Kontaktloses Zahlen boomt im Kreis Gütersloh: "Bargeld wird verschwinden"

Sogar Kleinstbeträge beim Bäcker können mittlerweile mit Karte gezahlt werden. Warum das die Geldinstitute und den Einzelhandel gleichermaßen freut, erklärt Kay Klingsieck, Vorsitzender der Sparkasse Gütersloh-Rietberg.

Jeanette Salzmann

Die Bundesbank führt Statistik. Seit der ersten Erhebung aus dem Jahr 2008 ist der Umsatzanteil der Barzahlungen um etwas mehr als zehn Prozentpunkte gefallen. Dennoch gilt unverändert, dass Bargeld – in Bezug auf die Anzahl der Transaktionen – das am häufigsten genutzte Zahlungsmittel in Deutschland ist. - © Symbolbild/Pixabay
Die Bundesbank führt Statistik. Seit der ersten Erhebung aus dem Jahr 2008 ist der Umsatzanteil der Barzahlungen um etwas mehr als zehn Prozentpunkte gefallen. Dennoch gilt unverändert, dass Bargeld – in Bezug auf die Anzahl der Transaktionen – das am häufigsten genutzte Zahlungsmittel in Deutschland ist. (© Symbolbild/Pixabay)

Herr Klingsieck, wenn ich Sie jetzt bitten würde, Ihr Portemonnaie zu öffnen, wie viel Bargeld würde ich darin finden?

Kay Klingsieck: 15 oder 20 Euro.

Ist das normal, dass Sie mit wenig Bargeld durch die Gegend laufen?

Klingsieck: Ja. Ich nutze ganz, ganz wenig Bargeld. In den letzten zwei Jahren habe ich das forciert, dass ich fast alles mit Karte zahle.

Auch Kleinstbeträge beim Bäcker?

Klingsieck: Wenn es möglich ist, ja.

Warum? Sie haben den Bankschalter doch vor der Nase und könnten jederzeit Bargeld bekommen?

Klingsieck: Ich finde es angenehmer und super praktisch er. Ich muss nur die Karte vor das Terminal halten. Es macht einmal Piep und es ist abgebucht. Ich muss nicht im Portemonnaie kramen und nach einzelnen Münzen suchen. Und die Möglichkeit gibt es ja inzwischen fast in jedem Einzelhandelsgeschäft.

Profitiert der Einzelhandel davon, wenn wir Kunden die EC- Karte zum Bezahlen nutzen?

Klingsieck: Ja. Münzeinzahlungen kosten bei der Sparkasse Geld. Wir dürfen die Münzen hier nicht mehr zählen sondern müssen einen externen Dienstleister damit beauftragen. Das ist kostenintensiv. Je weniger Kleingeld der Einzelhändler also hat, umso preiswerter. Die Gefahr von Falschgeld wird dadurch ebenfalls minimiert und der Kassenabschluss abends ist auch schneller gemacht.

Die Statistik besagt aber, dass 88 Prozent der Deutschen nicht auf ihr Bargeld verzichten möchten. Das heißt aber doch, dass Angebot und Nutzer hier nicht so recht zueinanderfinden, oder?

Klingsieck: Noch nicht. Aber der Trend ist eindeutig. Jetzt in der Corona-Zeit hat die Nutzung der Kartenzahlung noch einmal deutlich zugenommen.

Was heißt denn deutlich?

Klingsieck: Wir haben 540.000 Kartenzahlungen im März registriert, das ist ein Plus von 15 Prozent gegenüber dem Monat Dezember. Bundesweit sind es sogar 11,4 Prozent Anstieg vom Februar zum März 2020. Man merkt also schon, dass die aktuelle Situation das Thema Kartenzahlung deutlich vorangebracht hat.

Als Chef eines Geldinstituts dürfte das ganz in Ihrem Interesse sein, weil es billiger wird, oder?

