Bielefelderin darf nicht in die Reha - weil sie zu viel wiegt

Nach einem Sturz liegt Ursula M. lange im Krankenhaus. Eine Anschluss-Heilbehandlung soll sie wieder auf die Beine bringen. Doch darauf lässt die Krankenkasse die 66-Jährige erst monatelang warten. Dann soll sie eine Verzichtserklärung unterzeichnen – weil sie zu schwer ist.

Christine Panhorst

Das Gesundheitssystem ist auf schwere Patienten wie Ursula M. (66) schlecht eingestellt. - © Wolfgang Rudolf
Das Gesundheitssystem ist auf schwere Patienten wie Ursula M. (66) schlecht eingestellt. (© Wolfgang Rudolf)

Bielefeld. Seit ihrer Jugend kämpft Ursula M. gegen die Pfunde. Im Frühjahr ringt sich die Jöllenbeckerin auf Bitten ihrer Kinder zu einem drastischen Schritt durch: Die Ärzte halten nur eine Magenoperation für langfristig erfolgversprechend. Doch während der OP-Vorbereitung stürzt Ursula M. schwer und liegt wochenlang im Krankenhaus. Ihre Hoffnung setzt die 66-Jährige jetzt in die bereits bewilligte Rehabilitation. Doch nach monatelangem Warten soll sie freiwillig darauf verzichten. Weil sie zu viel wiegt.

"Das ist wirklich eine Unverschämtheit"

Sie sei keine die sich schnell beschwere, betont Ursula M. „Aber das ist wirklich eine Unverschämtheit." Die Krankenkasse habe ihr mitgeteilt, sie müsse zuerst 60 Kilo abnehmen, damit die Klinik in Bad Lippspringe sie aufnehmen könne. „Wie soll ich das denn so schnell ohne Hilfe schaffen?" Ursula M. wiegt heute knapp 200 Kilo.

Die Jöllenbeckerin weiß, was manche über sie denken: Verächtliche Blicke in der Straßenbahn, Menschen, die über sie tuscheln, das sei sie gewohnt, sagt die ehemalige Friseurin. Die Leute kennen ihre Geschichte nicht. „Ich weiß gar nicht, wie viele Diäten ich im Laufe meines Lebens schon ausprobiert habe." Keine habe langfristig Erfolg gebracht. Vor 20 Jahren versuchte M. es mit einem Magenband, das jedoch riss. „Ich hatte solche Schmerzen."

„Ich konnte mir selbst nicht helfen, ich war verzweifelt"

M. ist nicht die Einzige in ihrer Familie, die mit Übergewicht zu kämpfen hat. Es gebe da schon eine Veranlagung. „Mein Mann war dagegen ganz schlank. Und er hat mich immer so akzeptiert, wie ich bin." Bis zu seinem Tod vor sechs Jahren. M. wischt sich eine Träne von der Wange. In ihrer Trauer habe sie damals wieder zugenommen. „Ich kriege das Abnehmen so alleine nicht hin." Die Magen-Verkleinerung in einer Stuttgarter Spezialklinik soll ihr Leben 2019 endlich leichter machen. Doch es kommt anders.

Die Entwässerungstabletten, die M. Anfang August in Vorbereitung auf die Operation nehmen muss, verursachen bei ihr Schwindel- und Schwächegefühle. Die 66-Jährige, die am Rollator geht, stürzt in ihrer Wohnung und kann aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen. Auch ein Telefon ist nicht in erreichbarer Nähe. 23 Stunden liegt Ursula M. so in ihrer Wohnung, bevor eine Nachbarin durch ihre Rufe alarmiert wird. „Ich konnte mir selbst nicht helfen, ich war verzweifelt."

Als sie auf der Intensivstation aufwacht, ist sie fortan 24 Stunden am Tag auf ein Sauerstoffgerät angewiesen. Trotzdem sagt sie: „Das Leben ist so schön." Dann passiert die Sache mit der Reha.

