"Es geht nicht mehr": Bielefelder Krankenschwester gibt auf - und geht in Rente

Die Schilderungen eines Bielefelder Krankenpflegers haben zu vielen Reaktionen geführt. In den Augen zweier Pflegekräfte sei die Situation auf den Stationen viel schlimmer als im Artikel dargestellt

Ingo Kalischek

Auch die Bielefelder Krankenschwestern sind großem Stress und Zeitdruck ausgesetzt. - © Symbolbild: Pixabay
Auch die Bielefelder Krankenschwestern sind großem Stress und Zeitdruck ausgesetzt. (© Symbolbild: Pixabay)

Bielefeld. Maria F. hat soeben 12 Tage am Stück auf der Intensivstation gearbeitet, als sie zum Hörer greift und in der Redaktion anruft. Die Bielefelderin hatte in der NW einen Artikel über einen Krankenpfleger gelesen, der darin Missstände in seinem Arbeitsalltag benennt. Die aber gehen Maria S. längst nicht weit genug. „Ich kann diesen Beruf jungen Leuten derzeit überhaupt nicht empfehlen", sagt sie hörbar aufgebracht. Auch eine weitere Krankenschwester meldete sich in der Redaktion, um ein sensibles Thema anzusprechen.

Maria F. heißt eigentlich anders, doch ihren richtigen Namen möchte sie auf keinen Fall nennen, da sie Angst vor Konsequenzen habe. Sie arbeitet seit rund 40 Jahren in einem Bielefelder Krankenhaus. „Es hat sich so viel verändert." Auf der Intensivstation habe sie während ihrer Schicht früher einen Patienten betreut; heute seien es bis zu vier. „Ich möchte meine Patienten mit Würde behandeln. Das ist mir ganz wichtig", sagt sie mit dünner Stimme. "Ich möchte Patienten nicht fixieren müssen, wenn das ein Notfall verlangt, sondern mir für sie Zeit nehmen. Doch genau das kann ich immer seltener, weil ich schnell zum nächsten Patienten rennen muss. Das macht mich fertig."

Patienten blieben heute oft länger

Dafür mache sie zwei Gründe aus: Die Stationen seien chronisch unterbesetzt – und der Genesungsprozess der immer älteren Patienten dauere häufig immer länger – aufgrund von Zivilisationskrankheiten. Maria F. nennt ein Beispiel: „Wenn wir einem Patienten die Gallenblase entfernen müssen, dann ist er früher meist eine Nacht auf der Intensivstation geblieben und wurde dann auf die Normalstation verlegt."

Heute müssten vor allem ältere Patienten aufgrund ihrer vielen Vorerkrankungen in solchen Fällen oft mehrere Tage bis hin zu Wochen auf der Station bleiben, da die Komplikationsrate steige und Begleiterscheinungen öfter auftreten würden. „Diese Patienten sind oft über ernährt, sie haben hohen Blutdruck und es zeigen sich die Folgen von zu viel Alkohol- und Nikotingenuss", sagt Maria F. und spricht mitunter von "Wohlstandserkrankungen". Das führe nicht selten dazu, dass sich während des Krankheitsverlaufs neue Probleme ergeben – und sich der Heilungsprozess somit letztlich verzögern würde.

Für Pflegekräfte wie Maria F. bedeutet das vor allem eins: mehr Stress. Damit einher steige die Fehlerquote. Doch Fehler – wie das Verabreichen eines falschen Medikaments im Notfall – dürfe sie sich nicht erlauben. Auf der Intensivstation geht es um Leben und Tod. Und letztlich auch um Haftung. Ein Knochenjob sei ihr Beruf so oder so. „Es fällt mir immer schwerer, als knapp 60-jährige Frau einen 160 Kilogramm schweren Patienten allein im Bett umzudrehen." Dafür bräuchte sie eigentlich Unterstützung.

„Eigentlich sollte doch die Pflege am Patienten im Vordergrund stehen!"

Eine weitere Bielefelder Krankenschwester kritisiert in einem Schreiben an die Redaktion, dass das Pflegepersonal Engpässe regelmäßig auffangen müsse – und dann als Ansprechpartner für Alles und Jeden herhalte. So nehme auch das Putzen und Aufräumen einen großen Teil ihrer Arbeit ein, schreibt die Frau, die kürzlich ihre Arbeitszeit reduziert hat. „Eigentlich sollte doch die Pflege am Patienten im Vordergrund stehen!"

Die Bielefelderin schreibt weiter: „Auch mir wurde schon einmal von einer Angehörigen das Pflegeleitbild auf den Tisch geknallt mit den Worten, dass ich wohl meinen Beruf verfehlt hätte. Und das nur, weil ich zu verstehen gegeben habe, dass man nicht zu zweit in einem Bett liegen sollte." Bei ihren Nachtschichten müsse die Krankenschwester eine 36-Betten-Station betreuen. „Die Stimmung unter den Pflegekräften ist sehr angespannt." Junge Kollegen seien nach kurzer Zeit schnell am Limit.

Was Maria F. besonders ärgere – da es sich schnell ändern lasse – sei die fehlende Wertschätzung der Pflegedienstleitung und Geschäftsführung. „Sie müssen sich besser organisieren", höre sie dann, wenn sie Kritik vortrage. Was sie ebenfalls sehr störe: „Es gibt in Kliniken keine Arbeitsplätze und Tätigkeitsfelder für ältere Mitarbeiter." Psychische und körperliche Belastung seien enorm, "das halte ich auf Dauer nicht mehr aus."

Und was ist positiv? Wie lässt sich die Situation verbessern? Wo gibt es Hoffnung? Maria F. fordert mehr Wertschätzung, ein Umdenken der Geschäftsführungen in den Kliniken und einen "Ruck in der Politik". Ansonsten fällt beiden Frauen angesichts der aktuellen Situation ein positiver Ausblick offenbar eher schwer: „Ich habe immer gern als Krankenschwester gearbeitet, was mir aber unter den aktuellen Umständen immer schwerer fällt", schreibt die eine. Und Maria F. sagt: „Es scheint mir unmöglich, bis ins Alter von 67 in diesem Beruf zu arbeiten. Ich werde vorzeitig in Rente gehen – mit Abschlägen."

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