennamen, zudem einzelne Daten und Striche, welche die Größe des Kindes zum jeweiligen Zeitpunkt kennzeichnen. „Ich begleite diese Kinder nur eine Zeit lang und behandel sie dabei so, als ob es meine eigenen wären“, sagt Bzdega. Die 63-Jährige ist seit sieben Jahren als Pflegemutter tätig und war somit Teil einiger Lebensabschnitte von 15 Kindern und Jugendlichen.

Natürlich sei es, so Bzdega, emotional nicht so einfach, wenn ein Kind, das eine gewisse Zeit bei ihr gelebt hat, wieder zurück in die leibliche Familie geht. „Aber ich weiß das ja von Anfang an“, sagt Bzdega, die als Bereitschaftspflegemutter immer dann einspringt, wenn ein Kind kurzfristig und befristet aus einer familiären Konfliktsituation herausgenommen werden muss. „Die Gründe dafür sind meistens bekannt, manchmal ist jedoch die Vita des aufzunehmenden Kindes auch für sie wie ein leeres Blatt Papier. „Man kann sich manchmal gar nicht vorstellen, aus welcher Welt die Kinder kommen“, sagt Maj-Britt Beckersjürgen von der Regionalstelle Nord der Abteilung Jugend, Familie und Sozialer Dienst des Kreises Gütersloh. Man versuche, die Pflegeeltern so gut zu informieren, wie es nur ginge. „Aber es zeigt sich oft erst später, was mit den Kindern passiert ist“, sagt Beckersjürgen.

„Ich dachte erst, ich wäre zu alt. Und dann noch alleinerziehend“

Bzdega hat ihre eigene, leibliche Tochter alleine großgezogen. Als diese mit 17 »Hotel Mama« verließ, hätte Bzdega einen Gang zurückschalten können. Die selbstständige Steuerberaterin hätte sich entspannt in ihre letzten Arbeitsjahre begeben und von viel Freizeit im Rentenalter träumen können. Doch sie entschied sich anders. „Ich hatte so viel über Kindesmissbrauch in den Zeitungen gelesen und wollte helfen.“ Die Mutterinstinkte waren plötzlich wieder hellwach, und obwohl sie sich selbst gerade um ihre pflegebedürftige Mutter kümmerte, meldete sie sich beim Jugendamt als Pflegemutter. „Ich dachte erst, das ginge gar nicht, da ich alleinerziehend und zu alt bin“, sagt Bzdega. Aber es ging, und ihre leibliche Tochter hatte plötzlich Pflegegeschwister und fand dies anfangs gar nicht so prickelnd.

„Frau Bzdega ist mit Herz und Seele dabei. Das spüren die Kinder“, lobt Beckersjürgen die Pflegemutter. Sie sei zudem so flexibel, ein wahrer Glücksfall. Nur leider gibt es davon zu wenige, denn immerhin gab es im August 2015 mehr als 230 Pflegekinder im Kreis Gütersloh. Es werden daher dringend weitere Pflegefamilien gesucht, insbesondere für ältere Kinder und Jugendliche.

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Voraussetzungen für Dauerpflege

Neben der Bereitschaftspflege, wie Regina Bzdega sie ausführt, können Eltern ein Kind auch dauerhaft aufnehmen. Dafür müssen zunächst einmal einige Voraussetzungen erfüllt werden: Er muss in einer Partnerschaft (auch gleichgeschlechtlich) leben und darf maximal 45 Jahre alt sein. Ein erweitertes Führungszeugnis muss vorliegen. Ebenso ein ärztliches Zeugnis, so dass ansteckende Krankheiten auszuschließen sind. Eine gewisse Mobilität sollte gewährleistet sein. Zudem werden die Pflegeeltern intensiv geschult. Das Kind sollte ein eigenes Zimmer haben und es muss sicher sein, dass die Pflegeeltern nicht auf das Pflegegeld angewiesen sind.
Das NRW-Familienministerium hat Anfang 2015 die Pflegegelder erhöht. Demnach erhalten Pflegepersonen für Kinder bis zum vollendeten siebten Lebensjahr monatlich 738 Euro. Für Kinder zwischen sieben und 13 Jahren gibt es 809 Euro und für Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren gibt es 934 Euro. Mit 18 Jahren endet in der Regel die Unterbringung in einer Pflegefamilie. Interessierte können sich bei der Regionalstelle Nord des Pflegekinderdienstes im Kreis Gütersloh melden. Diese ist in der Wertherstraße 1 in Halle und unter Telefon (05201) 81450 erreichbar.

Bzdega erinnert sich an viele Ereignisse. Erinnerungen aus den vielen kleinen imaginären Familienalben, die in ihrem Kopf umherschwirren. Sie erzählt davon, wie sie mit ihrem Pflegekind beim Einkaufen deren Stiefvater traf, wie sie mitten in der Nacht ihre Tochter aus Versmold abholte, weil kein Bus mehr fuhr und wie sie jeden Morgen bis nach Oelde düste, um ihren Pflegesohn zu seiner gewohnten Schule zu bringen. Bzdega ist eine Art Patchwork-Single. Zwar immer ohne Mann und doch stets wieder neu zusammengewürfelt durch die Rotation der Kinder. „Wenn sie bei mir sind, gehen wir ein Stück des Weges gemeinsam“, sagt Bzdega. „An diesen Teilabschnitt sollen sie sich dann erinnern.“

Manch ein Kind fühlt sich förmlich erdrückt von der Liebe, die für Bzdega nur dem Normalmaß von dem entspricht, was ein Elternteil seinem Kind geben sollte. „’Du machst es mir zu schön’, hat mal ein Pflegekind zu mir gesagt“, erzählt die 63-Jährige mit feuchten Augen. „Was mache ich denn?“, fragt Bzdega. „Es sind doch nur Frühstück, Mittagessen und Abendbrot“, sagt die 63-Jährige. Und doch ist es so viel mehr, Dinge, die sie selbst gar nicht mehr erkennt. Dinge, die den Unterschied ausmachen zwischen geordnetem Alltag in einem situierten Haushalt und 24 Stunden mit sexuellem Missbrauch, Alkoholfahnen und Schlägen mit grün-blauen Folgezeichen auf der Haut.

„Alle Kinder haben sich später wieder bei mir gemeldet“

„Wenn sie hier sind, sind sie meine Kinder“, sagt Bzdega. Danach müsse man den Hebel umlegen, aber auch nicht gänzlich den Kontakt abschalten. „Wenn ein Kind geht, sage ich ihm immer, dass es sich melden kann. Niemand muss mich anrufen, aber jeder kann“, sagt Bzdega. Sie selbst würde sich niemals zuerst melden. Sie möchte der Wiedereingliederung des Kindes in die leibliche Familie nicht im Wege stehen. „Bisher haben sich alle gemeldet. Ich habe zu jedem Kind Kontakt“, sagt die Borgholzhausenerin nicht ohne Stolz.

Das bisher letzte Kind ging am 4. Oktober. Vermutlich wird bald wieder das Telefon klingeln. Und sicherlich wird auch bald Kind Nummer 16 kommen. Es ist ja noch Platz am Türrahmen. Und insbesondere in Bzdegas Herzen.

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