Warum zwei Kliniken absagten

Als Ursula M. Mitte August aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen wird, hat die AOK Nordwest Westfalen-Lippe (WL) eine stationäre Rehabilitation zwar bewilligt, doch noch ist kein Platz gefunden. Dank ihrer Familie kann Ursula M. den Alltag zu Hause bewältigen. „Irgendwie ging es", sagt sie.

Währenddessen vergehen erst Wochen, dann Monate. Im Oktober hat ihre Krankenkasse jedoch noch immer keinen Reha-Platz für sie. „Man hat mir nur mitgeteilt, dass zwei Kliniken in Bad Salzuflen und Bad Lippspringe abgesagt hätten." Auch wegen ihres hohen Übergewichts. „Danach hab ich wieder wochenlang nichts gehört." Im November schickt die AOK Nordwest plötzlich ein Formular: „Ich sollte auf meinen Reha-Anspruch verzichten. Da war ich richtig sauer." Ursula M. wendet sich an die NW.

Auf Anfrage erklärt die AOK Nordwest das Wartezeit-Fiasko damit, dass die zunächst reservierte Median-Klinik Bad Salzuflen die Aufnahme von Frau M. „aus medizinischen Gründen" abgelehnt habe. Zudem sei die Martinusquelle in Bad Lippspringe angefragt worden, „die allerdings Frau M. wegen des hohen Gewichtes (etwa 200 kg) nicht aufnehmen konnte." Die Problematik: Neben einem notwendigen Schwerlastbett muss auch die allgemeine Klinik-Ausstattung den besonderen Anforderungen bei Adipositas (krankhaftes Übergewicht) entsprechen. „Aufgrund dieser besonderen Herausforderungen haben wir die regionale Suche nach einer geeigneten Klinik mit den Hauptindikationen ,Erkrankung der Atemwege’ sowie ,Adipositas’ bundesweit ausgedehnt", so die AOK Nordwest.

Problem im Gesundheitssystem

Nur zwei Wochen nach Anfrage der NW führt dies endlich zum Ergebnis: Eine Klinik aus Königsfeld im Schwarzwald könnte Ursula M. Mitte Februar 2020 aufnehmen – ein halbes Jahr nach ihrem Krankenhausaufenthalt. Doch die siebenstündige Fahrt ist für Ursula M. gesundheitlich nicht zu bewältigen. Eine nahegelegene Klinik in Bad Rothenfelde ist ebenfalls auf Adipositas-Patienten eingestellt. Doch für die Aufnahme müsste Ursula M. mindestens 500 Meter zu Fuß selbstständig zurücklegen können. Am Rollator. Mit Sauerstoffgerät. „Ich weiß nicht, ob ich das schaffe", sagt die Jöllenbeckerin verzweifelt. Sie überlegt jetzt, ob sie die Verzichtserklärung doch unterschreiben muss.

Dass Ursula M. kein Einzelfall ist, weiß Sprecherin Stefanie Gerlach von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft. Da es keine Regelleistung der Krankenkassen bei Adipositas in Deutschland gebe, bekomme man als Betroffener auch keine guten Auskünfte, erklärt sie. „In Deutschland haben wir eine desolate Versorgungssituation für Patienten mit Adipositas. Es ist die einzige chronische Krankheit, für die es keine Regelversorgung gibt. Es gibt auch nicht flächendeckend geeignete Anlaufstellen für Beratung oder eine leitliniengerechte Therapie."

Von einem Menschen mit Übergewicht werde gewissermaßen erwartet, dass er sich selbst therapiere, so Gerlach. „Ja, unser Gesundheitssystem ist diskriminierend im Hinblick auf Menschen mit starkem Übergewicht." Betroffene müssten sich durch den Dschungel des Gesundheitssystems selbst durchkämpfen. Therapiert werden so oft erst spätere Folge- und Begleiterkrankungen.

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