Gläubige kehren der Kirche den Rücken

Die Zahl der Austritte ist enorm gestiegen. Bei den Katholiken hat sie sich innerhalb von zwei Jahren sogar verdoppelt. Ein Pfarrer bescheinigt der Entwicklung eine neue „Dynamik“.

Ludger Osterkamp

Bei den Katholiken hat sich die Zahl der Austritte innerhalb von zwei Jahren verdoppelt. - © Andreas Frücht
Bei den Katholiken hat sich die Zahl der Austritte innerhalb von zwei Jahren verdoppelt. (© Andreas Frücht)

Gütersloh. Immer mehr Gütersloher kehren der christlichen Kirche den Rücken zu. Das geht aus aktuellen Zahlen der katholischen und evangelischen Gemeinden hervor. Bei den Katholiken hat sich die Zahl der Austritte innerhalb von zwei Jahren sogar verdoppelt.

Demnach erklärten im Pastoralen Raum Gütersloh im vergangenen Jahr (Stand 15. Dezember) 349 Menschen ihren Austritt aus der katholischen Kirche. Im Jahr zuvor waren es 232 gewesen, 2017 lediglich 160. Von der evangelischen Kirche verabschiedeten sich in Gütersloh 250 Menschen. Diese Zahl stammt allerdings aus 2018, eine aktuelle für das abgelaufene Jahr war nicht zu bekommen.

Die Zahl der Katholiken und Protestanten hält sich in Gütersloh etwa die Waage. Die katholischen Gemeinden haben gut 30.000 Mitglieder, die evangelischen Gemeinden tausend weniger. Beide verlieren somit durch Austritt etwa ein Prozent ihrer Mitglieder. Ein weiteres halbes Prozent geht verloren, da die Zahl der Taufen nur halb so hoch ausfällt wie die der Todesfälle.

 "Der Trend ist nicht neu"

Die beiden Kirchen verfolgen die Entwicklung mit Sorge. „Der Trend ist nicht neu, aber er hat leider an Dynamik gewonnen", sagt Pfarrer Elmar Quante, als Leiter des Pastoralen Raumes oberster katholischer Geistlicher in Gütersloh. In den Nachbargemeinden sehe es nicht besser aus. Die katholische Kirche hat darauf reagiert, indem sie bundesweit mit dem »Synodalen Weg« eine Reforminitiative startete, in Gütersloh kommen eine neue Debattenkultur und das gemeinschaftliche Erstellen der künftigen Pastoralvereinbarung hinzu. Neun sogenannte »Visionsgruppen« wurden hierfür eingerichtet, im Frühjahr ist mit deren Ergebnissen zu rechnen.

Gleichwohl schlägt den Kirchenoberen auch vor Ort immer wieder Kritik entgegen. In Friedrichsdorf etwa erklärte Hermann Wullengerd, langjähriges Mitglied im Kirchenvorstand, im Sommer vergangenen Jahres seinen Rücktritt aus diesem Gremium. Er war über mehrere Entscheidungen verärgert, sagt Wullengerd. Bei der Renovierung von St. Friedrich einen fünfstelligen Betrag für einen neuen Altar auszugeben, sei Verschwendung gewesen, die Kirche vorübergehend als Taufort zu streichen, sei ebenfalls unnötig gewesen.

Die Menschen haben das Gefühl, die Kirche entferne sich von ihnen

Dass die schrumpfende Zahl an Pfarrern es schwierig mache, jeder Gemeinde eine direkte Bezugsperson zu bewahren, leuchte ein, gleichwohl hätten viele Menschen in Friedrichsdorf und Avenwedde das Gefühl, die Kirche entferne sich von ihr. Weiterer Beleg dafür sei, dass die Zahl der Seelenämter für Verstorbene stark reduziert wurde, sehr zum Missfallen der Angehörigen und Trauernden. Viele Friedrichsdorfer hätten sich ferner da
rüber geärgert, dass die katholische Gemeinde ihr Pfarrheim als Treffpunkt für die Befürworter der Ortsumgehung zur Verfügung gestellt habe. „Die Kirche sollte sich aus politischen Debatten möglichst raushalten", so Wullengerd, „auf keinen Fall aber darf sie derart Position beziehen. Sie soll die Menschen vereinen, nicht spalten."

Wullengerd hatte dem Kirchenvorstand seit 2002 angehört. Trotz seines Rückzuges und trotz allen Verdrusses „auch über das, was da oft in Rom passiert", liege es ihm fern, aus der Kirche auszutreten, sagt der 66-Jährige. Er sehe vielmehr mit Bedauern, dass die Zahl der Gottesdienstbesucher stetig abnehme.

Manchmal sehe er sich sonntags beim Hochamt in Friedrichsdorf um und stelle fest, dass unter den Besuchern in der Kirche nur eine Hand voll Menschen unter 60 Jahre alt sei. „Ich finde, wir Christen sollten uns bemühen, dass sich diese Entwicklung umkehrt."

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