Bielefelder Studie zu Hass auf Geräusche liefert erste Ergebnisse

Eine Untersuchung der Psychotherapie-Ambulanz der Universität Bielefeld zu Misophonie löst bundesweit Interesse aus. Der Bedarf ist groß, mehr als 200 Betroffene melden sich.

Carolin Nieder-Entgelmeier

Es gibt Menschen, die auf bestimmte Geräusche heftig reagieren. - © Symbolfoto/Pixabay
Es gibt Menschen, die auf bestimmte Geräusche heftig reagieren. (© Symbolfoto/Pixabay)

Bielefeld. Kollegen, die ständig mit dem Kugelschreiber klicken. Familienmitglieder, die beim Abendbrot schmatzen. Fremde, die in er Straßenbahn ihren Kaffee schlürfen. Jeder kennt Menschen, die mit ihrer Rücksichtslosigkeit Mitmenschen in den Wahnsinn treiben. Viele Menschen reagieren darauf mit Ekel, Entnervung oder Wut, doch es gibt auch Menschen, die unter Geräuschen so sehr leiden, dass die Lebensqualität leidet. Wenn Geräusche dauerhaft zu Belastungen führen, wird das als Misophonie bezeichnet, den Hass auf Geräusche. Um mehr darüber zu erfahren, untersucht eine Studie der Psychotherapie-Ambulanz der Universität Bielefeld Misophonie. Wie groß der Bedarf ist, zeigt die Resonanz: Mehr als 200 Betroffene melden sich bei dem Forscherteam für Interviews.

Das große Interesse an der Studie überrascht die Bielefelder Wissenschaftlerinnen Sarah Hommel, Ellen Bürger und Hanna Kley. „Die Resonanz ist gewaltig", sagt die geschäftsführende Leiterin der Psychotherapie-Ambulanz, Hanna Kley. „Aus ganz Deutschland kommen seit Herbst 2018 Anfragen von Betroffenen und Ärzten. Viele sind sehr dankbar, dass die Misophonie erforscht wird, denn der Leidensdruck ist mitunter sehr hoch." Mit mehr als 100 Betroffenen haben Kley und ihr Team Gespräche geführt. „Die Interviews enthalten Fragen zu Reaktionen auf Geräusche und den daraus entstehenden Belastungen." Um zu erfahren, ob Probanden neben der Geräuschempfindlichkeit unter weiteren Belastungen leiden, wurden die Betroffenen zudem nach psychischen Symptomen befragt, wie Schlafstörungen, Ängsten oder körperlichen Beschwerden.

Auf Geräusche reagieren Betroffene mit starkem körperlichen Unbehagen

Erforschen Misophonie: Ellen Bürger (v. l.), Sarah Hommel und Hanna Kleyvon der Psychotherapie-Ambulanz der Universität Bielefeld. - © Uni Bielefeld
Erforschen Misophonie: Ellen Bürger (v. l.), Sarah Hommel und Hanna Kleyvon der Psychotherapie-Ambulanz der Universität Bielefeld. (© Uni Bielefeld)

Mit dem Abschluss der Interviews haben Kley und ihr Team nun den ersten großen Teil ihrer Studie abgeschlossen. Für 2020 planen sie die Veröffentlichung der Ergebnisse. Fest steht laut Kley aber bereits jetzt: „Misophonie ist keine Begleiterkrankung einer psychischen Erkrankung." Die Ergebnisse der Studie deuten zwar daraufhin, dass viele Menschen, die an Misophonie leiden, auch an einer psychischen Erkrankung leiden. „Ich muss aber keine psychische Erkrankung haben, um an Misophonie zu leiden." Kley vermutet, dass sich an der Studie viele Menschen beteiligt haben, die bereits aufgrund einer psychischen Erkrankung Erfahrungen mit Psychotherapeuten gesammelt haben. „Die Offenheit der Betroffenen war beeindruckend."

Menschen, die an Misophonie leiden, berichten von unterschiedlichen Auslösern, wie Kauen, Schniefen, Husten, Schlürfen, Schmatzen oder wiederholtem Wippen mit dem Fuß. „Darauf reagieren Betroffene mit starkem körperlichen Unbehagen und extrem negativen Gefühlen. Dann möchten Betroffene am liebsten weglaufen oder den Verursachern an den Kragen gehen", erklärt Kley. Für Misophonie müssen jedoch noch andere Faktoren zutreffen. „Als Folge der Abscheu müssen sich die Betroffenen in ihrem Leben eingeschränkt fühlen. Das kann sich darin äußern, dass bestimmte Situationen vermieden werden oder nur unter starker Anspannung ertragen werden." Betroffene meiden laut Kley zum Beispiel öffentliche Verkehrsmittel und sind bereits bei dem Gedanken an die nächste Schicht mit dem schmatzenden Kollegen angespannt. „Dadurch kann sogar das Familienleben oder die Beziehung zum Partner belastet sein."

Das Leiden beginnt für viele Betroffene im Kindesalter

Misophonie ist bislang noch keine klassifizierte Krankheit, auch Behandlungsmethoden sind nach Angaben von Kley noch sehr begrenzt. „Allerdings hat sich in den vergangenen Monaten etwas getan. Es gibt vor allem Einzelfallstudien, aus denen sich Behandlungsansätze ableiten lassen", erklärt Kley. „Die Grundfrage besteht aber weiter: Müssen Betroffene lernen, damit umzugehen oder ist es veränderbar?" Strategien der kognitiven Verhaltensforschung haben sich laut Kley als hilfreich erwiesen. „Wenn Betroffene lernen, andere Gedanken zu finden oder ihre Impulse zu kontrollieren, kann das sehr helfen." Auch Nebengeräusche können Erleichterung bringen. „Wenn Essgeräusche unerträglich sind, hilft vielleicht ein Radio, das nebenbei läuft."

Perspektivisch plant das Bielefelder Forschungsteam die Entwicklung von Behandlungsansätzen. „Wir bleiben in jedem Fall an dem Thema dran, weil der Bedarf groß ist. Wir tragen aktuell die Ergebnisse von Studien zusammen, um zu prüfen, welche Strategien erfolgreich sind und zum Ausprobieren geeignet sind." Besonders in den Blick nehmen wollen Kley und ihr Team, den Aspekt, dass die Leiden vieler Betroffenen bereits im Kindesalter begonnen haben. Darauf war unsere Studie gar nicht ausgeleget, deshalb lohnt es sich hier, noch mal genauer hinzuschauen."

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