"Ihr ballert doch nur rum": Junge Jägerinnen trotzen verstaubtem Image

Bernadette Meyer-Berhorn (24) und Johanna Holtgreife (28) sind oft im Revier unterwegs. Sie kennen das Klischee, dass nur Männer jagen können, aber es bröckelt langsam - auch dank ihnen.

Lena Vanessa Niewald

Johanna Holtgreife (l., 28) und Bernadette Meyer-Berhorn (24) mit ihren Hunden am Huberthusheim in Rheda-Wiedenbrück - © Lena Vanessa Niewald
Johanna Holtgreife (l., 28) und Bernadette Meyer-Berhorn (24) mit ihren Hunden am Huberthusheim in Rheda-Wiedenbrück (© Lena Vanessa Niewald)

Kreis Gütersloh. Als sie ihren ersten Rehbock erlegt, kommen Bernadette Meyer-Berhorn die Tränen. Sie hat es wirklich getan, ein Tier getötet. Mit einer Waffe. "Es war erstmal ein Schock und ich habe mich echt gefragt, was ich da nur gemacht habe", erinnert sie sich heute schmunzelnd. Mittlerweile ist Meyer-Berhorn routinierter - die Aufregung von damals spürt sie aber immer noch. Die 24-Jährige hat seit zwei Jahren ihren Jagdschein und ist mächtig stolz darauf. Denn in ihrem Umfeld ist sie damit so ziemlich die Einzige und vor allem eine der Jüngsten.

Seit 2011 ist die Anzahl aller Absolventen von Jägerkursen um 46 Prozent gestiegen; jeder vierte Teilnehmer auf Bundesebe ist mittlerweile eine Frau, sagt Hans-Peter Koch, stellvertretender Hegeringleiter der Gütersloher Kreisjägerschaft. Beim letzten Jungjägerkurs der Kreisgruppe Gütersloh waren unter den 22 Jungjägern vier Frauen. "Das Waidwerk erfreut sich steigender Beliebtheit und es zeigt sich immer deutlicher, dass Jagen keine Männerdomäne mehr ist. Etwa sieben Prozent der Jagdschein-Besitzer in Deutschland sind mittlerweile Frauen."

Zu kitschig, um wahr zu sein?

Viele der Jungjäger sind laut Koch über die Ausbildung eines Jagdhundes in den Kreisjägerschaften zum Jagdschein gekommen. Sie möchten ihren Vierbeinern so die Möglichkeit geben, die erworbenen Fähigkeiten auch praktisch anwenden zu können - und eben dafür ist der Schein Pflicht. Bernadette Meyer-Berhorn hat an einem halbjährigen Ausbildungskurs im Hubertusheim in Rheda-Wiedenbrück teilgenommen. Anfangs zweimal die Woche, gegen Ende des Kurses sogar fünf Mal die Woche. Theorie und Praxis.

Welche Rechte gelten im Revier? Wie geht man mit einer Schusswaffe um? Welche Krankheiten können Tiere haben? Welche Tiere gibt es überhaupt im heimischen Wald und besonders wichtig: Welche von ihnen dürfen gejagt werden? Welche verschiedenen Bäume gibt es, welche Behörden? Was bedeutet Wildhygiene? Der Stoff, den die Jungjäger pauken müssen, ist umfangreich. Erst, wenn sie alle Bereiche kennengelernt haben und beherrschen, dürfen sie ins losziehen.

Johanna Holtgreife (28) hat ihren Jagdschein im vergangenen Jahr bestanden. Seitdem ist die gelernte Landwirtin so oft es geht im Revier unterwegs. Für Drückjagden,Treibjagden oder einfach, um die Bestände vor Ort zu kontrollieren. Ihr Freundeskreis besteht mittlerweile fast nur noch aus Jägern und Jagdbegeisterten. "Es ist wirklich einfacher und schöner, wenn man sich mit Menschen umgibt, die meine Liebe zur Jagd und zur Natur nachvollziehen können. Die Jagd ist kein Hobby für mich, sondern eine Berufung. Das klingt zwar immer so kitschig, aber es stimmt. Mein Leben ist mittlerweile darauf fokussiert."

Einer bleibt auf Parties immer nüchtern

Vermutlich würde das ohne das Verständnis der Freunde und Familie so nicht funktionieren, sagt Holtgreife. Ihr Partner hat selbst einen Jagdschein, ist sogar Revierpächter. "Einer von uns bleibt bei Parties zum Beispiel immer nüchtern. Es könnte ja ein Notfall im Revier sein und wir müssten sofort los." Sie weiß, dass es auch Menschen gibt, die für diesen ganzen Aufwand kein Verständnis haben.

Blöde Sprüche wie "ihr ballert doch sowieso nur", kennt sie zu genüge. Häufig wird sie im Wald angesprochen, etwa am Hochsitz. Nicht immer freundlich. "Ich kläre sie dann aber freundlich darüber auf, was ich genau mache. Manchmal komme ich gar nicht dazu, überhaupt auf den Hochsitz zu steigen, weil ich eine Stunde am Quatschen bin", sagt sie und muss lachen.

Sie betont immer wieder, dass es beim Jagen nicht um die Freude am Töten gehe, sondern darum, den Wald und die Tiere für den Menschen nutzbar zu machen. "Ich bin jedes Mal ehrfürchtig. Dort ist ein Lebewesen gestorben und das ist mir bewusst." Wenn Holtgreife Fleisch ist, dann mittlerweile fast ausschließlich Wild. Sie schätze das Fleisch auf ihrem Teller heute viel mehr, weil sie weiß, woher es stammt.

Dann gibt's wieder Mandarinen

Blöde Sprüche, weil sie als Frau auf die Jagd geht, erntet Holtgreife hingegen kaum - auch, wenn sie immer noch häufig die Einzige auf Touren ist. "Klar, hat man am Anfang gemerkt, dass sich einige gefragt haben: Kann die das überhaupt? Das ist aber ziemlich schnell verflogen. Wir müssen als Frauen einfach mal ein bisschen frischen Wind reinbringen", sagt sie und grinst. Bernadette Meyer-Berhorn hat das längst gemacht. Wenn sie mit auf Jagd ist, heißt es meist: "Oh wie schön, eine Frau ist dabei. Dann gibt's wieder Mandarinen auf dem Jagdwagen."

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