Warum wollen so wenige Männer an Grundschulen arbeiten?

Nur zehn Prozent der Lehrkräfte an Grundschulen sind Männer. Ein junger Lehrer und eine Professorin für Grundschulpädagogik erklären, warum das so ist und was sich ändern muss.

Jemima Wittig

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Paderborn. Er ist der Hahn im Korb. Sascha Karas ist der einzige Lehrer an der Grundschule Auf der Lieth in Paderborn. Er hat 15 Kolleginnen. Damit ist der 30-Jährige selbst zwar eine Seltenheit, die Lage aber ist es nicht.

Im Schuljahr 2018/2019 waren laut Statistischem Landesamt genau zehn Prozent der Lehrer an Grundschulen in OWL männlich. Das sind 0,6 Prozent mehr als fünf Jahre zuvor. 1.004 Lehrer arbeiten an Grundschulen in Bielefeld, der Anteil von 12,5 Prozent ist der höchste in OWL. Mit 8,5 Prozent ist der Männeranteil im Kreis Herford am geringsten.

Laut Statistik gab es den höchsten Männeranteil in der Lehrerschaft an Gymnasien mit 39,7 Prozent. Auch in Zukunft wird sich an der Verteilung wenig ändern. Denn derzeit liegt der Männeranteil beim Lehramt Grundschule im Wintersemester 2019/20 an der Universität Paderborn bei 27 Prozent. An der Bielefelder Universität waren es im Wintersemester 2018/19 lediglich 17 Prozent.

Schlechtere Bezahlung und weniger Aufstiegschancen als Ursachen

Petra Büker ist Professorin für Grundschulpädagogik und Frühe Bildung an der Paderborner Uni. "Die Geschlechterverteilung ist gesellschaftlich gewachsen", erklärt sie den geringen Anteil männlicher Lehrkräfte an den Grundschulen. "Die Erziehung junger Kinder wird seit Generationen den Frauen zugeschrieben." Auch die schlechtere Bezahlung und weniger Aufstiegschancen sieht sie als Ursachen an, dafür aber eine gute Vereinbarkeit mit der Familie: "An Grundschulen arbeitet im Schnitt mehr als jede zweite Frau in Teilzeit", zitiert Büker aus einer Erhebung von 2016.

"An der Grundschule geht es weniger um das Fachliche, als um das Didaktische", sagt auch Karas. "Vielleicht interessiert das nicht so viele Männer". Vielleicht sei auch die Bezahlung ein Aspekt. Er selbst hätte nie eine andere Schulform in Betracht gezogen. Denn schon seit einem Praktikum in der neunten Klasse an seiner eigenen Grundschule unweit der polnischen Grenze sei für ihn klar gewesen: Das ist das, was er machen möchte. Das Berufsbild ist ihm von klein auf nicht fremd. Seine Mutter unterrichtet an einer Förderschule. "Ich komme gut mit kleinen Kindern klar", sagt er.

Die Kinder freuen sich über eine männliche Bezugsperson

Er würde zwar gerne auf Geschlechtsgenossen im Lehrerzimmer treffen, sei es aber gewohnt, mit Frauen zu arbeiten. "Ich kann gut auf andere zugehen", sagt Karas. "Außerdem kenne ich es nicht anders." In Praktika und seinem Studium an der Paderborner Uni sei er immer in der Unterzahl gewesen. Er erinnert sich an nur drei weitere Studenten, die die Fächerkombination Mathematik und Sachunterricht auf Grundschullehramt studiert hätten.

Die Kinder und deren Eltern würden immer positiv auf ihn reagieren. Schon im Kindergarten sind die Schülerinnen und Schüler immer von Frauen umgeben, da sei es schön, auch eine männliche Bezugsperson zu haben, werde ihm signalisiert. Außerdem hat er die Erfahrung gemacht, dass die Kinder schneller auf seine tiefe Stimme reagieren, als auf die seiner Kolleginnen.

Traditionelle Geschlechterrollen aufbrechen

Mit einer gegenteiligen Ansicht kämen manche der Studenten während des Praxissemesters zu Büker. "Heutzutage fühlen sich immer mehr Männer dem Generalverdacht der sexualisierten Gewalt gegen Kinder ausgesetzt", sagt sie. Das führe zu Verunsicherung und sie würden sich fragen, was die Eltern über sie denken, wenn sich zum Beispiel ein Kind bei ihnen auf den Schoß setzt. "Es braucht eine Reflexion und einen offenen Dialog mit den Kindern, deren Eltern und den Kolleginnen", so Büker.

Um mehr Männer an die Grundschulen zu locken, müssten laut der Pädagogin die traditionellen Geschlechterrollen aufgebrochen werden. "Die Kinder müssen an den Schulen die Vielfalt der Geschlechterrollen und -ausprägungen sehen, die es gibt." Außerdem müsse das Grundschullehramt durch eine gleiche Bezahlung aufgewertet werden.

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