Bielefelder Handwerker packen aus: So dreist sind die Bewerber heute

Bielefelder Betriebe geben Einblicke in ihre "abenteuerlichen Bewerbungsgespräche" und in ihre Sorgen, guten Nachwuchs zu finden

Ingo Kalischek

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Bielefeld. Betriebe in der Stadt berichten von erschreckenden Bewerbungsgesprächen und völlig unvorbereiteten Kandidaten. Deshalb müssten die Firmen immer wieder Bewerber ablehnen, obwohl sie die in Zeiten des Fachkräftemangels eigentlich dringend bräuchten.

Karin F. (Name geändert) führt ein kleines Bielefelder Handwerksunternehmen. Bewerbungsgespräche habe sie schon mehrfach abbrechen müssen. Auf die Frage „Was interessiert Sie an dem Beruf?" habe ein Bewerber geantwortet: „Eigentlich interessiert mich nur meine Playstation. Vor der sitze ich den ganzen Tag." Ein weiterer Bewerber habe auf die Frage „Weshalb haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?" geantwortet: „Meine Mutter sagt, ’mach Bau, da ist nicht so viel Schule‘".

Als Karin F. einem Kandidaten am Telefon mitteilte, dass Pünktlichkeit vorausgesetzt werde, habe dieser aufgelegt. Ein anderer Bewerber sei während des Gesprächs „völlig bekifft" gewesen und habe durchgehend in die Ecke des Raumes gestarrt.

Karin F.: „Ich wusste nicht, ob ich weinen oder lachen soll." Sie habe das Gespräch daraufhin abgebrochen, um ein bisschen frische Luft zu schnappen - und sich abzureagieren. "Ich dachte kurz, dass ich bei der 'Versteckten Kamera' bin."

"Die sind nicht in der Lage, ohne Taschenrechner 5+5 auszurechnen"

Ein skurriler Einzelfall und einfach bloß Pech mit den Bewerbern? "Nein", sagt Karin F. "Ich weiß von vielen Betrieben, dass sie ähnliche Erfahrungen machen." Der Chef eines Bielefelder Sanitärbetriebs bestätigt das. Er berichtet: „Es kommen Neuntklässler für ein Praktikum zu uns, die nicht in der Lage sind, ohne Taschenrechner 5+5 auszurechnen."

Auch ein betrunkener Bewerber habe sich dem Unternehmen vorgestellt. "Ich habe ihn dann nach Hause geschickt und die Schule informiert. Das konnte der junge Mann nicht nachvollziehen." Die Qualität der Praktikanten und Azubis sei insgesamt schlechter geworden, sagt der Unternehmer und fügt an: „Ich kann jeden Betrieb verstehen, der nicht mehr ausbilden will. Doch dann würde die Situation ja noch schlimmer." Man müsse den Leuten also immer wieder eine Chance geben.

Torsten Hermann arbeitet bei der Diakonie Süd und kümmert sich kostenlos um Jugendliche, die Probleme bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz haben. „Manchmal erschrecke ich, mit welch unrealistischer Selbsteinschätzung Jugendliche in die Gespräche gehen." Zu ihm kämen junge Männer, die vergeblich 200 Bewerbungen geschrieben hätten. Hermann erkenne häufig auf den ersten Blick, warum diese Bewerber bislang nicht vermittelt werden konnten.

Regelmäßig melden sich Firmen, die verzweifelt Azubis suchen

Gemeinsam arbeitet er mit den Bewerbern an der Körpersprache, Gestik, Mimik und Gesprächsführung. Er sagt: "Jeder von ihnen hat ein Smartphone, aber einige sind nicht in der Lage, zuhause an ihrem Computer eine Bewerbung zu schreiben."

Sie auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten, dauere manchmal bis zu einem Jahr, sagt Hermann. Genau das sei aber wichtig. „Wir müssen uns individueller und gründlicher um diese Menschen kümmern." Regelmäßig meldeten sich Unternehmen bei Hermann, die verzweifelt Azubis suchten. „Die Listen der IHK mit Firmen, die noch suchen, werden immer länger."

Für Michael Junker von Junker Bauunternehmen sei nicht entscheidend, welchen Schulabschluss ein Bewerber habe, sondern wie motiviert er sei. Genau an diesem Punkt unterschieden sich häufig deutsche von ausländischen Bewerbern. „Junge Menschen mit Migrationshintergrund haben oft noch den Biss, wirklich zu arbeiten", sagt Junker. "Es gibt Bewerber, die gehen absolut gar nicht. Sie wissen im Gespräch gar nicht, warum sie überhaupt da sitzen."

"Können nicht permanent die Defizite im sozialen Benehmen auffangen"

Junker habe diesen Menschen immer eine Chance gegeben - in Form eines Praktikums. "Wir sind aber auch nicht dafür da, permanent die Defizite im sozialen Benehmen junger Menschen aufzufangen." Doch gleichzeitig werde es immer schwieriger, an gute Leute zu kommen. Deshalb bliebe den Betrieben oft nichts anderes übrig, als weiter Gespräche zu führen und Praktika anzubieten. Auch, wenn das manchmal ein böses Erwachen habe.

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