Klingsieck: Der Umgang mit Bargeld ist tatsächlich personalintensiver geworden – das liegt vor allem an den Auflagen durch den Umgang damit. Und natürlich müssen die Geldautomaten per Hand befüllt werden. Ich finde aber trotzdem, es ist eine Win-Win-Situation für Geldinstitut und Kunden.

Das Bargeld wird tatsächlich verschwinden?

Klingsieck: Es ist sehr wahrscheinlich, dass es zukünftig kein Bargeld mehr geben wird. Das ist jedoch ein längerer Prozess und erfolgt meiner Ansicht nach nicht in absehbarer Zeit.

Warum hängen die Deutschen denn bei der Kartenzahlung so sehr hinterher? In den USA oder Skandinavien wird man doch schief angeguckt, wenn man mit Bargeld bezahlen möchte.

Klingsieck: Es reicht schon, zu den Holländern rüberzuschauen. Selbst dort sind die Zahlen deutlich höher als bei uns. Es hat mit der Mentalität der Deutschen zu tun. Wir haben gerne unser Bargeld vor Ort und mögen die Transparenz im Geldbeutel. Ich registriere aber aktuell ein großes Umdenken in der Bevölkerung. Wenn man die Hürde erst einmal genommen hat, stellt man plötzlich fest, wie einfach das Bezahlen ohne Münzen ist.

Sicherheitsbedenken haben Sie nicht?

Klingsieck: Nein. Punkt. (lacht)

Früher war es der EC-Scheck aus Papier, dann die EC-Karte, dazu kam Onlinebanking, inzwischen haben wir Mobile Payment. Wohin geht die Entwicklung als nächstes?

Klingsieck: Mobile Payment wird jetzt erstmal den Standard definieren, das bedeutet, die Kreditkarte oder Bank-Karte im Handy zu hinterlegen. Vom Handy direkt zu bezahlen wird jetzt etabliert. Welcher Schritt dann als nächstes folgt, ist schwer zu sagen.

Dann entfernen wir uns auch von PIN-Nummern, sondern nutzen ausschließlich biometrische Daten?

Klingsieck: Genau. Fingerabdrücke, Iris- und Gesichtserkennung also Face-ID werden ja bereits genutzt. Ich will nicht ausschließen, dass der nächste Schritt eine gravierte Linse oder ein Implantat ist. Wir entstofflichen den Begriff Geld weil es ohne Bargeld nichts mehr gibt, was man als Zahlungsmittel anfassen kann.

Birgt das nicht die Gefahr, dass wir den Überblick verlieren und uns verschulden?

Klingsieck: Das glaube ich nicht, wenn man die Möglichkeiten gut nutzt. Über die Sparkassen-App kann ich mir jederzeit die Umsätze ansehen, ich kann einen Konto-Wecker installieren, der zum Beispiel klingelt, wenn ich ins Minus rutsche oder einen bestimmten Betrag unterschreite. Im Gegenzug kann ich eine Überweisung in wenigen Sekunden tätigen. Per Einscannen des QR-Codes, der auf der Rechnung steht oder durch das Fotografieren der Rechnung (Fotoüberweisung), ist das Geld schneller überwiesen als ich mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock fahren kann. Das ist prima und einfach! Und transparenter geht es eigentlich nicht.

Also ist es eher eine Gewöhnung?

Klingsieck: Absolut. Das merke ich an mir selbst. Ich kann die Sachen so schnell und unbürokratisch erledigen, wie ich es noch nie zuvor konnte.

Ist Geschwindigkeit auch eine Forderung, der Sie begegnen müssen?

Klingsieck: Ja. Gerade von den jüngeren Kundinnen und Kunden wird erwartet, das die Dinge zügig und einfach abgewickelt werden. Die kennen das ja auch nicht anders von anderen Plattformen.

Das wichtigste Utensil ist also das Handy, das inzwischen auch vorausgesetzt wird?

