Gefangen am Bildschirm: Er zockte manchmal sieben Tage am Stück

Wie wird man medienabhängig? Ein Betroffener schildert, wie er nach und nach die Kontrolle verlor. Ulrich Kemper, Chefarzt der Klinik für Suchtmedizin am LWL-Klinikum Gütersloh, spricht über die Erkrankung.

Max Maschmann

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Gütersloh. 100 Prozent. So viele der befragten 14- bis 19-Jährigen hierzulande nutzten das Internet laut einer Studie im Deutschen Ärzteblatt. Unter den 20- bis 29-Jährigen waren es 98,4 Prozent. Die durchschnittliche Nutzungsdauer betrug demnach täglich 245 Minuten, über vier Stunden. „Mehr als 75 Prozent der 15- bis 25-Jährigen regeln ihre Internetaktivitäten inzwischen über das Handy", sagt Ulrich Kemper, Chefarzt der Klinik für Suchtmedizin am LWL- Klinikum Gütersloh. Eine exzessive Internetnutzung führe aber nicht automatisch zur Abhängigkeit, schränkt der Psychiater und Psychotherapeut ein.

Erst seit vergangenen Herbst ist die „Internet-Gaming-Disorder" (Störung durch Spielen von Internetspielen) eine von der Weltgesundheitsorganisation anerkannte psychische Erkrankung. Kemper findet diesen Begriff präziser als etwa die Handysucht, von der im Alltag oft die Rede ist. „Der Begriff der Handysucht ist falsch, weil nicht das Gerät süchtig macht, sondern das, was sich darauf befindet."

Handyspiele manipulieren die Nutzer - bewusst

Neun Kriterien gibt es für die Diagnose, fünf davon müssen in den vergangenen zwölf Monaten erfüllt worden sein. Darunter fallen Entzugssymptome wie Reizbarkeit oder Traurigkeit, wenn das Spielen entfällt, erfolglose Versuche, der Kontrolle, mangelndes Interesse an früheren Hobbys oder Gefährdung einer Beziehung beziehungsweise der Arbeitsstelle aufgrund des Spielens.

Handyspiele – egal ob on- oder offline – sind laut Kemper von Werbestrategen so angelegt, dass sie den Nutzer manipulieren, um ihn zu binden. Er nennt das Onlinespiel „Coin Master" als Beispiel, dem vorgeworfen wird, junge Menschen an das Glücksspiel heranzuführen. Nach einem Aufruf des Satirikers Jan Böhmermann hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien unlängst ein Verfahren gegen die Spieleapp eingeleitet.

"World of Warcraft war mein Untergang"

Unabhängig vom Ausgang werde bei Erfolgen in diesen oder ähnlichen Spielen Dopamin ausgeschüttet. Das Glückshormon wird auch bei Einnahme von Opiaten oder Amphetaminen freigesetzt und weckt den Wunsch nach Wiederholung. Bei Sozialen Netzwerken sei dagegen die Zahl der „Gefällt mir"-Angaben für die Anerkennung des Nutzers entscheidend. Bei Facebook und Co. komme die Sorge vor einer „Fear of missing out" hinzu, also die Angst in Abwesenheit etwas zu verpassen, die eine Bindung zu den einzelnen Plattformen schafft.

Für Sebastian Müller* (45) aus der Nähe von Bonn war indes das 2004 erschienene Online-Rollenspiel „World of Warcraft" sein „Untergang", wie er sagt. Müller ist in einem Dorf aufgewachsen und dort „das einzige Kind, das aus der Reihe tanzt". Müller ist Epileptiker, wird gemobbt. Mit elf Jahren entscheidet er sich freiwillig für den Besuch eines Wohnheims. Später, mit 19 Jahren, besucht er ein Internat, macht dort die Handelsschule und eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Mobbing? Fehlanzeige. „Es hat gut getan, dass dort alle gleich waren", sagt Müller, der mit Epileptikern oder körperlich Behinderten zusammenlebte.

Sieben Tage am Stück gezockt

Ein Sportunfall beim American Football ist es schließlich, der sich als Schicksalsschlag erweist und ihn in die Computerspielsucht treibt. Ein Dreivierteljahr verbringt er im Krankenhaus, wird sechsmal operiert. „Im rechten Bein war alles kaputt." Er verliert seine Arbeitsstelle, fällt in ein „tierisches Loch". Müller sucht Alternativen, findet sie in Computerspielen wie „Anno 1600" oder „Tomb Raider". Bis 2004 „World of Warcraft" (WOW) erscheint.

Ein Spiel, in dem der heute 45-Jährige „sehr, sehr, sehr erfolgreich" war, wie er sagt. Durch den Erfolg kommt die Anerkennung der Mitspieler. „Das hat mich gepusht, angetrieben und 15 Jahre bei WOW gehalten", sagt er. Vereinzelt spielt er sieben Tage am Stück, Koffeintabletten, Cola, Kaffee und Energydrinks halten ihn wach. Er sagt: „Hauptsache spielen". Gearbeitet hat er seit dem Sportunfall kaum noch. Wenn dann bei einer Zeitarbeitsfirma, um den Computer aufzurüsten oder sich einen neuen Monitor anzuschaffen. „Alles andere hätte mich vom Spielen abgehalten."

Bald ist er mit der Therapie fertig - wie geht's danach weiter?

Als eine längere Beziehung 2019 wegen der Spielsucht in die Brüche geht, wendet er sich zunächst an einen Freund, den er im Spiel kennengelernt hat, um sich bei ihm „zu berappeln", wie er sagt. Kurz darauf zieht er in eine Einrichtung für betreutes Wohnen und beginnt Mitte November die Therapie in der Salzmann-Klinik.

Das wichtigste dort seien die Gespräche mit den Therapeuten. Wenn er seine Therapie nun Anfang Februar beendet, will er langfristig „spielfrei bleiben und ins Arbeitsleben zurückkehren". Zunächst ehrenamtlich im Tierheim arbeiten, das könne er sich gut vorstellen. „Nie wieder", das betont er, wird er „World of Warcraft oder ein anderes Rollenspiel anrühren".

* Name auf Wunsch von der Redaktion geändert

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