Klingsieck: Das ist so. Wer möchte, kann aber auch immer noch ein "Offline-Konto" von uns bekommen. Aber wir erleben schon, dass es nur wenige Menschen gibt, die kein Smartphone besitzen.

Wenn alle Bankgeschäfte künftig digital und virtuell laufen, schaffen Sie sich als Geldinstitut damit nicht selber ab?

Klingsieck: Nein, keinesfalls. Es wird anders. Die einfachen Dinge wie Überweisungen werden irgendwann nur noch online möglich sein. Aber wenn es darum geht, zum Beispiel eine Baufinanzierung abzuschließen, was ich vielleicht einmal im ganzen Leben mache, dann muss jemand persönlich beraten. Das gleiche gilt bei dem Thema Vermögensaufbau. Das ist so individuell, dass es immer noch wichtig ist und bleibt, jemanden vor Ort zu haben, mit dem ich vertrauensvoll darüber sprechen kann.

Das heißt aber, dass das Finanzwesen bei der Digitalisierung auch vor großen Umbrüchen steht?

Klingsieck: Definitiv. Aber ich sehe das Thema insgesamt auch als große Chance für die Sparkasse Gütersloh-Rietberg.

Warum?

Klingsieck: Ein einfaches Beispiel sind die Kreditakten, die wir gerade alle digitalisieren. Für den Berater wird das ein großer Gewinn sein, wenn er schnell auf die Akten zugreifen kann und mit Stichwortsuche alles findet und nicht mühsam Ordner für Ordner durchblättern muss.

Bislang kennen wir nur staatlich gedeckte Währung. Konzerne wie Vodafone oder Spotify stehen in den Startlöchern und drängeln auf den Geldmarkt. Machen Sie sich Sorgen über die Kryptowährung?

Klingsieck: Das ist sicherlich ein Thema. Wir beobachten auch ganz genau, was da vonstatten geht und welche Chancen dieser Markt bietet.

Wie viele Besuche verzeichnen Sie derzeit online?

Klingsieck: 350.000 pro Monat. Die Sparkassen App benutzen 22.000 unserer Kundinnen und Kunden.

Chatten kann man mit den Sparkassen-Mitarbeitern beim Onlinebanking bereits. Wird Videoberatung demnächst hinzukommen, weil Videokonferenzen gerade boomen?

Klingsieck: Videoberatung führen wir in einer Testfiliale tatsächlich gerade schon durch. Das wollen wir auch weiter forcieren, nur glaubt uns jetzt bestimmt keiner mehr, dass das schon vor Corona unser Plan war.

Wenn das Geldgeschäft nun zukünftig digital läuft, scheint es doch ein leichtes, unliebsame Personengruppen auf kurzem Wege auszuschließen. Ist das nicht eine Gefahr, dass Geld eines Tages nicht mehr allen zugänglich ist?

Klingsieck: Theoretisch ist das denkbar, aber für die Sparkasse gilt das nicht. Wir sind für die breite Bevölkerung da und das ist auch unser Geschäftsmodell.

Herr Klingsieck, Sie sind 41 Jahre alt. Damit fallen Sie in die Gruppe der jüngeren und vermutlich technikaffinen Menschen. Stoßen Sie beim Thema Digitalisierung eigentlich in Ihrem Haus auch an Grenzen?

Klingsieck: Absolut! Als ich mir die Sparkassen-Push-Tan-App auf dem Handy installiert hatte, habe ich sie verflucht. Ich habe mein Passwort vergessen, war dann nach drei Versuchen gesperrt, musste zu meiner Beraterin, die mich freundlicherweise sofort wieder frei geschaltet hat. Auch mir geht es so, dass ich mich manchmal dazu zwingen muss, neue Technik anzuwenden. Aber wenn alles läuft, kann ich mich dafür begeistern. Wir sind eben doch alle Gewohnheitsmenschen.

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